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StartseiteInterviewPhysikerin: Durch soziale Bubbles "Sackgassen für das Virus" schaffen06.01.2021

Corona-MaßnahmenPhysikerin: Durch soziale Bubbles "Sackgassen für das Virus" schaffen

Um die Infektionszahlen deutlich zu senken, komme es auf das Verhalten der Privathaushalte an, sagte die Physikerin Viola Priesemann im Dlf. Haushalte sollten sich einen Partnerhaushalt suchen, und dann nur Menschen aus diesem Haushalt treffen.

Viola Priesemann im Gespräch mit Sandra Schulz

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Enkelin und Urenkelin besuchen eine Frau im betreuten Wohnen. (picture alliance/dpa/Michael Reichel)
Nur Personen aus einem Partnerhaushalt treffen, das schlägt Viola Priesemann im Dlf vor (picture alliance/dpa/Michael Reichel)
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Es sei schwer abzusehen, was die Beschlüsse zu den Verschärfungen der Corona-Maßnahmen bringen werden, sagte Viola Priesemann, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, im Deutschlandfunk. Entscheidend sei, dass Menschen nun soziale "Bubbles" bilden. "Dass man sich sagt, ich treffe einen Partnerhaushalt fest. Dann haben wir eine Sackgasse für das Virus."

Viola Priesemann (imago images / Jürgen Heinrich)Viola Priesemann, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (imago images / Jürgen Heinrich)

Es komme auch stark auf die Arbeitgeber an, dass diese wirklich so weit wie möglich Homeoffice umsetzen. Eine hohe Priorität habe da auch das Testen. Wenn man am Arbeitsplatz teste, könne man viele Infektionen abfangen. Auch die Einschränkung der Mobilität in Regionen mit hoher Inzidenz auf maximal 15 Kilometer könne helfen, die Ausbrüche regional zu halten. Allerdings sei dafür zentral, dass die Bevölkerung die Maßnahme auch akzeptiere und umsetze. Und auch hier seien Tests eine gute Zusatzmaßnahme.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Man müsse zudem dringend klären, ob und in welchem Maße die Mutationen aus England und Südafrika in Deutschland angekommen seien. Man fürchte schließlich, dass diese Mutationen bis zu 50 Prozent ansteckender seien. "Wenn das nur 25 Prozent sind, das macht den Unterschied, ob man die Schulen offen oder zu halten kann, um alleine die Fallzahlen konstant zu halten." Aus diesem Grund solle man sich gut überlegen, ob man nicht schon aus Vorsorge jetzt die Zahlen drastisch senken müsse.


Sandra Schulz: Was werden die Beschlüsse von gestern jetzt bringen im Kampf gegen das Virus?

Viola Priesemann: Das ist immer sehr schwer abzusehen. Die Prinzipien sind ja, man sollte jede Ansteckung nach Möglichkeit vermeiden, man sollte vermeiden, dass aus Bereichen und aus Regionen, wo die Ausbreitung außer Kontrolle ist, neue Fälle eingeschleppt werden, und man sollte natürlich auch in irgendeiner Form die ganzen Tests, die wir jetzt haben, einsetzen.

Wir werden noch ein paar Monate eine schwierige Zeit haben, bis der Impfstoff uns da deutlich Erleichterung bringt und die Saisonalität uns etwas Erleichterung bringt. Das heißt, wir müssen die nächsten Wochen – ich denke, das ist jetzt auch wirklich unsere letzte Chance –, einmal überlegen, schaffen wir es, die Fallzahlen so runterzubringen, dass man guten Gewissens endlich die Schulen auch alle wieder am 31. aufmachen kann.

"Einschleppungsevents abfangen"

Schulz: Ich würde mit Ihnen gerne auf die Punkte im Einzelnen schauen. Für die wohl größte Überraschung hat gestern die Entscheidung ja gesorgt, den Bewegungsradius einzuschränken in sogenannten Hotspots oder jetzt sogenannten Hotspots, also an Orten, an denen die Inzidenz bei über 200 liegt. Auf 15 Kilometer soll das begrenzt werden, Sie hatten früher schon für fünf Kilometer plädiert. Was bringt diese Radiuseinschränkung?

Priesemann: Das Grundprinzip ist, dass man, wenn in einer bestimmten Region, sei das in einem Landkreis oder in einem Bundesland oder auch im Ausland, die Fallzahlen hoch sind, dass man das nicht einschleppt in die Regionen, die eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung machen. Das ist das Grundprinzip. Welche Zahlen man dann wählt, welche Maßnahmen man da wählt, das ist Sache der Politik. Die fünf sind da wirklich reingesprungen, das sei am Rande gesagt, das ist etwas, was Irland als eine Maßnahme gewählt hat.

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Was für Maßnahmen da sinnvoll und gut sind, kommt immer drauf hin, wie gut die umgesetzt werden, wie gut sie akzeptiert werden und vor allen Dingen auch, wie gut sie am Ende helfen, das Virus einzuschleppen.Und dort ist ganz klar an oberster Priorität auch das Testen. In dem Moment, wo ich zum Beispiel am Arbeitsplatz teste, in dem Moment, wo ich Reisende teste, kann man sehr viele der Einschleppungsevents auch abfangen.

Schulz: Sie berechnen die Corona-Maßnahmen, die Anti-Corona-Maßnahmen, Sie rechnen die um sozusagen in Prozente, was es bringt im Kampf gegen die Pandemie. Was würden Sie sagen, wo sind wir jetzt da im Moment?

Priesemann: Ich finde es extrem schwer abzuschätzen. Nehmen wir an, wir sind jetzt etwa bei einem R-Wert von 1, dann wäre es extrem gut, beim Lockdown – das ist wirklich eine Frage von ganz oder gar nicht. Wir machen jetzt den dritten Lockdown. Wir haben einen Lockdown light gemacht, wir hatten einen mittleren Lockdown, jetzt haben wir vielleicht den Dreiviertel-Lockdown. Wir müssen im Prinzip, um die Fallzahlen zu senken, deutlich unter 1 kommen. Wenn wir einen R von 0,7 hinbekommen, dann können wir die Fallzahlen in fast allen Landkreisen unter die 50 senken. Das Problem ist, es ist völlig unklar, ob das, was jetzt beschlossen ist, reicht. Wir haben deutlich mehr Beschränkungen noch mal in privaten Kontakten – ob man einen Haushalt treffen kann oder eine Person, macht einen großen Unterschied für das persönliche Sozialleben.

Das Wichtige wäre eine Bubble, dass man sich sagt, ich treffe einen Partnerhaushalt fest, weil dann haben wir eine Sackgasse für das Virus, dann geht das Virus nicht mehr weiter. Aber wir haben relativ wenig Beschränkungen und wenig Schutzmaßnahmen dort, wo die Virusübertragung auch stattfindet, das ist zum Beispiel am Arbeitsplatz. Einen Homeoffice-Aufruf, den die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer auch wirklich so konsequent in den nächsten drei Wochen nachkommen, das würde ich mir total, sag ich mal, wünschen, weil dann hoffentlich die Fallzahlen so niedrig sind, dass wir danach nicht mehr über Corona reden müssen. Das ist der dritte Lockdown-Anlauf, ich glaube, das ist auch der letzte, den wir haben, und dann muss man sich danach auch überlegen, ob man ganz oder gar nicht möglich macht.

Homeoffice wo es möglich ist

Schulz: Sie sprechen die Arbeitsplätze an – gibt es denn da so was wie einen Überblick? Der empirische Eindruck, der nicht repräsentative, den jetzt viele schildern, ist, dass das einfach von Unternehmen zu Unternehmen sehr, sehr unterschiedlich ist, dass es Unternehmen gibt, die komplett im Homeoffice arbeiten, und dass es aber auch Unternehmen gibt, bei denen es noch Luft nach oben gibt. Wie genau ist das Bild überhaupt, das wir da haben?

Priesemann: Wichtig ist zu sehen, dass jedes Unternehmen das sicherlich gut vor Ort einschätzen kann und dass dann aber alle Unternehmen, die nicht Homeoffice machen können, dann Tests anbieten, im Idealfall ein- oder zweimal die Woche, um das Infektionsgeschehen an den Arbeitsplätzen auch zu unterbinden. Und dann hat jedes Unternehmen möglicherweise auch die Freiheit zu sagen, ich ermögliche Homeoffice für die nächsten drei Wochen – es geht ja nur um die nächsten drei Wochen, wenn alle an einem Strang ziehen würden – oder alternativ, ich mache eine Teststrategie, damit die Übertragung wirklich verhindert wird.

Tests sind einfach sehr hilfreich

Schulz: Also das hätten Sie sich auch verpflichtender gewünscht, oder Sie haben den Aufruf zum Homeoffice genannt, auch die Verpflichtung vielleicht?

Priesemann: Ich bin nicht die Politikerin. Mein Fachgebiet ist die Ausbreitung, und dort ist es ganz klar, dass wir Ansteckung erkennen müssen und die Übertragung vermeiden müssen. Und in dem Fall, wo wir sie nicht vermeiden können, weil Menschen sich treffen, sind Tests einfach sehr, sehr hilfreich. Wir haben ja jetzt, das ist ein großer Vorteil, wir haben ja jetzt viel mehr Tests, als wir sie im letzten Jahr noch hatten, und das sollte man jetzt auch nach Möglichkeit nutzen, damit wir die Schulen wieder aufmachen können, wirklich für die Kinder. Wenn ich mir anschaue, wie frustrierend das ja auch ist für uns alle, für alle, die sich da so extrem zurückhalten. Wir wünschen uns auch alle niedrige Zahlen, damit wir wieder mit Sicherheit und ohne großes Risiko, sich anzustecken, andere treffen können.

Ansteckungsgrad macht den Unterschied

Schulz: Jetzt haben wir über die Feiertage diese großen Unsicherheiten gehabt, diese Einschränkungen, auch teilweise bei den Tests, bei den Meldungen. Was würden Sie sagen, wann ist das Bild wieder ein bisschen tragfähiger?

Priesemann: Ich glaube, da haben wir zwei Sachen, die wir wissen müssten: Das eine ist, dass Mitte Januar die Fallzahlen sicherlich anfangen, wieder zuverlässig zu werden, aber der andere Punkt, der wichtig ist, man müsste wissen, ob diese Mutationen, die es in England oder in Südafrika gibt, in Deutschland angekommen sind, zu welchem Maße die angekommen sind. Wenn die auch nur halb so viel ansteckender sind als die bisherigen – man geht ja davon aus, dass es möglicherweise 50 Prozent ansteckender ist –, wenn das nur 25 Prozent sind, das macht den Unterschied, ob man die Schulen offen- oder zuhalten kann, um allein die Fallzahlen konstant zu halten. Dann sollte man sich in Anbetracht von, sag ich mal, einem Vorsorgeprinzip ganz genau überlegen, ob man nicht jetzt die Fallzahlen deutlich runterbricht.

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Warum man "sequenzieren" muss

Schulz: Wie kann man das denn rausfinden, ob die britische Mutante, ob die schon da ist? Schaut man das nach bei diesen normalen Tests, die gemacht werden?

Priesemann: Dazu muss man sequenzieren, das wird in England sehr viel gemacht und in Dänemark, in Deutschland wird es derzeit etwas weniger gemacht. Es gibt aber von den Forschern einen großen Aufruf, dafür das Geld zur Verfügung zu stellen, dass wir da eine bessere Übersicht haben, wo die sind und ob sie sich mehr ausbreiten. Das wäre, denke ich, relativ wichtig jetzt auf einer Screening-Basis auch zu wissen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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