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StartseiteKommentare und Themen der WocheRichtig, dass Israel das öffentliche Leben weiter lockert07.03.2021

Corona-Lockerungen Richtig, dass Israel das öffentliche Leben weiter lockert

In Israel haben nun auch Restaurants wieder geöffnet. Teilweise dürfen nur Geimpfte Platz nehmen. Auch an Universitäten gilt: Rein darf nur, wer einen „Grünen Pass“ hat. Völlig legitim, kommentiert Benjamin Hammer. Aber nur, weil hier der Impfstoff breit verfügbar ist.

Ein Kommentar von Benjamin Hammer

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Restaurants in Israel haben wieder geöffnet. (dpa/ picture alliande/ZUMA Wire)
Restaurants in Israel haben wieder geöffnet (dpa/ picture alliande/ZUMA Wire)
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Das waren heute wirklich schöne Szenen in den Restaurants von Tel Aviv. An einem Tisch saßen drei alte Damen und tranken Wein. Daneben ein Sohn mit seiner Mutter. An einem großen Tisch saß eine ganze Familie. Alle Gäste hatten ein Lächeln auf dem Gesicht. Zum ersten Mal seit sechs Monaten durften Restaurants wieder richtig öffnen. Die Zeit, in der die Restaurantkultur von Lieferdiensten und Styroportellern dominiert wurde, ist in Israel endlich vorbei.

Ohne Mundschutz im Restaurant

Natürlich fühlte sich das etwas merkwürdig an. Ohne Mundschutz im Restaurant zu sitzen. Nur etwa einen Meter von anderen Gästen entfernt. Aber es spricht viel dafür, dass die Sache gutgeht.

Israel hat seine Bevölkerung so schnell geimpft, wie kein anderes Flächenland. Möglich wurde dies durch einen Deal mit Biontech und Pfizer. Die liefern bevorzugt Impfstoff an Israel. Und bekommen dafür Daten, wie gut der Impfstoff funktioniert. Es ist verständlich, wenn dieser Deal in Europa etwas Neid auslöst. Aber: Es geht um vergleichsweise wenige Impfdosen. Israel hat Europa nichts weggenommen. Und: Auch Europa profitiert von diesen Erkenntnissen aus Israel: 

Erstens: Der Impfstoff schützt – nicht nur im Labor und in Studien. Bei Geimpften gibt es praktisch keine schweren Verläufe und Todesfälle mehr. Zweitens – auch wenn diese Daten noch mit etwas Vorsicht betrachtet werden müssen: Geimpfte geben das Virus offenbar auch nicht oder sehr selten weiter.

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Richtig, dass Israel weiter lockert

Deshalb ist es richtig, dass Israel das öffentliche Leben weiter lockert. Und noch etwas ist gut: Dass Israel in vielen Bereichen des Lebens zwischen Geimpften und Ungeimpften differenziert. Ins Fitnesscenter kommen Israelis nur mit dem sogenannten "Grünen Pass". Dem Impfnachweis. Gleiches gilt für Innenbereiche von Restaurants. Und seit heute auch für Universitäten. Wer keine Impfung hat, muss draußen bleiben. Dieses Vorgehen entspricht schlicht wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wer geimpft ist, gefährdet andere mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Wer nicht geimpft ist, schon. Nicht Geimpfte werden nicht diskriminiert. Stattdessen bekommen Israelis mit Impfpass einen Teil ihrer Rechte zurück.

Das macht aber alles nur Sinn, wenn es genug Impfstoff gibt. In Israel ist das der Fall. Hier können sich alle über 16 impfen lassen. In Deutschland hingegen wäre diese Praxis ungerecht. Noch. Wenn sich jede und jeder impfen lassen kann, sollte es auch in Europa "Grüne Pässe" geben.

Israels Regierung feiert sich in diesen Wochen als Impfweltmeister. Premierminister Benjamin Netanjahu erklärt die Pandemie in seinem Land für beendet. Das Timing für den wegen Korruption angeklagten Netanjahu könnte kaum besser sein: In etwa zwei Wochen wählt Israel ein neues Parlament.

Netanjahus Fehler bleiben in Erinnerung

Doch erstens ist die Pandemie auch in Israel nicht vorüber, weil sich das Virus bei jenen ohne Impfung weiter schnell ausbreitet. Und zweitens bleibt der Umgang der Regierung mit der Pandemie in großen Teilen desolat. Im vergangenen Jahr wurden Lockdowns viel zu schnell gelockert. Die Menschen konnten in großer Zahl die Quarantäneregeln nach der Einreise brechen. Die Polizei setzte Corona-Regeln in einem Teil der Bevölkerung – bei den Ultra-Orthodoxen – praktisch nicht durch.

Israels Erfolg basiert daher einzig und allein auf der guten Versorgung mit Impfstoff. Und nicht auf Disziplin oder mutigen Entscheidungen, wie das etwa in Neuseeland und Australien der Fall ist. Premier Netanjahu feiert sich deshalb zu Recht für die gute Versorgung mit Impfstoff. Seine Fehler – vor allem die Bevorzugung seiner ultra-orthodoxen Koalitionspartner – bleiben aber in Erinnerung.

In Erinnerung werden auch die "Grünen Pässe" Israels bleiben. Die neuen Freiheiten für Geimpfte. Es fühlt sich sehr gut an, in engen Räumen zu sein und zu wissen: Alle anderen sind auch geimpft. Ab dem Sommer – wenn hoffentlich genug Impfstoff da ist - sollten die Freiheiten nur für Geimpfte auch in Deutschland kommen. Wer sich impfen lassen kann, das aber bewusst ablehnt, muss das akzeptieren.

Benjamin Hammer, ARD-Korrespondent in Tel Aviv (BR)Benjamin Hammer, ARD-Korrespondent in Tel Aviv (BR) Benjamin Hammer wurde 1983 in Köln geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Köln und Dublin. Während des Studiums plante und begleitete er Studienreisen nach Israel und in die palästinensischen Gebiete. Benjamin Hammer ist Absolvent der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. Anschließend volontierte er bei der Deutschen Welle. Von 2011 bis 2017 war Benjamin Hammer Redakteur in der Wirtschaftsredaktion des Deutschlandfunks. Im Sommer 2015 arbeitete er für das Hauptstadtstudio von Deutschlandradio. Ein Jahr später folgten Vertretungen im ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv. Dort arbeitet Benjamin Hammer seit dem Sommer 2017 als Korrespondent. 

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