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StartseiteKommentare und Themen der WocheDeutschland auf riskantem Weg04.03.2021

Corona-StrategieDeutschland auf riskantem Weg

Die alte Anti-Corona-Strategie mit der Zielmarke Inzidenz 35 ist nicht durchsetzbar gewesen, kommentiert Stephan Detjen. Die Politik hält sich jetzt nicht mehr an die Wissenschaftscommunity, sondern orientiert sich im Wahljahr an den Akzeptanzwerten in der Bevölkerung.

Ein Kommentar von Stephan Detjen

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Eine Anzeigetafel weist in der Fußgängerzone von Köln auf die Maskenpflicht hin (picture alliance/dpa/Oliver Berg)
Die alte Corona-Strategie sei nicht falsch gewesen, aber an ihrer Durchsetzbarkeit gescheitert, kommentiert Stephan Detjen (picture alliance/dpa/Oliver Berg)
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Die Beschlüsse der Bund-Länder-Konferenz sind das Eingeständnis eines Scheiterns. Misslungen ist der Versuch von Bundeskanzlerin Merkel, den Ministerpräsidenten und -präsidentinnen, die Pandemie durch eine drastische Senkung der Inzidenzen zu bekämpfen, um dann auf niedrigstem Niveau der Infektionsdynamik ein höchstes Maß an Öffnungen zu ermöglichen.

Den Brand in der Küche offen lodern lassen

Das Feuer sollte gleichsam vollständig gelöscht werden, damit jeder neue Glutherd mit einfachen Mitteln ausgetreten werden kann. Dafür stand die alte Zielmarke einer Inzidenz von 35. Jetzt heißt die Devise, den Brand in der Küche offen lodern zu lassen und durch das Schließen der Türen dafür zu sorgen, dass er nicht auf Wohn- und Schlafzimmer übergreift.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Die Hoffnung ist, dass die Feuerwehr in Gestalt von Impfstoffen rechtzeitig genügend Verstärkung herankarrt, um das Feuer dann endgültig zu löschen. Dafür steht der neue, breite Korridor von Inzidenzwerten zwischen 50 und 100, in dem trotz hohen Pandemiegeschehens das Leben in Geschäften, Gastronomie, Kinos und Kultureinrichtungen wieder anlaufen soll.

Die 35-er-Strategie war nicht durchsetzbar

Dass die alte Strategie scheiterte, lag nicht daran, dass sie in der Sache falsch war. Sie war nicht durchsetzbar. Der Wechsel der Zielmarken von 50 auf 35 bei der Bund-Länder-Konferenz im Februar hatte im entscheidenden Moment einen Stimmungswandel herbeigeführt. Statt – wie erhofft – zu einer letzten, gemeinsamen Kraftanstrengung im Zeichen bedrohlicher Virus-Mutationen zu motivieren, brachen sich Frustration, Ärger und Unverständnis Bahn. Die jetzige Entscheidung ist insofern eine urdemokratische.

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Die Regierungen in Bund und Ländern verlassen den Kurs, auf dem sie bisher dem Rat einer fachlich ausgewiesenen Wissenschaftscommunity gefolgt waren und orientieren sich an Akzeptanzwerten, die gerade in einem Wahljahr wie diesem nicht an den Infektionsdaten des Robert-Koch-Instituts abgelesen werden, sondern an den Balkendiagrammen der Meinungsforschungsinstitute und Wahlsendungen im Fernsehen.

Stimmung dürfte sich kaum verbessern

Einen Anteil an dem Stimmungswandel der vergangenen Wochen hatten nicht nur Interessenverbände der am schwersten betroffenen Wirtschaftszweige, sondern auch einflussreiche Medien, die eine kritische Beobachtung der Regierungsarbeit durch eine publizistische Fundamentalopposition ersetzten.

Vor diesem Hintergrund dürfte der Weg, der jetzt eingeschlagen wird, kaum dazu beitragen, die Stimmung dauerhaft wieder aufzuhellen. Manchem Politiker mag es genügen, wenn sie oder er bis zum nächsten Wahldatum am 14. März von Missmut und Protest verschont bleibt. Die Warnungen der Epidemiologen und Virologen sagen den Einschlag einer dritten Welle der Pandemie eher für die dann folgenden Wochen im April voraus.

Die Zeit bis dahin wird weiterhin von massiven Einschränkungen im öffentlichen und privaten Leben geprägt sein. Ein erneuter Lockdown danach hätte nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und psychologisch noch einmal böse Wirkungen. Niemand kann sagen, ob es so kommt. Aber den Äußerungen fast aller Akteure gestern war anzuhören, wie mulmig ihnen dabei ist. Deutschland hat sich auf einen hochriskanten Weg begeben.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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