Donnerstag, 06. Oktober 2022

Corona-Krisenmanagement
Bundesgesundheitsminister Lauterbach hat sich verrannt

Die geplanten Corona-Herbstregeln der Ampel-Koalition sind widersprüchlich, lebensfremd und verwirrend, meint Johannes Kuhn. Der Versuch von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sie zu erklären, werfe nur neue Fragen auf.

Ein Kommentar von Johannes Kuhn | 12.08.2022

Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, gibt eine Pressekonferenz zur Corona-Lage.
"Wo es klare Kommunikation bräuchte, wirft der Gesundheitsminister neue Fragen auf", kommentiert Johannes Kuhn. (picture alliance/dpa/Kay Nietfeld)
Karl Lauterbach muss erklären, was eigentlich kaum nachvollziehbar ist. Das Problem: Die widersprüchlichen Corona-Regeln, die ab Herbst gelten sollen, hat er selbst maßgeblich mitentwickelt. Die Ausnahme bei der Innenraum-Maskenpflicht zum Beispiel - die soll es für Geimpfte geben, aber bekanntlich nur, wenn die Impfung in den letzten drei Monaten stattfand.

Lebensfremde Maskenregelung für Innenräumen

Um die Kontrolle zu vereinfachen, soll das Impfzertifikat der Corona-Warn-App nun für 90 Tagen einen grünen Rahmen bekommen. Und drinnen - in Restaurant, Freizeiteinrichtung oder Club - , so der Minister, da könne man ja zwischendurch Stichproben machen. Also prüfen, ob dort jemand wirklich unerlaubt ohne Maske herumläuft.
Das ist nicht nur lebensfremd; es zeigt auch, wie achselzuckend der Staat in dieser Krise immer komplexere Kontrollaufgaben an die Privatwirtschaft delegiert. Die mäßig bezahlten Mitarbeitenden in Gastronomie und Veranstaltungsgewerbe dürfen sich nun nicht nur als Impfzertifikatsprüfer, sondern auch als Maskendetektive beweisen.

Die Drei-Monats-Ausnahmeregel erzeugt Verwirrung

Vor allem aber: Selbst, wenn die Lauterbachsche Versuchsanordnung funktionieren würde, wäre ihre Wirkung begrenzt: Auch Geimpfte können sich anstecken oder ansteckend sein. Gleichzeitig aber ist die Gefahr lebensbedrohlicher Verläufe mit Omikron deutlich geringer, zumal für die grundimmunisierte Mehrheit.
So bleibt der Eindruck, dass es dem Gesundheitsminister mit diesem Konstrukt vor allem darum geht, den zweiten Booster attraktiver zu machen. Eine völlig unangemessene Strategie, die schon jetzt als gescheitert gelten darf: Die Drei-Monats-Ausnahmeregel hat in der Bevölkerung in Sachen Booster-Wirksamkeit vor allem für eines gesorgt: Verwirrung.

Statt klarer Kommunikation neue Fragen

Wo es klare Kommunikation bräuchte, wirft der Gesundheitsminister neue Fragen auf. Das gilt auch für das Ziel der staatlichen Corona-Politik: Das bestand bekanntermaßen bislang daraus, eine Überlastung des Gesundheitssystems und der kritischen Infrastruktur zu verhindern.
Nun erklärt Lauterbach das alles zum Nebenziel: Es gehe grundsätzlich darum, Todesfälle, schwere Erkrankungen und Long-Covid-Fälle zu verhindern. Was zunächst nachvollziehbar klingt, bedeutet eine Verschiebung des Schwerpunkts: Denn zu welchem Zeitpunkt enden die so begründeten Schutzmaßnahmen bei einer Krankheit, die nicht mehr verschwinden wird?
All das verstärkt den Eindruck, dass Karl Lauterbach sich verrannt hat. Er selbst sieht, das hat er erneut klargemacht, keinen Korrekturbedarf. Dabei braucht es für den Herbst nichts dringender als eine Corona-Strategie, die alle nachvollziehen können.
Johannes Kuhn

Johannes Kuhn

Johannes Kuhn, Jahrgang 1979, hat Anglistik und Germanistik in Würzburg und Jyväskylä studiert. Nach der Volontärsausbildung an der Berliner Journalisten-Schule (BJS) arbeitete er zunächst als Redakteur bei ZEIT Online in Hamburg und Berlin. Danach gut zehn Jahre für die "Süddeutsche Zeitung" (Online und Print) tätig, unter anderem zwischen 2014 und 2019 als freier Korrespondent im Westen der USA. Seit Sommer 2019 freier Korrespondent im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios. Schwerpunktthemen: Digitalpolitik und gesellschaftliche Digitalisierung sowie die Partei Die Linke.