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Corona-PandemieImpfstoff von Astrazeneca: Berichte über Nebenwirkungen und Akzeptanzprobleme - Experten widersprechen

Eine Impfdosis von AstraZeneca: Frauenhände sind im Bild zu sehen, die eine Spritze mit einer Impfdosis aufziehen. (dpa/Russell Cheyne)
Eine Impfdosis von AstraZeneca (dpa/Russell Cheyne)

Vor wenigen Wochen waren die ersten Lieferungen des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca zwischen der EU und dem britisch-schwedischen Hersteller hart umkämpft. Jetzt liegt das Präparat in einigen Bundesländern offenbar auf Halde. Ein Grund dürfte das Imageproblem des Impfstoffes sein. Doch ist der Impfstoff von Astrazeneca minderwertig? Experten widersprechen.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden bundesweit von 736.800 bislang gelieferten Impfdosen lediglich rund 85.500 Dosen verimpft. Grund zur Sparsamkeit gibt es jedoch nicht, denn Nachschub ist bereits in dieser Woche zu erwarten. Laut dem Bundesgesundheitsministerium sollen dann von Astrazeneca noch einmal 736.800 Impfdosen geliefert werden, am 27. Februar dann weitere gut eine Million Impfdosen. Insgesamt werden demnach bis einschließlich 1. April rund 5,6 Millionen der Dosen erwartet.

Montgomery: Geringere Wirksamkeit "lässt sich nicht wegdiskutieren"

Verunsicherung gibt es offensichtlich hinsichtlich der Wirksamkeit des Mittels. Diese liegt mit etwa 70 Prozent unter der Wirksamkeit der neuartigen mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna. Zudem soll der Impfstoff von Astrazeneca in Deutschland wegen fehlender Daten zur Wirksamkeit bislang nur an unter 65-Jährige verimpft werden. Mehrere Bundesländer hatten zuletzt berichtet, dass Impftermine mit dem Astrazeneca-Präparat abgesagt worden oder Menschen nicht zum Termin gekommen seien.

Bedenken gibt es wohl auch, weil der Impfstoff gegen die in Südafrika entdeckte Mutation des Virus weniger wirksam sein soll. Der südafrikanische Gesundheitsminister hatte in der vergangenen Woche erklärt, dass das Land die Einführung des Impfstoffs nach einer klinischen Studie aussetze. Südafrika hat inzwischen bereits gelieferte Dosen des Impfstoffes den Ländern der Afrikanischen Union angeboten.

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Montgomery, äußerte Verständnis etwa für medizinisches Personal, das sich nicht mit dem Astrazeneca-Impfstoff impfen lassen wolle. Zwar sei dieser Impfstoff "genauso sicher wie die anderen", hob er in der "Rheinischen Post" hervor, doch "die geringere Wirksamkeit lässt sich nicht wegdiskutieren". Montgomery schlug deshalb vor, das Mittel vorzeitig auch Menschen mit geringerer Impf-Priorität anzubieten.

Spahn, Drosten und Lauterbach verteidigen Astrazeneca-Impfstoff

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte die Äußerungen von Montgomery auf Twitter "völlig verantwortungslos". Er fragte: "Wie wollen wir Bürger für diesen lebenswichtigen Impfstoff gewinnen, wenn der Ärztekammerpräsident ihn für Ärzte für nicht gut genug hält?" Der Impfstoff könne bei den meisten Mutationen schwere Verläufe und Todesfälle verhindern, schrieb Lauterbach. Er selbst werde ab Ende Februar regelmäßig als Impfarzt in Leverkusen mitarbeiten. Das gesamte Team, auch er selbst, würden sich mit dem Astrazeneca-Impfstoff impfen. "Wir vertrauen ihm", schrieb Lauterbach.

Auch Virologe Christian Drosten hält grundsätzliche Bedenken gegen den Astrazeneca-Impfstoff für unbegründet und ist für einen breiten Einsatz des Präparats. Er sehe keine Veranlassung, das Mittel in Deutschland nicht zu spritzen, sagte er im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update". Wenn er sich die öffentliche Diskussion um diesen Impfstoff anschaue, habe er den Eindruck, dass vieles falsch verstanden worden sei, so Drosten. Wörtlich sagte der Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité: "Es gibt immer irgendwo ein Haar in der Suppe, und manche schauen da mit dem Vergrößerungsglas drauf." Mit Bezug auf die möglicherweise geringe Wirksamkeit bei der südafrikanischen Variante sagte Drosten, er halte hierzulande vor allem die britische Variante für relevant. Gegen diese sei auch der Astrazeneca-Impfstoff wirksam.

Bundesgesundheitsminister Spahn wertete die 70 Prozent Wirksamkeit des Astrazeneca-Mittels als "hoch". Den Sendern RTL und n-tv sagte der Minister mit Blick auf Astrazeneca, dass er sich impfen lassen würde, wenn er eine Impfung angeboten bekäme - "ausdrücklich auch mit Astrazeneca". Das sei ein sicherer und wirksamer Impfstoff. Lediglich bei der südafrikanischen Virusmutation gebe es Hinweise auf einen nur geringeren Schutz.

Gehäufte Berichte über Nebenwirkungen

Es gibt aber noch einen zweiten Grund, warum das Astrazeneca-Präparat in den Fokus geraten ist. Geimpfte berichten von teils deutlichen Impfreaktionen. In einigen Regionen in Schweden sind Impfungen mit dem Wirkstoff deshalb vorerst gestoppt worden. Zum Teil hatte jeder vierte Geimpfte Probleme gemeldet.

Auch in mehreren nordrhein-westfälischen Städten klagen Menschen über Impfreaktionen. Das Gesundheitsministerium in Düsseldorf rät den Betroffenen, schmerzlindernde oder fiebersenkende Medikamente einzunehmen. Zu den häufigsten Beschwerden gehörten Abgeschlagenheit (53,1%) und Kopfschmerzen (52,6%), aber auch Fieber sei möglich (7,9%), berichtet der Westdeutsche Rundfunk unter Berufung auf das Robert Koch-Institut.

Dies zählt laut RKI und Paul-Ehrlich-Institut aber meist zu den üblichen Impf-Nebenwirkungen. Solche Reaktionen zeigen, dass der Körper die Information über den Krankheitserreger, gegen den die Impfung wirken soll, verarbeitet. Das Immunsystem reagiert genau richtig: Es produziert Antikörper, die bei einer möglichen Infektion mit Sars-CoV-2 schützen.

Niedersachsen: Krankmeldungen nach Astrazeneca-Impfungen

Nach Klagen von Klinik-Angestellten über Nebenwirkungen wurden in Niedersachsen Astrazeneca-Impfungen an zwei Orten gestoppt. In einer Braunschweiger Klinik traten von 88 Beschäftigten, die am Donnerstag geimpft wurden, 37 wegen "Impfreaktionen" vorübergehend nicht zur Arbeit an. Die weiteren Impfungen würden nun ausgesetzt - auch, um den Betrieb nicht zu gefährden, sagte eine Sprecherin. Auch am Klinikum Emden meldeten sich Beschäftigte nach Impfungen krank.

Paul-Ehrlich-Institut prüft Hinweise auf Impf-Nebenwirkungen

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) untersucht einem Medienbericht zufolge derzeit, ob es zu unerwartet starken Impfreaktionen bei den Vakzinen von Pfizer/Biontech und Astrazeneca kommt. Das Referat Arzneimittelsicherheit prüfe, "ob die gemeldeten Reaktionen über das hinausgehen, was in den klinischen Prüfungen beobachtet wurde", zitiert die Funke Mediengruppe eine Sprecherin des PEI. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, werde geprüft, ob dafür Gründe erkennbar seien.

(Noch) keine Wahl beim Impfstoff möglich

Unter anderem der Saarländische Rundfunk berichtete zuletzt von ausfallenden Astrazeneca-Impfterminen, weil Berechtigte nicht erschienen. Das Gesundheitsministerium in Saarbrücken betonte, sich einen bestimmten Impfstoff auszusuchen, sei in Deutschland jedoch nicht möglichen. Bei einem Verzicht auf den Impfstoff würden Termine an andere Menschen vergeben.

In der Regel wird pro Impfzentrum ein Impfstoff angeboten. Das heißt, Menschen können bei der telefonischen Terminvergabe nachfragen, welches Vakzin eingesetzt wird; auch in den Einladungsbriefen ist das vermerkt. In Berlin kann man auf der Homepage der Senatsverwaltung nachsehen, in welchem Impfzentrum welcher Impfstoff verimpft wird. Mit der Wahl des Impfzentrums, die in der Hauptstadt jedem frei steht, kann man sich theoretisch also auch für einen der zugelassenen Impfstoffe entscheiden.

Gesundheitsminister Spahn betonte zuletzt, derzeit könne man zwischen den Impfstoffen nicht auswählen. Sollte es aber genügend Dosen geben, sei auch eine Wahlmöglichkeit denkbar.

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Diese Nachricht wurde am 17.02.2021 im Programm Deutschlandfunk gesendet.