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StartseiteKommentare und Themen der WocheFürs Ausprobieren haben wir keine Zeit mehr12.03.2021

Corona-ManagementFürs Ausprobieren haben wir keine Zeit mehr

Schlüssig sei am Pandemie-Management von Bund und Ländern gar nichts mehr, kommentiert Dlf-Hauptstadtkorrespondent Frank Capellan. Spätestens bei einer Öffnungspolitik, die sich auf fiktive Teststrategien und Pilotprojekte stütze, höre das Verständnis auf.

Ein Kommentar von Frank Capellan

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Ein Mann geht in ein Corona-Testzentrum. Die Berliner können sich ab Montag (08.03.2021) einmal pro Woche unentgeltlich auf das Coronavirus testen lassen. (picture alliance / dpa / Christophe Gateau)
Bei Deutschlands "Teststrategie" sieht Frank Capellan großen Nachbesserungsbedarf (picture alliance / dpa / Christophe Gateau)
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Immer wieder freitags dasselbe Ritual. Lothar Wieler warnt. Lothar Wieler ermahnt. Lothar Wieler legt neue Zahlen auf den Tisch. Mutationen, dritte Welle, unkalkulierbare Risiken. Selbst bei den unter 15-Jährigen schießen die Infektionszahlen in die Höhe, in Kitas gibt es mehr Corona-Fälle als vor Weihnachten – recht düster, was der Chef des Robert-Koch-Instituts da verkündet.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Und ja – eigentlich – müssten unsere Kinder besser weiter zu Hause bleiben, aus rein medizinischer Sicht. Das gibt Wieler zu. Jens Spahn sah das bis vor Kurzem noch ähnlich, aber die Politik hat längst vor dem öffentlichen Druck kapituliert. "Gesundheitsschutz ist wichtig, aber nicht absolut", erklärt der Christdemokrat heute. 16 Kinder über Stunden in einem Klassenraum sind okay, draußen aber schreibt derselbe Minister den Kindern vor, sich nur mit Freunden aus einem anderen Haushalt zu treffen. Macht das Sinn?!? "Es geht um das Abwägen zwischen den Gefahren der Krankheit und denen des Zuhausebleibens", betont Spahn und verweist auf das angeblich ganz neue Instrument im Werkzeugkasten der Pandemie-Bekämpfer: die Tests!

Eine Frau lässt sich testen (picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt) (picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt)Wie man sich auf Corona testen lassen kann Kostenlose Schnelltests und Selbsttests in den Supermärkten – es gibt viele verschiedene Tests für CARS-CoV2. Welche Tests sind auf dem Markt, was kosten sie und wo kann man sich testen lassen? Die Tests unterscheiden sich in ihrer Anwendung, Dauer und Aussagekraft.

Teststrategie, die es de facto nicht gibt

Spätestens da hört es auf mit dem Verständnis. Schul- und Kitaöffnungen lassen sich nicht mit einer Teststrategie begründen, die es de facto nicht gibt. In Berlin schaffen es die Verantwortlichen gerade mal, die Lehrenden zu testen, nicht die Kinder. Der bisher angedachte einmalige Test pro Woche schafft zudem nur eine trügerische Sicherheit. Dass ein Schüler im Grundschulalter sich selbst zuverlässig testen kann, lässt sich bezweifeln. Medizinstudenten sollen aushelfen, und in Köln wird in 23 Schulen erst einmal mit dem "Lolly-Test" experimentiert… Lutschen statt in der Nase bohren. Nettes Projekt…

Auf Pilotprojekte verweist Jens Spahn allen Ernstes auch mit Blick auf Impfungen durch Hausärzte. Das offenbart, was alles schief gelaufen ist: Fürs Ausprobieren haben wir keine Zeit mehr. Wir müssen schneller werden, beim Testen und beim Impfen! Spahn und Wieler aber reden sich und uns die Dinge schön: Anders als behauptet sind nicht einmal die über 80-Jährigen mehrheitlich geschützt.

Eine Mitarbeiterin eines mobilen Impfteam spritzt einem Senioren in der Hausarztpraxis den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer. (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Jens Büttner) (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Jens Büttner)Das ändert sich, wenn die Hausärzte impfen Im zweiten Quartal 2021 sollen die niedergelassenen Ärzte mit in die Corona-Impfstrategie eingebunden werden. Die Politik hofft, so Schwung in die schleppende Impfkampagne zu bekommen. Auch die Impfpriorisierung soll aufgeweicht werden. Betriebsärzte arbeiten ebenfalls an einer Lösung.

Epidemiologen warnen vor Explosion der Zahlen

Es bleibt allein die Hoffnung, dass sich die Epidemiologen allesamt irren. Sie warnen weiter vor einer Explosion der Zahlen – allein das Öffnen von Gartencentern und Baumärkten könnte dazu führen – und in Brandenburg soll nicht einmal mehr die vermeintliche Notbremse, die 100er-Inzidenz, gelten…

Schlüssig ist im Corona-Management von Bund und Ländern gar nichts mehr. Mehr Redlichkeit und weniger Rituale wären das Mindeste, was wir jetzt noch erwarten dürften!

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

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