Montag, 21.09.2020
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseiteEine WeltZwischen Quarantäne und Verschwörungstheorien 28.03.2020

Corona-Pandemie in LateinamerikaZwischen Quarantäne und Verschwörungstheorien

Die Präsidenten von Argentinien und Peru schalten in den nationalen Krisenmodus. In Brasilien übt sich der Staatschef in Verharmlosung. Der Umgang mit Corona in lateinamerikanischen Ländern ist sehr unterschiedlich – über politische Lager hinweg.

Von Victoria Eglau

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Leerer Bahnhof in Buenos Aires   (dpa/ picture alliance/ NurPhoto)
Leerer Bahnhof in Buenos Aires (dpa/ picture alliance/ NurPhoto)

Zuhause bleiben - das fällt den meisten Menschen in Argentinien schwer. In normalen Zeiten bevölkern sie Parks, Cafés, Sportplätze und Theater. Doch jetzt dürfen sie das Haus nur verlassen, um Nahrungsmittel oder Medikamente zu kaufen. Vor acht Tagen hat Präsident Alberto Fernández eine landesweite vorbeugende Quarantäne mit weitgehenden Ausgangsbeschränkungen verhängt:

"Ich versichere Ihnen: Ich werde alles tun, um zu erreichen, was wir uns vorgenommen haben: Nämlich zu verhindern, dass die Infektionen so rasch zunehmen, dass unser Gesundheitssystem dem nicht standhält."

Eine Bäckerei in Buenos Aires mit Warnschildern:  Zum Schutz vor Ansteckung mit dem Corona-Virus dürfen nur fünf Personen auf einmal hinein. (Deutschlandradio / Victoria Eglau)Eine Bäckerei in Buenos Aires: Zum Schutz vor Ansteckung mit dem Corona-Virus dürfen nur fünf Personen auf einmal hinein. (Deutschlandradio / Victoria Eglau)

Desolates Gesundheitssystem

Knapp sechshundert Fälle, zwölf Tote – so die Coronavirus-Bilanz in Argentinien bis gestern, veröffentlicht von der Regierung in Buenos Aires. Ob, und wenn ja, wie stark die Quarantäne den Anstieg der Erkrankungen abmildern kann, ist bislang ungewiss. Die Regierung Fernández setzt darauf Zeit zu gewinnen und errichtet Notkrankenhäuser in Gegenden mit schlechter medizinischer Versorgung.

Auch in Peru und Kolumbien ist eine Pflicht-Quarantäne in Kraft. Besonders früh hatte Venezuelas Präsident, der Linksnationalist Nicolás Maduro, der Bevölkerung das Zuhausebleiben befohlen. In dem verarmten Land ist der Zustand der meisten Hospitäler desolat. Vielerorts herrscht zudem Wasserknappheit, was Hygiene-Maßnahmen erschwert. Maduro hat beim Internationalen Währungsfonds einen Notkredit von fünf Milliarden US-Dollar beantragt, der aber abgelehnt wurde, weil viele IWF-Mitglieder seine Regierung nicht anerkennen.

"Die staatlichen Gesundheitssysteme in fast allen Ländern der Region haben enorme Defizite. Das macht es schwer, die Pandemie effizient zu bekämpfen."

erklärt Carlos Malamud vom Thinktank Real Instituto Elcano in Madrid die frühzeitigen Quarantäne-Maßnahmen in diversen Ländern Lateinamerikas.

Alberto Fernández während einer Debatte am 21. Oktober in Buenos Aires. (imago images/Agencia EFE)Alberto Fernández ist seit dem 10. Dezember 2019 Präsident von Argentinien (imago images/Agencia EFE)

Wegen seines energischen Vorgehens kann sich der Peronist Alberto Fernández in Argentinien über eine deutlich gestiegene Popularität freuen. Die Corona-Krise managt er in enger Zusammenarbeit mit der Opposition. In Brasilien dagegen wird über den Umgang mit der Pandemie gestritten. Das größte lateinamerikanische Land ist in der Region bislang am stärksten betroffen mit laut Weltgesundheitsorganisation knapp dreitausend Infektionen und 77 Toten – Stand gestern. Weil der Gouverneur des bevölkerungsreichen Bundesstaats São Paulo eine Quarantäne verhängt hat, beschimpfte Präsident Jair Bolsonaro ihn als "Wahnsinnigen":

"Einige bundesstaatliche und kommunale Regierungen müssen damit aufhören, verbrannte Erde zu hinterlassen, indem sie den öffentlichen Transport einstellen, Geschäfte schließen und die Bevölkerung einsperren."

forderte der Ultrarechte Bolsonaro in einer Fernseh-Ansprache. Bolsonaro hat die Pandemie von Anfang an kleingeredet und den Medien vorgeworfen, Hysterie zu verbreiten. Oliver Stuenkel, Politikwissenschaftler von der Hochschule Fundação Getulio Vargas in São Paulo:

"Jetzt schon zeigt sich, dass die Fähigkeit des Präsidenten, diese Krise zu steuern, sehr gering ist. Er ist ständig darauf aus, Gegner zu finden, die Gouverneure anzugreifen. Spricht in seinen Ansprachen zum Volke eigentlich gar nicht über Mechanismen, sondern sehr viel mehr über seine Feinde. Das alles produziert ein Machtvakuum letztendlich, wo der Präsident keine Anweisungen gibt. Und das wird dadurch noch verschlimmert, dass der Präsident tatsächlich glaubt, dass diese Krise womöglich eine Verschwörung gegen ihn ist, um seine Regierung zu schwächen."

Eine Frau mit Schutzmaske steht trotzig auf einem Platz in Caracas. (imago/ZUMA Wire/Jimmy Villalta) (imago/ZUMA Wire/Jimmy Villalta)Lateinamerika - Mut zu ungewöhnlichen Maßnahmen
In El Salvador gibt es Strom, Gas, Wasser und Telefon die nächsten Monate umsonst. Wer hamstert, wird bestraft. Das Gesundheitssystem in Venezuela droht in der Krise komplett zusammenzubrechen, aber Kuba hilft. 

Politische Instrumentalisierung 

Während in brasilianischen Großstädten jeden Abend Menschen aus Protest gegen Bolsonaro auf Kochtöpfe schlagen, nimmt auch im zweitgrößten lateinamerikanischen Staat Mexiko die Kritik am Präsidenten zu. Ideologisch verbindet den Linkspolitiker Andrés Manuel López Obrador nichts mit Bolsonaro, doch viele Beobachter sehen Parallelen darin, wie beide die Pandemie bei öffentlichen Auftritten verharmlosen. Lateinamerika-Forscher Carlos Malamud:

"Beide agieren in dieser Situation klar politisch. Sie stellen ihre politischen Interessen über das Allgemeinwohl."

Noch vor wenigen Tagen ermunterte López Obrador seine Landsleute, ihr Leben normal weiterzuführen. Und wer es sich leisten könne, solle ruhig mit der Familie im Restaurant essen. Doch immer mehr Mexikaner wollen kein Risiko eingehen und bleiben lieber zuhause. Kein Zweifel, der Coronavirus stellt die lateinamerikanischen Staaten vor ein großes Dilemma: Sollte ihr Gesundheitswesen kollabieren, könnte die Zahl der Todesopfer dramatisch steigen. Aber strikte Quarantäne-Maßnahmen schaden der Wirtschaft. Für Lateinamerika treffe dies besonders zu, sagt Politologe Oliver Stuenkel:

"Das liegt daran, dass die wirtschaftliche Lage in Lateinamerika ja schon vor der Pandemie unheimlich schlecht war. 2019 war es die Region mit dem niedrigsten Wirtschaftswachstum der Welt. Und das führt dazu, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen sehr negativ sein werden, insbesondere jetzt auch mit den sehr niedrigen Rohstoffpreisen."

Keiner bezweifelt, dass der in Lateinamerika sehr große informelle Sektor besonders leiden wird. Viele Gelegenheitsarbeiter und Kleinselbständige stehen bereits jetzt ohne Einnahmen da.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk