Freitag, 18.09.2020
 
Seit 20:05 Uhr Das Feature
StartseiteKommentare und Themen der WocheDer wesentliche Baustein wurde vergessen25.08.2020

Corona-Maßnahmen an SchulenDer wesentliche Baustein wurde vergessen

Dass die getroffenen Corona-Vorkehrungen an Schulen nicht reichten, zeigt sich bundesweit an deren Schließungen, kommentiert Sina Fröhndrich. Davon sind alle Beteiligten genervt. Politikerinnen, Politikern und Behörden lässt sich nur ein Armutszeugnis ausstellen - es fehlt eine klare Strategie.

Von Sina Fröhndrich

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Nahaufnahme von Kopf und Schultern der Schülerin, die ein blaue Maske trägt und mit konzentriertem Blick schreibt.   (Guido Kirchner/dpa)
12.08.2020, Nordrhein-Westfalen, Münster: Eine Schülerin der Klasse 8a der Gesamtschule in Münster sitzt nach den Sommerferien mit einer Mund- und Nasenmaske an ihrem Tisch und schriebt etwas in ihren Stundenplan. (Guido Kirchner/dpa)
Mehr zum Thema

Unterricht und COVID-19 Rückkehr zum normalen Schulbetrieb ist verantwortunglos

Autor Kaube "Lehrkräfte sind darauf eingestellt, in Gesichter zu schauen"

Schule nach den Sommerferien Digitaler Unterricht bleibt die Herausforderung

Aufstockung des Digitalpakts Schule Laptops und Computer für benachteiligte Schüler

Die ersten Schultage sind meist ziemlich aufregend für Eltern und Kinder, vor allem in der 1. Klasse. Alles ist neu und der Alltag stellt sich um. In diesem Jahr kommen für die "Ersties" noch jede Menge Corona-Auflagen dazu. Doch für einige Klassen endete dieser besondere Neustart schon nach wenigen Tagen – statt Mathe und Deutsch steht Quarantäne auf dem Stundenplan. Für die ganze Klasse. Das Gesundheitsamt überlässt die spärliche Kommunikation der Schule. Zentral organisierte Tests für die Kinder? Fehlanzeige. So habe ich den Schulstart gerade in Köln erlebt. Und so entsteht dieser Kommentar auch im Homeoffice – neben einem Kind in Quarantäne.

Schüler in einer Klasse aufgenommen (dpa/APA/HELMUT FOHRINGER) (dpa/APA/HELMUT FOHRINGER)Unterricht unter Corona-Bedingungen
Forscher, Virologen, Eltern und Lehrer blicken sehr unterschiedlich auf Schulunterricht unter Corona-Bedingungen. Forschungsergebnisse aus der ersten Jahreshälfte sind auf dem Prüfstand, derweil hat die Schule wieder begonnen. Ein Überblick über die Standpunkte.

Warum wird überall, nur nicht in Schulen nicht getestet?

Dass die getroffenen Vorkehrungen nicht reichen, das zeigt sich bundesweit – überall werden immer wieder Schulen geschlossen oder Klassen in die Quarantäne geschickt. Eltern und Kinder sind zu Recht genervt und verunsichert – denn während sie in den Ferien ihre Hausaufgaben gemacht haben, mehr oder weniger wissen, wie man Abstand hält und Maske trägt – lässt sich zuständigen Politikerinnen und Politikern und Behörden nur ein Armutszeugnis ausstellen. Es fehlt eine klare Strategie – und das obwohl es genug Zeit dafür gab. Da wurden die Schulen erst dicht gemacht, dann wieder ein bisschen geöffnet. Und jetzt, wo es tatsächlich wieder in den Regelbetrieb geht, wurde der wesentliche Baustein vergessen: Es wird nicht getestet – ein fataler Fehler, der schnellst möglichst behoben werden muss.

Wie kann es sein, dass für andere Bereiche Tests zur Verfügung gestellt werden – nicht aber für die Schulen? Gefühlt überall in Deutschland wird getestet: Das gilt – bislang zumindest - für all jene, die aus dem Urlaub aus einem Risikogebiet zurückkehrten. Bei Fußballmannschaften wird ein Abstrich gemacht – und auch an Filmsets wird jede Menge Testkapazität verwendet. Die Großveranstaltung Schule allerdings bleibt außen vor. Allein in Köln gibt es etwa 300 Schulen – mit insgesamt mehr als 100.000 Schülerinnen und Schülern. Schule ist Massenveranstaltung – und auch wenn Kinder das Virus vielleicht leichter wegstecken, so sind sie doch Überträger. Deswegen ist völlig klar, dass hier getestet werden muss. Ein Gymnasium in Berlin macht vor, wie es gehen könnte: Dort wird einmal pro Woche durchgetestet. Warum ist das nicht längst überall verbindlich vorgeschrieben?

Frust, Ärger und Stress – bei allen Beteiligten

Es braucht mobile Testteams, die schnell einer ganzen Klasse einen Abstrich entnehmen können, wenn dort ein positiver Fall bekannt wird. Denn klar ist: Wenn in den kommenden Wochen immer wieder Klassen für zwei Wochen in die Quarantäne geschickt werden, sorgt das für Frust, Ärger und Stress – bei allen Beteiligten. Es wurde viel darüber geredet, wie wichtig offene Schulen seien, doch in der Praxis wirkt das wie hohles Gerede.

Ohne Teststrategie steht uns ein dunkler Herbst bevor. Dann, wenn Kinder bei jedem kleinen Schnupfen tagelang zu Hause bleiben müssen. Wenn Eltern und Kinder die Geduld verlieren, weil sie schon wieder ausgebremst werden, weil Homeoffice schon wieder Homeschooling bedeutet. Wenn Eltern sich untereinander in die Haare bekommen, wer denn dieses Mal übernimmt. All das kann niemand wollen – und deswegen dürfen Schule nicht erneut weit unten auf der Prioritätenliste landen.

Sina Fröhndrich, Dlf-Wirtschaftsredakteurin (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Sina Fröhndrich, Jahrgang 1984, ist Redakteurin in der Abteilung "Wirtschaft und Gesellschaft". Sie ist aufgewachsen in Brandenburg und hat Alte Geschichte, Evangelische Theologie und Journalistik in Leipzig und Florenz studiert. Vor ihrem Volontariat beim Deutschlandradio hat sie beim Lokalradio der Universität Leipzig mephisto 97.6, MDR Info, MDR Sputnik und DRadio Wissen gearbeitet.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk