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StartseiteKommentare und Themen der WocheVerantwortungslos und kalkuliert29.06.2021

Corona-Politik in GroßbritannienVerantwortungslos und kalkuliert

Die Delta-Variante des Coronavirus breite sich zwar rasant in Großbritannien aus, die Regierung in London sei aber offenbar entschlossen, den Dingen ihren Lauf zu lassen, kommentiert Christine Heuer. Dahinter stecke auch Kalkül. Das könne auch für die Staaten der Europäischen Union gefährlich werden.

Ein Kommentar von Christine Heuer

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Eine Szene aus Achtelfinale der Fußballeuropameisterschaft England gegen Deutschland. Im Wembley Stadion in London waren 45.000 Zuschauer uzgelassen.  (dpa / Christian Charisius)
Fußball EM: England - Deutschland vor 45.000 Zuschauern (dpa / Christian Charisius)

Deutschland gegen England im Achtelfinale, 45.000 Zuschauer im Wembley-Stadion. Wer hier den Sieg davonträgt, entscheidet sich nicht auf dem Platz. Schon vor dem Spiel war völlig klar: Corona schlägt sie alle. Die Fußball-Europameisterschaft 2021 ist die ultimative Party für das Delta-Virus. Superspreader-Events Schlag auf Schlag. Wer hätte gedacht, dass die Menschen so dumm sind, zu verspielen, was sie mühevoll errungen haben im Kampf gegen die Pandemie?

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Aber ist es wirklich Dummheit? Boris Johnson kann man vieles unterstellen, mangelnde Intelligenz gehört nicht dazu. Zynischer Populismus sehr wohl. Die Briten sind fußballfanatisch. Der Premierminister möchte die Weltmeisterschaft 2030 ins Land holen, da können Leckerli für die UEFA nicht schaden. Die Bürger sind Corona-müde, sie wollen ihr Leben zurück. Da riskiert der Regierungschef in London eben ein paar Todesfälle mehr. "Sollen die Leichen sich zu Tausenden stapeln", soll Johnson gesagt haben, als er im Herbst vor der Wahl stand, das in Kauf zu nehmen oder einen weiteren Lockdown. Damals setzten sich seine Wissenschaftsberater noch durch. Jetzt, so scheint es, haben sie ausgedient in Downing Street.

Den Dingen ihren Lauf lassen

23.000 neue Covid-Fälle an nur einem Tag wurden zuletzt gemeldet in England. Die Inzidenz liegt bei über 150. Delta durchseucht die Insel. Und die Regierung ist ganz offenbar entschlossen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Großbritanniens neuer Gesundheitsminister gilt als Lockdown-Skeptiker. Kaum im Amt hat Sajid Javid angekündigt, dass am 19. Juli endgültig Schluss ist mit den Corona-Einschränkungen im Königreich. Auch der Premierminister kann in den aktuellen Pandemie-Daten, wie er sagt, nichts erkennen, was dem Freiheitstag jetzt noch im Wege stünde. Londons neue Losung lautet: Mit dem Virus leben lernen!

Da Corona bekanntlich keine Grenzen kennt, schafft die englische Regierung damit auch in der Europäischen Union Fakten. In Kürze will Boris Johnson den Engländern Ferien im Ausland erleichtern. Ist nicht gerade Sommer, und wollen sie nicht dringend nach Südeuropa reisen? Dass sie Delta im Gepäck haben: Wem könnte das egaler sein als dem Brexit-Premier?

Deutschland als Spielverderber

Auf dem Kontinent ist es zuvörderst Angela Merkel, die versucht, Einreisen aus Großbritannien zu verhindern. Aber die klassischen Ferienländer im Süden wollen nicht recht mitziehen. Sie brauchen die englischen Urlauber wie die UEFA Ticketverkäufe und Werbeeinnahmen, und der britische Premier hohe Popularitätswerte. Die englische Boulevard-Presse fällt bereits genüsslich über Deutschland her, das den Engländern die Ferien versauen möchte. Spielverderber eben.

Natürlich ist das alles völlig verantwortungslos. Aber aufhalten wird man es kaum können. Delta schlägt Purzelbäume. Es ist der britische Exportschlager dieses Sommers. Die Europäer sollten sich warm anziehen.

Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) Christine Heuer, geboren 1967 in Bonn, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Anglistik. Sie war für den Deutschlandfunk freie Korrespondenten im Bonner und Berliner Hauptstadtstudio, Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen und in der Kölner Chefredaktion Chefin vom Dienst. Heuer war zuletzt Redakteurin in der Abteilung Aktuelles und moderierte viele Jahre lang die Sendung "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Seit 2020 berichtet sie als Korrespondentin aus Großbritannien und Irland.   

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