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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs zählt das Verhalten jedes und jeder Einzelnen17.10.2020

Corona-MaßnahmenEs zählt das Verhalten jedes und jeder Einzelnen

Dass die Bundesländer das Beherbergungsverbot unterschiedlich handhaben, sei nur schwer vermittelbar, kommentiert Joachim Frank von der "Frankfurter Rundschau". Zudem könnten Kommunen diese und andere Corona-Maßnahmen kaum kontrollieren oder durchsetzen, sondern nur jede und jeder Einzelne von uns.

Von Joachim Frank, Chefkorrespondent "DuMont-Mediengruppe" und "Frankfurter Rundschau"

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Ein Schild in München, auf dem auf die Maskenpflicht im öffentlichen Raum hingewiesen wird.  (imago images/Alexander Pohl)
Das Gezerre im Kanzleramt nährt Vorbehalte gegen eigensinnige Kleinstaaterei, meint Joachim Frank (imago images/Alexander Pohl)
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Es wird viel jongliert in diesen Tagen – mit Zahlen und mit Worten. Dass der Umgang mit dem Coronavirus doch nur ein billiges Gauklerspiel sei, mit dem die Menschen – von wem auch immer – an der Nase herumgeführt und ohne Not in Schrecken versetzt werden sollten, diese Ansicht hatte sich aus verschwörungsideologischen Kreisen eine Zeit lang bis weit in die Mitte der Gesellschaft vorgeschoben. Der Tenor: Wir haben es im Frühjahr doch gut hingekriegt. So schlimm wird es schon nicht mehr werden.

Inzwischen sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Täglich neue Höchstwerte bei den Neuinfektionen. Dreistellige Inzidenzwerte, nicht etwa in den großen Städten, sondern in eher ländlichen Gebieten. Und in benachbarten Staaten wie Frankreich oder den Niederlanden grassiert das Virus so hemmungslos, dass die Regierungen das öffentliche Leben fast schon verzweifelt herunterzufahren suchen.

Blick in den Flur einer Intensivstation. An der Eingangstür hängt ein STOP-Schild. (dpa/ Sebastian Kahnert) (dpa/ Sebastian Kahnert)Intensivmediziner: "Es wird ein sehr spannender Winter"
Eine nationale Corona-Strategie sei wichtig, sagte Uwe Janssens, Präsident der Vereinigung der Deutschen Intensivmediziner, im Dlf. Über die bisherige "sektorale Vorgehensweise" seien er und andere Mediziner unglücklich gewesen. 

Einen Indikator, der zu Beginn der Pandemie Konjunktur hatte, dann aber mangels Realitätsbezug völlig aus der Diskussion verschwand, muss man jetzt wieder sehr ins Auge fassen: die Zeit, in der sich die Zahl der Neuinfektionen verdoppelt. Diese Frist lag zuletzt bei ganzen fünf Tagen. Das ist nichts weniger als der berühmt-berüchtigte exponentielle Anstieg, der Mediziner und Politiker gleichermaßen schaudern lässt. In den Sommermonaten dagegen, mit ein paar hundert Neuinfektionen täglich, hätte man die Verdopplungszeit gar nicht sinnvoll bemessen können.

Söder glänzt als "harter Hund"

Angesichts dieser offenkundig dramatischen Veränderungen binnen kürzester Zeit ringen die Politiker um Worte. Welche Tonlage passt am besten zur Sachlage? Kanzlerin Angela Merkel hat den staatsmännischen Habitus aus dem Frühjahr – Zitat: "größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg" – gegen die Pose des biblischen Propheten eingetauscht, der Tod und Verderben ankündigt, um beides zu vermeiden. Von drohendem "Unheil" sprach die Kanzlerin in ihrer Runde mit den Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder. Und anschließend in der Pressekonferenz war von der Sorge die Rede, dass das mit der Pandemie "kein gutes Ende nehmen" werde.

Markus Söder wiederum, ganz auf die Rolle des "harten Hunds" und "Troubleshooters" abonniert, versuchte es mit einem Western-Motiv und sah die Zeiger der Uhr von fünf vor zwölf auf "High Noon" vorgerückt. Zeit für den Corona-Showdown. Alternativ hatte der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef dann auch noch die – sagen wir – infantile Version zu bieten: Die Menschen sollten für das Coronavirus zum Spaß- und Spielverderber werden – statt dies der Politik mit ihren Anti-Corona-Auflagen vorzuwerfen. In Berlin beim Bund-Länder-Treffen, so Söder habe "das Team Vorsicht und Umsicht" das Rennen gemacht. Das kann man allerdings auch ganz anders sehen. Die Appelle zu vorsichtigem Verhalten wären jedenfalls um einiges überzeugender, wenn die Player auf dem politischen Spielfeld eine bessere Partie abgeliefert hätten.  

Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der Länder zu steigenden Infektionszahlen und weiteren Corona-Maßnahmen eine Pressekonferenz. (AFP POOL) (AFP POOL)Kessler (Linke): "Hinterzimmer-Kungeleien müssen aufhören"
Die neuen Corona-Maßnahmen sind beschlossen – von der Bundeskanzlerin mit den Länderchefs. Linken-Gesundheitspolitiker Achim Kessler kritisiert im Dlf, dass die Einschränkung von Freiheitsrechten nicht an den Parlamenten vorbei getroffen werden dürfe.

Es mussten am Donnerstag erst Gerichte kommen, um dem unsinnigen Beherbergungsverbot in einigen Ländern ein Ende zu machen. Dass die Ministerpräsidenten-Runde insgesamt daran scheiterte und die Debatte just auf die Zeit nach dem Ende der Reiseperiode zu den Herbstferien verschob, ist ein Ärgernis. Das Gezerre im Kanzleramt nährte die Vorbehalte gegen einen föderalen Flickenteppich und die eigensinnige Kleinstaaterei. 

Dabei sollte doch klar sein: Die Gefahr einer Verschleppung des Virus aus innerdeutschen Hotspots liegt doch nicht an Hotelbetten. Es ist das Reisen an sich – und vor allem das Verhalten jedes und jeder Einzelnen. 

Regelungs-Wirrwarr und Willkür 

Aber es ist doch niemandem begreiflich zu machen, warum es einer Urlauberfamilie aus dem "Risiko-Gebiet" Köln – Inzidenz 73 - verboten sein sollte, ihre Frühstückspension im schönen Garmisch-Partenkirchen zu beziehen, während dies dem bayrischen Pärchen aus dem Berchtesgadener Land – Inzidenz 92 – erlaubt ist. [*]

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Regelungs-Wirrwarr und Willkür liegen nahe beieinander – und führen zu Regelverletzungen. Deutschland ist mit der Disziplin seiner Bürgerinnen und Bürger vergleichsweise gut durch die erste Welle der Pandemie gekommen. Im sommerlichen Wellental mischten sich Sorglosigkeit, Feierlaune, aber auch ein Stück Erholungsbedürfnis nach den strengen Auflagen sowie ein gewisser anarchischer, anti-behördlicher Impuls. 

Kanzleramtschef Braun: Deutsche sollten vorsichtiger sein, als die Politik erlaubt

Dagegen kommt staatliche Strenge mit Bußgeldern und Sanktionen nur bedingt an. Zumal sich ja unmittelbar das Vollzugsproblem stellt: Wie sollen etwa die Kommunen die jetzt noch einmal verschärften Kontaktverbote im privaten Raum kontrollieren? Nicht mehr als zehn Personen aus zwei Hausständen, so lautet für Regionen mit einer Inzidenz ab 35 die Auflage. Sie mag sinnvoll sein. Aber kein Ordnungsamt, kein Polizeirevier in diesem Land kann sie durchsetzen. Das können nur die Menschen selbst. Jeder und jede von uns. Ein interessanter Ratschlag kam diese Woche von Kanzleramtschef Helge Braun. Die Deutschen, sollten jetzt vorsichtiger sein, als die Politik erlaubt. Vielleicht tragen die Zahlen und Worte dieser Woche dazu bei, dass das gelingt.


[*] Anmerkung d. Redaktion: Bedingt durch die dynamische Entwicklung des Infektionsgeschehens können sich diese Zahlen derzeit schnell ändern.

Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe (Peter Rakoczy)Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe (Peter Rakoczy)Joachim Frank, geboren 1965 in Ulm, gehört seit 1997 der heutigen Mediengruppe DuMont an. Er ist Chefkorrespondent für den "Kölner Stadt-Anzeiger", die Berliner Zeitung und die "Mitteldeutsche Zeitung" Halle sowie Autor der "Frankfurter Rundschau". Seit 2015 ist Frank Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP), des katholischen Journalistenverbands. Frank ist Verfasser mehrerer Bücher zu kirchenpolitischen Themen und Autor zahlreicher Aufsätze für Sammelbände und Fachzeitschriften. 2014 wurde er u. a. mit dem Wächterpreis ausgezeichnet.

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