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Corona-PandemieWann sollen Kitas und Schulen wieder vollständig öffnen?

27.04.2020, Bayern, Unterhaching: Schüler und Schülerinnen einer 12. Klasse des Lise-Meitner-Gymnasiums nehmen am Unterricht teil und tragen Mundschutze. (picture alliance / Sven Hoppe)
Schulbeginn für Abschlussklassen in Coronakrise (picture alliance / Sven Hoppe)

Kindertagesstätten und Schulen müssen irgendwann auch flächendeckend wieder öffnen. Der Druck bei Eltern und Familien ist hoch. Über Zeitpunkt und Ausmaß gibt es aber Streit. Mehrere medizinische Fachgesellschaften fordern nun ein Ende des Notbetriebs in Kitas und eine unbeschränkte Wiederöffnung der Bildungseinrichtungen - beides sofort.

Die Stellungnahme der vier Fachgesellschaften hat medial hohe Wellen geschlagen. Einige Eltern zeigen sich verunsichert, angesichts des Risikos wiedereröffneter Schulen und Kitas. Andere halten die strengen Auflagen für überzogen und hoffen auf Entlastung bei Beruf und Familie. Die Experten der Fachgesellschaften dringen auch deshalb darauf, dass Kitas, Kindergärten und Grundschulen bald - unter Berücksichtigung der regionalen Neuinfektionsrate und der vorhandenen Kapazitäten - wieder eröffnet werden sollen.

Fachgesellschaften bewerten Datenlage anders

Die Autoren der gemeinsamen Stellungnahme halten das Übertragungsrisiko durch Kinder für gering. So heißt es in dem Papier: "Verschiedene Untersuchungen ergeben ein zunehmend schlüssiges Bild, dass Kinder in der aktuellen CoVid-19-Pandemie im Gegensatz zur Rolle bei der Influenza-Übertragung keine herausragende Rolle in der Ausbreitungsdynamik spielen." Insbesondere bei Kindern unter zehn Jahren würden die Daten sowohl für eine geringere Infektions- als auch für eine deutlich geringere Ansteckungsrate sprechen. Die Schlussfolgerung lautet: "Schul- und Kita-Schließungen haben wahrscheinlich nur eine geringe Effektivität auf die weitere Infektionsausbreitung." Allerdings heiß es auch, es gebe noch keine eine ausreichenden Belege über die Ursache dieser geringeren Virus-Transmission.

Drosten: Keine wissenschaftliche Basis für Forderung nach Schulöffnung

Christian Drosten kommt zu einer anderen Einschätzung. Der Virologe der Charité teilte dem Deutschlandfunk schriftlich mit, als Einzelperson, also nicht als Wissenschaftler, stimme er der Grundhaltung zu. Das betreffe die sozialen Überlegungen und das Kindeswohl. Doch gebe es im Moment keine wissenschaftliche Grundlage für eine umfassende Öffnung, erklärte Drosten. Auch hätten die Autoren der Stellungnahme wichtige Elemente der von ihnen zum Beleg zitierten Arbeiten nicht erwähnt. Das gelte auch für Untersuchungen, die er selbst an der Berliner Charité verantwortet habe.

Kritik an Argumentation der Fachgesellschaften

Kritik wird auch in den Medien geübt. Der Chefredakteur des Informationsportals t-online, Florian Harms, hält die Vorgehensweise der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin und des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland, für unlauter.

"Dass sich die Balken nur so biegen"

Harms erhebt schwere Vorwürfe: Die Datenlage werde auf das "gewünschte Ergebnis hin zurechtinterpretiert, dass sich die Balken nur so biegen". In dem Papier würden Erkenntnisse genannt, "die zur Argumentation bei näherer Betrachtung nichts beitragen und lediglich den Anschein erwecken, die Position der Verbände zu stützen." Andere Studien, die den Autoren "inhaltlich nicht in den Kram" passten, würden "akribisch zerpflückt" – "während das, was dem gewünschten Endergebnis zugutekommt, nicht einmal einer oberflächlichen Kritik unterzogen wird."

Unter anderem geht es um eine Studie des Virologen Drosten. Die Experten monieren, "dass die Vorauswahl der untersuchten Kinder der Berliner Studie eine Schlagseite gebe." Die meisten dieser Kinder seien getestet worden, weil sich bei ihnen Krankheitssymptome zeigten. Harms spricht von einem nachvollziehbaren Einwand, kritisiert aber, dass die gleichen Maßstäbe nicht für eine andere Studie aus den Niederlanden zugrunde gelegt würde. "Die Stichprobe hat Schlagseite.", lautet das Fazit.

"Man muss eine Nutzen-Risiko-Abwägung treffen."

Die Direktorin des Instituts für Virologie an der TU München am Helmholtz Zentrum München, Prof. Dr. Ulrike Protzer, hält das Vorgehen der vier Fachgesellschaften für berechtigt. Sie sagte dem Deutschlandfunk, den Plan zur Öffnung der Schulen sollte man möglichst rasch vorantreiben. In Abstimmung mit den lokalen Gesundheitsämtern und Hygienespezialisten könne man Regeln finden, wie man auch die Kinder wieder in die Schulen bringt. Protzer betonte, das Erkrankungsrisiko der Kinder sei gering und vertretbar. "Ein höheres Risiko besteht aber, wenn in der Schule infizierte Kinder das Virus mit nach Hause tragen und Familienmitglieder mit Vorerkrankungen oder ihre Großeltern anstecken." Konkrete Zahlen nannte sie nicht. Die Virologin sprach von einer Abwägung der Risiken und dem Nutzen. Die Eltern müssten sich überlegen, ob ein Risiko bestehe und wie es minimiert werden könne. Protzer forderte die strenge Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln. Die Bitte der Fachgesellschaften, sich über die Öffnung konsequent Gedanken zu machen und Konzepte voranzutreiben, sei absolut berechtigt.

Wer entscheidet über das weitere Vorgehen ?

Grundsätzlich entscheiden die einzelnen Bundesländer über die weiteren Schritte. Dabei richten sie sich in aller Regel nach den Empfehlungen der Robert Koch-Instituts, das detaillierte Vorschläge für Hygiene- und Abstandsregeln erarbeitet hat. Die Kultusministerkonferenz hatte bereits Anfang Mai ein Rahmenkonzept vorgestellt, wie die Voraussetzungen für eine schrittweise Öffnung der Schulen aussehen könnten. Für die Umsetzung der Hygienepläne sind die Schulen zuständig, unterstützt werde sie dabei von den Gesundheitsämtern vor Ort.

In vielen Schulen sind mittlerweile deutlich weniger Schüler, es gibt markierte Wegführungen und "Einbahnstraßen" auf den Schulfluren, geteilte Klassen, gestaffelte Pausen, zeitversetzter Unterricht und ein größerer Abstand zwischen den Tischen im Klassenraum. Zudem gibt es Einlasskontrollen an den Toiletten. Das Tragen eines einfachen Mund-Nase-Schutzes wird auf den Schulfluren und in den Pausen oftmals empfohlen, ist aber im Unterricht keine Pflicht.

Die Deutsche Presse-Agentur hat eine Übersicht für die einzelnen Bundesländer zusammengestellt:

BADEN-WÜRTTEMBERG: Mitte Juni sollen alle Schüler zumindest zeitweise wieder Präsenzunterricht erhalten. In den Kitas dürfen bisher höchstens 50 Prozent der Kinder, die normalerweise die Einrichtung besuchen, gleichzeitig dort betreut werden.

BAYERN: Einige Jahrgänge sind wieder an den Schulen, erst nach den Pfingstferien Mitte Juni sollen alle Schüler zumindest tageweise in die Schule gehen. Dann sollen auch die Kinder zurück in die Kindergärten dürfen, die im Schuljahr 2021/22 schulpflichtig werden.

BERLIN: Bis zum Sommer soll jedes Kita-Kind wieder ein Betreuungsangebot erhalten. Bis Ende Mai sollen alle Schüler mit verringerter Stundenzahl in die Schulen gehen.

BRANDENBURG: Allen Schülern wird vor den Sommerferien, der Schulbesuch und die Teilnahme am Präsenzunterricht mindestens tage- oder wochenweise ermöglicht. Bei Kitas soll ein eingeschränkter Regelbetrieb anlaufen.

BREMEN: An Grundschulen werden alle Klassen schrittweise zurückgeholt. An den weiterführenden Schulen sind einige Klassen bereits zurück, weitere Klassen folgen am 25. Mai. Ab 1. Juni werden alle Vorschulkinder wieder in Kitas kommen.

HAMBURG: Ab dem 25. Mai sollen alle Schüler wenigstens einmal pro Woche Unterricht in der Schule bekommen. Kitas gehen schrittweise in den Regelbetrieb.

HESSEN: Kitas sollen Anfang Juni allmählich in den eingeschränkten Normalbetrieb übergehen. Der Unterricht an den Schulen hat schrittweise wieder begonnen.

MECKLENBURG-VORPOMMERN: Die Schüler kehren bereits schrittweise in die Schulen zurück. Am 25. Mai sollen Kitas wieder allen Kindern offen stehen.

NIEDERSACHSEN: Die Notbetreuung in den Kitas wird sukzessive ausgeweitet, die Rückkehr zum Regelbetrieb ist für den 1. August geplant. Schüler kehren nach und nach zurück, vom 15. Juni an haben alle Jahrgänge wieder Unterricht in den Schulen.

NORDRHEIN-WESTFALEN: Kita-Kinder und Schüler kehren schrittweise zurück. Ab Ende Mai sollen alle Schüler tageweise Präsenzunterricht erhalten, ab 8. Juni soll es einen "eingeschränkten Regelbetrieb" für alle Kita-Kinder geben.

RHEINLAND-PFALZ: Der Unterricht hat stufenweise wieder begonnen, alle Schüler sollen bis Mitte Juni wieder zur Schule gehen. Die Kitas werden bis spätestens zu den Sommerferien für alle geöffnet.

SAARLAND: In Kitas und Schulen soll es spätestens bis zu den Sommerferien "wieder einen möglichst regulären Betrieb geben".

SACHSEN: Sachsens Kitas und Grundschulen können im eingeschränkten Regelbetrieb für alle Kinder öffnen. Schüler an weiterführenden Schulen sollen zumindest teilweise wieder an den Schulen unterrichtet werden.

SACHSEN-ANHALT: Ab 2. Juni sollen Kitas und Schulen zu einem regulären Betrieb zurückkehren.

SCHLESWIG-HOLSTEIN: Ab dem 25. Mai soll für weitere Jahrgänge wieder die Schule beginnen. Das gilt für die Klassen 1 bis 3 an den Grundschulen sowie die Jahrgänge 8, 9 und 10 an Gemeinschaftsschulen und Gymnasien. Vom 1. Juni an soll in den Kitas ein eingeschränkter Regelbetrieb gelten.

THÜRINGEN: Die Kommunen konnten selbst entscheiden, ob sie in den Kindergärten einen eingeschränkten Regelbetrieb anbieten. Bis spätestens 15. Juni soll dieser in allen Kitas starten. In den Schulen sollen spätestens nach Pfingsten wieder alle Schüler am Präsenzunterricht teilnehmen können.

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