Donnerstag, 09.07.2020
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteKommentare und Themen der WocheEine Wette auf die Zukunft02.05.2020

Corona-LockerungenEine Wette auf die Zukunft

Die Wirtschaft ächzt, Eltern sind am Limit, Kinder leiden: Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in den Debatten um mögliche Lockerungen der Corona-Maßnahmen hart geblieben, kommentiert Brigitte Fehrle. Doch in der Diskussion geht es kaum noch um die Frage von Leben und Tod und um die Unberechenbarkeit des Virus.

Von Brigitte Fehrle

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gibt nach der Videokonferenz mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer eine Pressekonferenz. (dpa-Bildfunk / Kay Nietfeld)
Eiserne Nerven scheint Bundeskanzlerin Angela Merkel zu haben, kommentiert Brigitte Fehrle. Denn die Zustimmung der Bevölkerung zu den verordneten Maßnahmen sinkt. (dpa-Bildfunk / Kay Nietfeld)
Mehr zum Coronavirus

Wissenschaft, Gesellschaft, Wirtschaft und Zahlen - Überblick zum Coronavirus 

Zahlen und Entwicklungen - wie Zahlen zu bewerten sind

Coronavirus-Impfstoffe - Stand der Entwicklung

Coronavirus-Medikamente - (altbekannte) Hoffnungsträger

Coronavirus und die Gesellschaft - Folgen der Kontakteinschränkungen

Coronavirus und die Wirtschaft - Auswirkungen der Coronakrise

Herdenimmunität - warum sie im Kampf gegen das Coronavirus wichtig ist

Reproduktionszahl - was man von dieser Kennzahl ableiten kann

Handy-Tracking - wie das Tracking von Infizierten funktioniert 

Kritik an Studien - wo sich die Wissenschaft angreifbar macht

EU-Finanzhilfen in der Coronakrise - Coronabonds, ESM-Rettungsschirm und Co.

Angela Merkel ist hart geblieben. Den Begehrlichkeiten einzelner Ministerpräsidenten und einflussreicher Lobbyverbände auf raschere Lockerungen in der Coronakrise hat die Kanzlerin widerstanden. Eiserne Nerven attestierte ihr kürzlich der Bayerische Ministerpräsident Söder. Die scheint sie tatsächlich zu haben. Denn der Druck hat enorm zugenommen. Mit guten Argumenten. Die Wirtschaft ächzt, Eltern sind am Limit, Kinder leiden. Gleichzeitig beklagen Intellektuelle und viele Bürger die Einschränkung der Freiheitsrechte.

Die Zustimmung der Bevölkerung zu den verordneten Maßnahmen und die Bereitschaft, sich daran zu halten, ist mit den steigenden Temperaturen gesunken. Seit Ostern verzeichnen die Experten zunehmende soziale Kontakte der Menschen. Ein Seismograph für Sorglosigkeit. Wir sind in einer seltsam disparaten Situation. Der Feldversuch Corona lässt Viele ihre bisherigen Grundsätze und Überzeugungen vergessen.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

In diesen risikoreichen Zeiten will keiner mehr ein Risiko tragen

Noch nie hat die Wirtschaft so laut und so durchdringend nach dem Staat gerufen, wie in dieser Krise. Großunternehmen, Mittelstand, Einzelhändler, Gastronomie, Reiseveranstalter, Selbstständige – alle fordern Hilfen ein. In diesen risikoreichen Zeiten will keiner mehr ein Risiko tragen. Selbst diejenigen nicht, von denen man es aufgrund wirtschaftlicher Stärke erwarten dürfte.

Noch nie war sich die Gesellschaft so einig darüber, dass Kinder Kinder brauchen. Man hat buchstäblich am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, keine Möglichkeit der Betreuung in Kitas und Grundschulen zu haben.

Noch nie hat die Politik so intensiv den Rat von Fachleuten gesucht und sich beraten lassen. Doch, jetzt, wo die Wissenschaftler täglich gehört werden, wundert man sich, dass diese sich auch irren, in der irrigen Vorstellung, Wissenschaft sei objektiv und unfehlbar.

Es wäre großartig, aus diesen und anderen Verunsicherungen würde ein neues Verhältnis zwischen Politik, Bürgern und Wirtschaft entstehen. Viel Hoffnung ist da allerdings nicht. Denn die reflexhaften Appelle an die Politik, die Forderung nach Planbarkeit und Sicherheit erwecken den Anschein, als verhandle man über COVID-19 mit der Regierung, dabei verhandeln wir ja in letzter Instanz mit der Natur.Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter (Deutschlandradio)Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter! (Deutschlandradio)

Inzwischen sind Gesellschaft und Politik im Verwaltungsmodus angekommen. Selten nur noch geht es um das Eigentliche: Um die Frage von Leben und Tod und um die Unberechenbarkeit des Virus. Denn das ist es ja, was uns die drastischen Maßnahmen akzeptieren lässt. Dass wir keine Ahnung haben, wie genau dieses Virus tötet, und dass wir über kein Gegenmittel verfügen.

Vielleicht hilft es zurückzuschauen, um wieder Orientierung in dieser Krise zu bekommen. Es waren die Bilder aus Italien, die Berichte über überfüllte Krankenhäuser, fehlende Intensivbetten, Pflegepersonal am Limit, ungeheuerliche Todeszahlen, die uns überzeugt haben, harte Maßnahmen wie die Kontaktverbote zu akzeptieren.

Bislang haben wir sie gewonnen

Italiens Ärzte mussten in manchen Gegenden im Angesicht der fehlenden Behandlungskapazitäten diejenigen bevorzugt behandeln, die die besten Überlebenschancen hatten. Wozu das führte war klar. Alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen wurden dem Tod überlassen. In diese Situation wollte Deutschland weder die Ärzte, noch die Betroffenen und deren Angehörige bringen. Das steckt hinter dem Satz: Wir wollen das Gesundheitssystem nicht überfordern.

Das ist geschafft. Vorläufig. Manche ziehen jetzt daraus den Schluss, die Maßnahmen seien überflüssig oder zumindest übertrieben gewesen. Vielleicht. Und ganz sicher gäbe es einen würdevolleren Umgang mit alten, mehrfach kranken Menschen, als sie an Beatmungsgeräten hängend sterben zu lassen.

Aber wer jetzt mehr Freiheit für sich fordert, muss sich darüber im Klaren sein, dass dies zur größeren Unfreiheit anderer führt. Der Satz: "Wir müssen die Risikogruppe schützen", heißt so gesehen nichts anderes, als deren Freiheit schmerzhaft einzuschränken - und damit die Belastung derer, die für sie sorgen müssen zu erhöhen.

Für sie bedeutet es noch strengere Isolation noch weniger Kontakte. Jeder darf von seinem Standpunkt aus argumentieren und für seine Interessen streiten. Die Politik muss abwägen. Die Maßnahmen und ihre Lockerung sind eine Wette auf die Zukunft. Bislang haben wir sie gewonnen. 

Brigitte Fehrle, freie Journalistin (Christine Blohmann)Brigitte Fehrle, freie Journalistin (Christine Blohmann)Brigitte Fehrle, Jahrgang 1954, studierte Politikwissenschaften in Berlin an der Freien Universität. Sie arbeitete dann als Redakteurin zunächst für die "taz", ab 1990 für die "Berliner Zeitung", wechselte zur Wochenzeitung "Die Zeit" und zur "Frankfurter Rundschau" und kehrte 2009 zur "Berliner Zeitung" zurück. Bis September 2016 war sie dort Chefredakteurin, jetzt ist sie freie Journalistin.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk