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Corona-PandemieSpahn will mit Russland über Sputnik-V-Impfstoff verhandeln

Eine Hand hält den russischen Corona-Impfstoff Sputnik V. (dpa / picture alliance)
Der russische Impfstoff Sputnik V (dpa / picture alliance)

Bundesgesundheitsminister Spahn hat Gespräche mit Russland über den Ankauf des Corona-Impfstoffs Sputnik V angekündigt. Der CDU-Politiker sagte, die EU-Kommission werde ihrerseits keine Verträge mit Moskau über Impfstoff-Lieferungen abschließen. Deshalb werde es bilaterale Verhandlungen geben. Wie stehen die Chancen für eine Zulassung in der EU? Und welche Bundesländer wagen einen Alleingang? Ein Überblick.

Spahn hatte das deutsche Vorgehen nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters gestern Abend im Kreis der EU-Gesundheitsminister bekanntgegeben. Zuvor hatte die EU-Kommission erneut kein Interesse an einem Vorvertrag zu Sputnik V signalisiert. Im WDR-Hörfunk erklärte Spahn, vor einer deutschen Bestellung gehe es zunächst um die Zulassung von Sputnik V in der EU. Dafür müsse Russland Daten liefern. Solange das nicht geschehe, könne es keine Zulassung geben.

Der Minister betonte, er erwarte von Russland zudem verbindliche Aussagen dazu, wann und wie viel Impfstoff geliefert werden könnte. Um wirklich einen Unterschied für die aktuelle Infektionslage zu machen, müsste die Lieferung schon in den nächsten zwei bis vier Monaten kommen. "Ansonsten haben wir so oder so mehr als genug Impfstoff", erklärte der CDU-Politiker.

Lesetipp: Eine Übersicht über die Impfstoffe finden Sie hier.

Erste Bundesländer wagen einen Alleingang

Gestern hatte der bayerische Ministerpräsident Söder bekanntgegeben, dass sein Bundesland einen Vorvertrag über den Bezug von 2,5 Millionen Dosen Sputnik V abgeschlossen hat. Geplant sei, dass ein Werk in Illertissen das Vakzin im Auftrag der Sputnik-Entwickler produziert.

Auch Mecklenburg-Vorpommern will nach Angaben von Gesundheitsminister Glawe einen Vertrag mit dem Sputnik-V-Hersteller schließen. Der NDR berichtet, dass der Vertrag die Lieferung von einer Million Impfdosen für das Bundesland beinhalten solle. Glawe rechne Ende Mai oder Anfang Juni mit einem Einsatz des Impfstoffs. Brandenburgs Ministerpräsident Woidke bekundete ebenfalls Interesse.

Der Vorstoß einzelner Bundesländer hatte auch für Kritik gesorgt. Niedersachsens Ministerpräsident Weil sagte im ZDF, er werde sich – anders als Bayern – an das vereinbarte gemeinsame Vorgehen bei der Impfstoffbestellung halten. Ähnlich äußerte sich die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Dreyer. Der Vorsitzende der ständigen Impfkommission, Mertens, sagte ebenfalls im ZDF, prinzipiell sei es gut, dass man jetzt versuche, sich Impfstoff zu sichern, der bayerische Alleingang überzeuge ihn allerdings nicht. Die bislang publizierten Daten über Sputnik V bezeichnete Mertens als "sehr gut" und ergänzte: "Wenn der Impfstoff geprüft und zugelassen wird, hätte ich persönlich auch nichts gegen den Einsatz des Impfstoffes einzuwenden."

Impfstoff nur zu "Propagandazwecken" oder gutes Vakzin?

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) prüft derzeit den Antrag auf Zulassung von Sputnik V in der EU. Im April werden Experten der EMA in Russland zur Begutachtung der Produktion und Lagerung des Impfstoffs erwartet. Erst wenn die EMA erste Ergebnisse wissenschaftlicher und klinischer Tests ausgewertet hat, kann das eigentliche Zulassungsverfahren beginnen. Dies dürfte einige Wochen bis Monate in Anspruch nehmen. Als Reaktion auf den Start der EMA-Prüfung stellte Russland die Belieferung der EU mit 50 Millionen Impfdosen ab Juni in Aussicht.

Russland gab das Mittel bereits Mitte August 2020 als weltweit ersten Corona-Impfstoff für eine breite Anwendung in der Bevölkerung frei – noch vor dem Abschluss aller wissenschaftlichen Studien. Dies stieß international auf scharfe Kritik. EU-Ratspräsident Michel warf Russland wie auch China vor, ihre Corona-Impfstoffe "für Propagandazwecke" einzusetzen. Auch internationale Experten sehen diese Gefahr. Der New Yorker Think Tank "The Soufan Center" verglich das Vorgehen Russlands und Chinas gar mit einem "neuen Rüstungswettlauf".

Mittlerweile haben in der medizinischen Fachpresse publizierte Daten dem Vektorimpfstoff hohe Wirksamkeit bescheinigt. Nach einer Anfang Februar in der britischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichten Studie schützt das Vakzin zu mehr als 90 Prozent vor einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung. Damit hätte Sputnik V eine ähnlich hohe Wirksamkeit wie die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna.

Problematische Lieferung in der Slowakei

Nach russischen Angaben ist Sputnik V weltweit in mehr als 50 Ländern zugelassen. Auch etliche EU-Staaten haben sich auf bilateralem Weg bereits Dosen von Sputnik V gesichert. Sputnik V könnte der erste nicht-westliche Corona-Impfstoff werden, der in der EU eine Zulassung erhält.

Das EU-Mitglied Ungarn hat Sputnik V im Februar eine nationale Zulassung erteilt und setzt das Mittel bereits ein. Ende Februar nahm Österreich Verhandlungen mit Moskau über die Lieferung von einer Million Impfstoffdosen auf. Auch die Slowakei und Tschechien haben Sputnik-V-Dosen bestellt und angekündigt, für deren Einsatz nicht auf die EMA-Zulassung warten zu wollen.

Doch in der Slowakei gibt es bereits Probleme mit Sputnik V. Der slowakischen Arzneimittelbehörde SUKL zufolge unterscheidet sich die in die Slowakei gelieferte Charge des russischen Impfstoffs Sputnik-V sich von denen, die von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) und der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" geprüft wurden. Die Behörde betont, dass sie die Vorteile und Risiken der 200.000 gelieferten Impfdosen nicht einschätzen könne. Aufgrund fehlender Angaben des Herstellers wird der Impfstoff noch nicht verwendet.

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Diese Nachricht wurde am 08.04.2021 im Programm Deutschlandfunk gesendet.