Neue Corona-RegelnDie Politik trägt das Risiko

Bei der Omikron-Variante beträgt die mittlere Inkubationszeit wohl nur noch drei Tage. Vorläufige Forschungsdaten dürfen aber kein Feigenblatt für die Politik sein, kommentiert Arndt Reuning. Diese müsse das Risiko ihrer Entscheidungen - wie etwa die Verkürzung der Quarantänezeit - selbst tragen.

Ein Kommentar von Arndt Reuning | 07.01.2022

Am Fenster der Traditionskneipe "Zur Andau" in der Mainzer Innenstadt ist der Hinweis "-2G + - geimpft o. genesen + Booster" aufgemalt
Die neuen Bund-Länder-Beschlüsse vom 7.1.2022 sehen für die Gastronomie G2 Plus vor (picture alliance/dpa)
E=mc2. Der Tripelpunkt von Wasser liegt bei 273 Kelvin und 611 Pascal. Das Erbgutmolekül DNA setzt sich aus vier Nukleotid-Bausteinen zusammen. Das alles sind anerkannte wissenschaftliche Fakten. Gefunden wurden sie mit Hilfe einer Methodik, die sicherstellen soll, dass es sich dabei um die bestmögliche Annäherung an die Wirklichkeit handelt.

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Zum Prozess des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns gehört es auch, dass sich die Fachleute austauschen. Auf Konferenzen stellen sie ihre Ergebnisse zur Diskussion. In Fachmagazinen werden üblicherweise die Studien von unabhängigen Expertinnen und Experten begutachtet. Das alles braucht seine Zeit.

Wissenschaft: Belastbarkeit der Daten kommunizieren

In der Pandemie haben wir diese Zeit oft nicht. Und so erschienen viele wissenschaftliche Studien in den vergangenen zwei Jahren als Vorab-Veröffentlichung. Den Begutachtungsprozess durchliefen sie in aller Öffentlichkeit. Dieser Blick in den Maschinenraum der Forschung erweckte mitunter den Eindruck, als änderten die Fachleute ihre Meinung willkürlich – wo doch bloß neue oder einfach nur genauere Fakten eine andere Bewertung zur Folge hatten. Die Belastbarkeit der Daten, die Grenzen ihrer Genauigkeit zu kommunizieren, ist daher eine entscheidende Aufgabe für Forschung und Journalismus. Das gilt ganz besonders, wenn diese Fakten in politische Entscheidungen einfließen sollen.

Politik: Güterabwägungen treffen

Wichtig ist, dass die Wissenschaft gehört wird.  Aber die Resultate der Forschung dürfen kein Feigenblatt sein für die Entscheidungen der Politik. Denn um den Kurs durch die Pandemie abzustecken, müssen oft Güterabwägungen getroffen werden.
Ein kleines Beispiel aus der heutigen Bund-Länder-Runde: Die Verkürzung der Quarantänezeit von Kontaktpersonen. Bei ihnen ist noch unklar, ob sie sich selbst angesteckt haben. Wie lange sollen sie sich selbst abschotten? Beim SARS-Coronavirus-2 in seiner ursprünglichen Form hat es üblicherweise fünf Tage gedauert, bis sich nach einer Ansteckung die ersten Symptome gezeigt haben. Bei der Omikron-Variante beträgt die mittlere Inkubationszeit wohl nur noch drei Tage. Doch immer wieder gibt es Menschen, bei denen es länger dauert. Bis zu vierzehn Tage. Jede Verkürzung bringt die Gefahr mit sich, dass eine Infektion übersehen wird. Die Wissenschaft kann die genaue Verteilung liefern. Die Politik muss jedoch entscheiden, welches Risiko sie noch zulassen will.