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StartseiteKommentare und Themen der WocheViele kleine auflodernde Brände08.10.2020

Corona-NeuinfektionenViele kleine auflodernde Brände

Angesichts von mehr als 4.000 gemeldeten Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden besteht Grund zur Sorge, meint Christiane Knoll. Die größte Gefahr werde in den nächsten Monaten von Aerosolen ausgehen, die wie ein Brandbeschleuniger wirkten. Plexiglasscheiben helfen da nichts, man müsse anderweitig Land gewinnen.

Von Christiane Knoll

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Menschen tragen Mund-Nasen-Bedeckungen und gehen in Berlin-Kreuzberg über den Markt am Maybachufer. (Christoph Söder/dpa)
Berlin hat nach Angaben der Senatsverwaltung den Corona-Grenzwert überschritten (Christoph Söder/dpa)
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Mehr als 4.000 Neuinfektionen, gemeldet in 24 Stunden. Nein, eine Überraschung ist das nicht. Und ja, es besteht Grund zur Sorge.
Seit Mitte Juli steckt ein Sars-CoV-2-Infizierter im Mittel mehr als einen weiteren Menschen an. Wir haben es mit exponentiellem Wachstum zu tun, das wir uns nur deshalb schönreden konnten, weil sich alles auf niedrigem Niveau abspielte. Dabei hatte sich zudem die Altersstruktur hin zu den jüngeren verschoben, in der Altersgruppe über 80 gab es fast keine Fälle. Die Folge: Die Intensivstationen blieben erfreulich leer.

Wer sich darauf ausgeruht hat, der musste heute Morgen gehörig erschrocken sein. 4.000 neugemeldete Fälle, nicht ein einzelner Hotspot, sondern viele kleine auflodernde Brände quer über die Republik verteilt. Wir warten nicht auf Herbst und Winter, wir sind schon mittendrin. Und das liegt nicht am Datum, sondern daran, dass wir uns dem Verbreitungsweg Aerosole, den in der Luft schwebenden Viren, nicht mehr so leicht entziehen können.

Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) spricht bei einer Pressekonferenz (picture alliance/ dpa/ Bernd von Jutrczenka) (picture alliance/ dpa/ Bernd von Jutrczenka)Corona-Maßnahmen in Berlin - "Wir müssen das Nachtleben einfach ausschalten"
In Berlin wurde eine Sperrstunde ab 23 Uhr eingeführt, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) glaubt zwar nicht, dass sie damit illegale Partys komplett verhindern kann, doch die Sperrstunde mache Kontrollen viel leichter, sagte sie im Dlf.

Wer heute infiziert ist, infiziert andere

Wie konnte jemand auf die Idee kommen, dass bei gleichbleibendem Verhalten das Ganze nicht weiter eskaliert? Und ich spreche hier nicht nur von Fallzahlen, sondern auch von Schwerkranken und am Ende Toten. Wenn ein Virologe wie Hendrik Streeck tägliche Meldezahlen in der Größenordnung von 20.000 für akzeptabel hält, mit der Begründung, dass sich vor allem Junge infizieren und die kaum intensivmedizinische Behandlung bräuchten, unsere Intensivstationen das also leicht verkraften würden, dann reibt man sich verwundert die Augen. Fakt ist: Wer heute infiziert ist, infiziert andere, auch wenn er erst 20 Jahre alt ist. Je mehr Menschen er infiziert, umso aufwändiger wird das Nachverfolgen durch die Gesundheitsbehörden - irgendwo gibt es da Grenzen. Und es bleibt eben nicht bei den jungen Infizierten: Die Altersstruktur verschiebt sich schon wieder, erste Ausbrüche in Pflegeheimen sind aktenkundig, der nächste Anstieg der Sterbezahlen vorgezeichnet. Alles ist miteinander verzahnt, und das immerhin ist unser größter Vorteil in dieser Pandemie: Wir können in die Zukunft schauen. Wer einen Teil davon ausblendet, zumal wenn er es besser weiß und von vielen Menschen gehört wird, der handelt fahrlässig. Sein Publikum wird er finden, denn wir sind ja alle mehr als erschöpft.

28.02.2020, Berlin: Der Krisenstab der Bundesregierung kommt zu seiner Sitzung zusammen, um über weitere Vorkehrungen gegen das neue Coronavirus Sars-CoV-2 zu beraten. (picture alliance/Kay Nietfeld/dpa) (picture alliance/Kay Nietfeld/dpa)Corona-Berichterstattung - Viele Zahlen, wenig Kontext?
Mehr als 4.000 Neuinfektionen pro Tag – das sorgt derzeit für Schlagzeilen. Kritiker bemängeln die Fokussierung von Medien auf die Infektionszahlen. "Die Zahl der Neuinfektionen ist unser aktuellstes Maß", betonte hingegen der Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth im Dlf.

Aerosole werden wie Brandbeschleuniger wirken

Doch genau deshalb, weil wir es satthaben, weil unsere Kinder Schulunterricht brauchen und kleine Kneipen und große Unternehmen mit ihrer Existenz kämpfen, können wir es uns nicht leisten, von den wenigen Grundwahrheiten abgelenkt zu werden. Eine davon lautet: Aerosole, in der Luft schwebende Sars-CoV-2-Viren, werden in den nächsten Monaten wie ein Brandbeschleuniger wirken. Sie sind das wichtigste neue Element im Vergleich zum Sommer. Plexiglasscheiben helfen da kein bisschen. Wir müssen anderweitig wieder Land gewinnen. Wie, darüber darf gestritten werden. Politisch. Aber bitte keine Scheingefechte dort, wo es nichts zu diskutieren gibt.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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