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Corona-PandemieMuss die Impfkampagne Menschen mit Migrationshintergrund besser ansprechen?

Ein Arzt zieht in einer Hausarztpraxis eine Spritze mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech auf. (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)
Coronavirus-Impfung in Hausarztpraxis: Müssen Menschen mit Migrationshintergrund gezielter angesprochen werden? (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)

Eine möglichst hohe Impfquote gilt als Weg zur Herdenimmunität gegen das Coronavirus. Doch laut mehreren Medizinern und Politikern gibt es in Deutschland Probleme, manche Menschen mit Migrationshintergrund für eine Immunisierung zu gewinnen.

Offizielle Zahlen zu Impfungen von Menschen mit Migrationshintergrund liegen in Deutschland nicht vor. Immer wieder gibt es aber Berichte wie die der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung": In Gelsenkirchen sei der Migrantenanteil unter den Intensivpatienten offenbar groß - und die Zahl der Impfwilligen gering. Viele Menschen mit Migrationshintergrund ließen sich nicht impfen, habe auch eine Impfärztin in Herne beobachtet. Vertreter der örtlichen Moscheegemeinden bestritten das jedoch.

Wie die "Bild" berichtet, hat auch Bundesgesundheitsminister Spahn zuletzt im CDU-Präsidium von einer "großen Herausforderung" gesprochen, bei Migrantinnen und Migranten für die Impfung zu werben. Die Staatssekretärin für Integration, Widmann-Mauz, sagte demnach, das funktioniere auf den konventionellen Wegen nicht.

Die bayerische Integrationsbeauftragte Brendel-Fischer sieht bei Geflüchteten größere Vorbehalte gegen Corona-Impfungen als in der übrigen Bevölkerung. Belastbare Zahlen lägen aber auch hier nicht vor. Aus Sicht der CSU-Politikerin ist die Skepsis Geflüchteter gegen Corona-Impfungen "hauptsächlich ein Sprachproblem".

Serap Güler (CDU) verweist auf Sprachprobleme

Auch die nordrhein-westfälische CDU-Politikerin Güler verweist auf Sprachprobleme unter Menschen mit Migrationshintergrund. Dem Sender n-tv sagte sie, wenn sie an die Anschreiben denke, die Priorisierungsgruppen erhielten, hätten "Deutsche schon ein Problem, diesen Brief zu verstehen". Häufig werde dann so ein Schreiben einfach zur Seite gelegt und vergessen. Zudem kursierten Mythen und Legenden unter verschiedenen Migranten-Gruppen, so die Politikerin weiter. Einige Asylbewerber glaubten etwa, dass Geimpfte leichter abgeschoben würden. Junge Frauen fürchteten, dass bestimmte Impfstoffe die Fruchtbarkeit beeinflussten.

Die Staatssekretärin für Integration der nordrhein-westfälischen Landesregierung forderte eine bessere Aufklärungskampagne in den jeweiligen Sprachen. Außerdem sprach sie sich für ein verstärktes Impfen in von Migranten bewohnten Stadtteilen mit hohen Infektionszahlen aus. Es sei keine Frage der Herkunft, sondern vor allem eine soziale Frage.

Deutliche Unterschiede in einzelnen Stadtteilen

Migranten lebten oft in schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, mit mehr Menschen in engeren Wohnungen, zitiert die "Bild" Tayfun Keltek, den Vorsitzenden des Landesintegrationsrats Nordrhein-Westfalen. Deshalb dürfe man sie aber "nicht zum Sündenbock machen". Das beste Gegenbeispiel seien die hohen Inzidenzen in Thüringen oder Sachsen-Anhalt, wo wenige Migranten lebten.

In Köln gibt es bei den Sieben-Tage-Inzidenzen derzeit deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Stadtteilen. Sie liegen zwischen 0 im Villen-Stadtteil und mehr als 700 in strukturell schwachen Vierteln. Der Leiter des Gesundheitsamtes der Millionenstadt, Nießen, sagte im Deutschlandfunk (Audio-Link), er sehe einen wesentlichen Grund in den Wohnverhältnissen. Es mache einen großen Unterschied, ob man auf engem Raum oder im Einfamilienhaus wohne - und ob man in Quarantäne könne, wenn man sich angesteckt habe. Die Wohnverhältnisse seien auch durch Armut bedingt.

Auch die Form der Arbeit mache einen Unterschied, also ob man im Homeoffice arbeite oder für den Pizzadienst unterwegs sei. Die Stadt wolle ihr Angebot verbessern, sagte Nießen. Man müsse die Menschen intensiver in vielen Sprachen ansprechen. Der Plan sei, mit Streetworkern, Test- und Impfangeboten vor Ort die Inzidenzen langsam wieder herunterzubringen. Dazu sein man in Gesprächen mit der Landesregierung, um weiteren Impfstoff für strukturell schwache Stadtteile zu bekommen.

Auch Bundesfamilienministerin Giffey forderte mehr Hilfen und bessere Aufklärung in Stadtvierteln, in denen die Corona-Zahlen besonders hoch sind. Die SPD-Politikerin sagte im ARD-Morgenmagazin, dies sei nicht in allererster Linie eine Frage des Migrationshintergrunds, sondern eine soziale Frage.

Der katholische Theologe Kossen forderte eine schnellstmögliche Corona-Impfung für ost- und südosteuropäische Arbeitsmigranten. Viele von ihnen würden wenig oder gar nicht Deutsch sprechen, zitiert ihn die "Kreiszeitung" aus dem niedersächsischen Syke. Notwendige Informationen zur Pandemie und zur Impfung erreichten sie vielfach nicht.

Migrationsforscherin: "Wir haben einzelne Sektoren der Gesellschaft bisher nicht angeschaut"

Die Politikwissenschaftlerin Petra Bendel, Leiterin des Forschungsbereiches Migration an der Universität Erlangen Nürnberg, fordert weitere Forschungen zu dem Thema. Man habe sich bisher zu sehr der Nabelschau hingegeben, sagte sie im Deutschlandfunk. Einzelne Sektoren der Gesellschaft seien bisher nicht angeschaut worden. Sie könne sich vorstellen, dass bei den hohen Zahlen in strukturell schwachen Stadtteilen viele Faktoren zusammenwirkten, sagte Bendel. Die Menschen dort hätten oft Jobs "an vorderster Front" sowie prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Zudem hätten auch Sammelunterkünfte, etwa von Geflüchteten oder Saisonarbeitern, einen Einfluss.

Bendel begrüßte zwar die Strategie der Bundesregierung, Informationen zum Virus und zu Impfungen in zahlreichen Sprachen zu veröffentlichen. Allerdings sei die Frage, wie Personen, die die deutsche Ministeriumslandschaft nicht kennen, an die Daten kämen. Hier sei das Bemühen einiger Kommunen vorbildlich, die Informationen auf ihren Seiten und den Seiten der Impfzentren zu veröffentlichen sowie sie über andere Wege in migrantische Communities zu tragen.

Marburger Bund fordert auf Migranten zugeschnittene Impf-Werbung

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund hatte die Bundesregierung bereits aufgefordert, ihre Impfstrategie anzupassen. Es gebe die Sorge, dass beim Eintreffen größerer Impfstoffmengen Ende Mai oder Anfang Juni diese nicht effizient verimpft werden könnten, sagte die Vorsitzende Johna der "Augsburger Allgemeinen". Man müsse die verschiedenen Zielgruppen genau identifizieren und auf sie zugeschnittene Werbung für das Impfen machen. Sie nannte dabei nicht nur Migrantinnen und Migranten mit schlechten Deutschkenntnissen, sondern auch die 6,2 Millionen Analphabeten in Deutschland oder junge Frauen, die die unberechtigte Angst hätten, dass sie nach einer Impfung nicht mehr schwanger werden könnten.

Widmann-Mauz: Aufklärung in 23 Sprachen

Die Bundesregierung arbeite bereits daran, Menschen mit Sprachbarrieren in bis zu 23 Sprachen zielgruppengerecht aufzuklären, erklärte die Staatssekretärin für Integration, Widmann-Mauz, der "Bild". Dies geschehe etwa über soziale Netzwerke und fremdsprachige Radiosender.

Ansätze gibt es auch in vielen Bundesländern. Wie die Nachrichtenagentur epd bereits Ende März berichtete, wirbt das Land Berlin zum Beispiel mit Videos in 15 Sprachen bei Geflüchteten und Migranten für Corona-Impfungen. Neben Arabisch und Farsi, den beiden häufigsten Sprachen unter Geflüchteten in Berlin, gebe es Übersetzungen etwa in den beiden kurdischen Sprachen Sorani und Kurmandschi, sowie in Tigrinya, Somali und Amharisch für den ostafrikanischen Bereich.

Bayerischer Flüchtlingsrat: Vertrauenspersonen einbinden

Der Bayerische Flüchtlingsrat kritisierte, Aushänge als Information in den Unterkünften seien nicht ausreichend. Zum einen herrsche bei vielen Geflüchteten "ein Grundmisstrauen gegenüber allen behördlichen Mitteilungen", zum anderen würden Aushänge allein Sehbehinderten oder Analphabeten nicht weiterhelfen. Der Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats, Thal, betonte, deshalb müssten dringend Vertrauenspersonen der Geflüchteten eingebunden werden, die muttersprachlich über die Impfungen informieren könnten, um eine hohe Impfbereitschaft zu erreichen.

Die nordrhein-westfälische Staatssekretärin für Integration, Güler, plädierte zudem für öffentlichkeitswirksame Impf-Aktionen, um mehr Menschen mit Migrationshintergrund zu überzeugen. Man brauche Vorbilder, die sich immunisieren ließen, so die CDU-Politikerin.

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