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StartseiteKommentare und Themen der WocheEgoismus hat Hochkonjunktur26.09.2020

Corona-Pandemie Egoismus hat Hochkonjunktur

Die Corana-Pandemie gefährde den Zusammenhalt, ernsthafte Debatten könnten kaum geführt werden, kommentiert Peter Stefan Herbst im Dlf. Neben Hilfsbereitschaft habe Egoismus Hochkonjunktur. Und: Auch die EU müssen mehr leisten. Es gehe um mehr als Reisefreiheit, Infektionsschutz und ein Fußballspiel.

Von Peter Stefan Herbst, Chefredakteur der "Saarbrücker Zeitung"

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Die Offiziellen stehen vor dem UEFA-Super-Cup-Spiel zwischen FC Bayern München und FC Sevilla in der Puskas-Arena in Budapest vor der Trophäe. (Laszlo Balogh/AP Pool/dpa)
Supercup in Budapest: Das Fußball-Spiel zwischen dem FC Bayern und dem FC Sevilla fand vor 15.000 Zuschauern statt - trotz hoher Infektionszahlen in der ungarischen Hauptstadt. (Laszlo Balogh/AP Pool/dpa)
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Vor den Herbstferien werden immer mehr Reiseziele zu Risikogebieten – darunter beliebte Städte und Urlaubsregionen in Frankreich, Österreich, Dänemark oder Ungarn. Auch für Budapest besteht seit Mitte September eine offizielle Reisewarnung. Trotzdem spielte der FC Bayern München in dieser Woche vor Tausenden von Zuschauern in der ungarischen Hauptstadt.

Die UEFA und der FC Bayern haben sich mit dem Festhalten an dem Pilotprojekt zur Rückkehr der Zuschauer in einem Hochrisikogebiet ein Eigentor geschossen. Drängt sich doch der Eindruck auf, dass sich die Fußball-Millionäre nicht an Spielregeln halten müssen. Dies kann nicht nur die Akzeptanz des FC Bayern und der UEFA gefährden, sondern auch die von Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie.

Von Panikmache bis zur Verharmlosung

In Deutschland nehmen vor dem Hintergrund steigender Infektionszahlen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern von Corona-Maßnahmen wieder mal an Schärfe zu. Die aktuellen Entwicklungen und deren Interpretationen befeuern auf beiden Seiten die Auseinandersetzung. Die Bandbreite reicht von Panikmache bis zur Verharmlosung. Dass eine schürt Ängste, das andere befördert Leichtsinn. Beides ist verantwortungslos.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Auch ein Zitat des Berliner Virologen Christian Drosten war hier wenig hilfreich: "Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen. Auch bei uns". Bis er diesen Satz eingeordnet und erklärt hatte, war er von unterschiedlichen Lagern schon längst instrumentalisiert und von einer neuen Erregungswelle durch das Land getragen worden.

Streitkultur hat aktuell große Defizite

Die Streitkultur in Deutschland hat aktuell große Defizite. Die Corona-Maßnahmen polarisieren auch die Mitte der Gesellschaft. Viele wollen nur das lesen, hören, sehen und akzeptieren, was ihrer Sicht der Dinge entspricht. Persönliche Betroffenheit spielt dabei fast immer eine zentrale Rolle. Fakten, die nicht ins eigene Weltbild oder zu den eigenen Interessen passen, werden umgedeutet. So können keine ernsthaften Debatten geführt werden. Wechselseitige Diffamierung von Andersdenkenden und der respektlose Umgang mit einander gefährden den Zusammenhalt der Gesellschaft in Deutschland.

Dass Menschen in der Not zusammenhalten, aufeinander Rücksicht nehmen und einander helfen, haben wir in der Coronakrise erlebt - das Gegenteil leider auch. Neben Hilfsbereitschaft hat Egoismus Hochkonjunktur.

Interaktive Karte mit COVID-19-Statistiken vom Zentrum für Systemwissenschaft und Systemtechnik der Johns Hopkins University in Baltimore (picture alliance / dpa / Ostalb Network) (picture alliance / dpa / Ostalb Network)Coronavirus - Aktuelle Zahlen und Entwicklungen
Wie viele gemeldete Coronavirusfälle gibt es in Deutschland? Verlangsamt sich die Ausbreitung des Virus, wie entwickeln sich die Fallzahlen international? Wie die Zahlen zu bewerten sind – ein Überblick.

EU braucht mehr Zusammenhalt

In der Corona-Krise setzen immer mehr Regierungen, immer rücksichtsloser ihre wirtschaftlichen oder politischen Interessen durch. Dies gilt nicht nur für die USA und China, sondern auch für einige europäische Länder. Mal geht es um Vorteile im Wettbewerb auf den weltweiten Märkten, mal um die Verschärfung der Kontrolle der eigenen Bürger. Auch die EU braucht dringend mehr Zusammenhalt, um Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie schneller und wirkungsvoller zu koordinieren.

Die Abstimmungen zur Ausweisung von Risikogebieten nach einem europaweit einheitlichen Ampelsystem sind ein ersten Schritt. Wichtige Details sind aber immer noch nicht geklärt. Dass dies so lange dauert, lässt Zweifel an der Handlungsfähigkeit der EU aufkommen.

Und so ist die Pandemie auch für die EU eine Bewährungsprobe. Nach den Grenzschließungen zu Beginn der Pandemie muss sie schnell deutlich mehr leisten, wenn sie nach dem Brexit nicht in die nächste Existenzkrise geraten will. Es geht um mehr als Reisefreiheit, Infektionsschutz und ein Fußballspiel.

Peter Stefan Herbst. Chefredakteur Saarbrücker Zeitung (Iris Maurer / Saarbrücker Zeitung)Peter Stefan Herbst. Chefredakteur Saarbrücker Zeitung (Iris Maurer / Saarbrücker Zeitung)Peter Stefan Herbst wurde 1965 in Bonn geboren. Als Redakteur, Kolumnist, Korrespondent und Büroleiter arbeitete er für verschiedene Tageszeitungen. Von 1994 bis 1996 moderierte gemeinsam mit Christiane Gerboth und Jan Hofer die Talkshow "Riverboat" im MDR Fernsehen. Herbst war Chefredakteur der "Dresdner Neuesten Nachrichten" (1995-1999) und der "Lausitzer Rundschau" (1999-2004). Seit 2005 ist er Chefredakteur der "Saarbrücker Zeitung". 

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