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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Kommunikation muss konsistent und eindeutig sein02.01.2021

Corona-MaßnahmenDie Kommunikation muss konsistent und eindeutig sein

Der in Deutschland offen ausgetragene Wettbewerb um den richtigen Weg durch die Coronakrise habe viel Schaden angerichtet, kommentiert Catrin Stövesand. Nötig wäre eine zwischen Bund und Ländern abgestimmte Kommunikation, um die Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel zu setzen.

Ein Kommentar von Catrin Stövesand

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beantwortet bei der Regierungsbefragung während der Plenarsitzung im Deutschen Bundestag die Fragen der Abgeordneten. (dpa / Bernd von Jutrczenka )
Angela Merkel appelliere an die Vernunft der Bevölkerung, das allein reiche aber nicht aus, kommentiert Catrin Stövesand (dpa / Bernd von Jutrczenka )
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Die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg, die schlimmste Wirtschaftskrise seit 1945, "Wir müssen jetzt alles tun, um da wieder herauszukommen" – an klaren Worten fehlt es immerhin der Bundeskanzlerin nicht. Sie redet nichts schön in der Pandemie und lässt sich auch von Corona leugnenden AfD-Abgeordneten im Bundestag nicht beirren.

Angela Merkel appelliert an die Vernunft der Bevölkerung, setzt auf Zahlen und Fakten – und auf reale Bedrohungen. So weit – so gut. Aber leider können Risikokommunikation und Krisenkommunikation nicht nur auf Vernunft setzen, so sehr wünschenswert das auch ist.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Die Wahrheit ist für viele Menschen nur in Häppchen verdaulich, andere brauchen das Element der Wiederholung, bis sich die Information setzt, wieder andere brauchen zunächst Zuspruch, bevor sie überhaupt bereit sind, Informationen über Gefahren und Handlungsanweisungen aufzunehmen.

Die Bundeskanzlerin ist nicht ohne Empathie, allerdings fehlt es an verteilten Rollen innerhalb der Bundesregierung, die verschiedene Arten der Ansprache übernehmen könnten, allerdings müssten alle dieselben Inhalte vermitteln.

Katastrophenmanagement ist Ländersache 

Und hier kommen wir zum Hauptproblem: Für Katastrophen- und Krisenmanagement sind in Deutschland vor allem die Länder zuständig. Die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten haben der Bevölkerung seit dem Frühjahr unterschiedliche Auffassungen zur Bedrohungslage mitgeteilt, dementsprechend abweichende Aktionspläne aufgestellt, einige versuchten, sich mit Blick auf diverse Wahlen als Krisenmanager zu profilieren, konkurrierten gegeneinander, bremsten oder gingen weiter als die anderen.

Solch ein Verhalten steigert die allgemeine Verunsicherung, kostet Glaubwürdigkeit und spielt damit der Politikverdrossenheit in die Hände. Natürlich müssen Verantwortliche über die richtigen Strategien streiten, dieser Streit soll und darf auch in Teilen öffentlich werden, aber doch bitte nicht in allen Teilen und nicht andauernd.

Ein Leitfaden des Bundesinnenministeriums zu Krisenkommunikation rät – Zitat – "Medien und Bevölkerung möglichst umfassend, aktuell, widerspruchsfrei und wahrheitsgemäß zu informieren. Abstimmungsprozesse über Informationen, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind, müssen daher unbedingt schon im Umfeld festgelegt werden." Zitat Ende.

Pandemie verlangt Konsistenz

Die Abstimmungsprozesse in aller Öffentlichkeit auszutragen, ständig den eigenen Frust oder Triumph mitzuteilen: Das wäre in Ordnung (weil sehr transparent), solange es um weniger existenzielle Dinge geht. In einer Pandemie jedoch muss die Kommunikation konsistent und eindeutig sein.

Beispiel: der Mundnasenschutz. OP-Masken und FFP2-Masken waren ein rares Gut zu Beginn der Krise. Krankenhäuser berichteten von Diebstählen ihrer Vorräte, der Schwarzhandel blühte. Zeitgleich erklärten führende Politiker, Institutsvertreter und Verbandschefs, es sei nicht erwiesen, ob Masken wirklich schützten. So viel zu "umfassend" und "wahrheitsgemäß". - Ja, natürlich wusste man noch wenig über das Virus. Aber natürlich wäre ein Mundnasenschutz von Anfang an ein sinnvolles Mittel gewesen, sich und andere besser zu schützen. Ein stimmiger Gedanke, der sich einstellt und dann als dumme Idee abgetan wird. Der gesunde Menschenverstand wurde durch diese misslichen Informationen vorgeführt, es wurde Vertrauen verspielt. - Auch wenn es vielleicht aus Hilflosigkeit geschah: Das anfängliche Kleinreden des Maskennutzens war ein großer Fehler, nicht zuletzt weil die Aussagen die Hilflosigkeit offenbarten. Und womöglich bis heute dazu beigetragen, dass sich gerade in Deutschland so viele der Maskenpflicht verweigern.

Fakten und Mitgefühl

Anpassungen, Berichtigungen und Improvisation sind Teil des Krisenmanagements und damit auch der Krisenkommunikation. Aber der offen ausgetragene Wettbewerb um den richtigen Weg durch die Krise hat viel Schaden angerichtet. Sicher: Den meisten Verantwortlichen ging und geht es nur um die Sache. Nämlich um die Sache, die Infektionszahlen möglichst gering und das Gesundheitswesen arbeitsfähig zu halten – und gleichzeitig die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie irgendwie im Rahmen zu halten. Und für all dies sind in Bund und Ländern sinnvolle und wirksame Maßnahmen erfolgt. Wenn dann aber der eine Parkbänke sperrt und der andere Corona-Leugner stumm gewähren lässt, verdirbt das doch erheblich das Bild.

Der Leitfaden des BMI hebt hervor: "Erfolgreiche Krisenkommunikation setzt eine abgestimmte Kommunikationslinie mit den anderen von der Krise betroffenen Behörden und Unternehmen voraus".

Vielleicht eine sinnvolle Lektüre für 2021 für die Länderchefs und -Chefinnen. Und womöglich findet sich so in ihrem Kreis ja jemand, der die Fakten-Kanzlerin um den Gemeinschaftsfaktor ergänzen kann, eine deutsche Nicola Sturgeon sozusagen, die – wie die Schottin – aus der föderalen Ecke an alle appelliert, aufeinander zu achten, Rücksicht zu nehmen, Mitgefühl zu zeigen, gern auch etwas mehr als sonst. Und unabhängig aller Landesgrenzen.

Catrin Stövesand (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Catrin Stövesand (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Catrin Stövesand, geboren 1974, M.A. in den Fächern Germanistik und Geschichte, sie arbeitete für eine Regionalzeitung, mehrere Radiosender und die dpa-Rundfunkagentur, bevor sie 2009 zum Deutschlandfunk kam. Seit 2011 ist sie Redakteurin und Moderatorin in der Abteilung "Hintergrund", dort u. a. zuständig für "Andruck" - das Magazin für Politische Literatur.

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