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StartseiteHintergrundMit Apothekern und Hausärzten zum Impf-Vorreiter Europas08.04.2021

Corona-Strategie in GroßbritannienMit Apothekern und Hausärzten zum Impf-Vorreiter Europas

Die britische Regierung hat in der Corona-Pandemie oft auf Risiko gesetzt. Bei der Impfstrategie zahlt sich das nun aus: Schon fast die Hälfte der Briten hat ihre Erstimpfung erhalten. Fraglich ist, ob die Strategie langfristig als Erfolg gelten wird. Kritiker sprechen von "Impfnationalismus".

Von Natalie Klinger

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Der 61-jährige Pillay Jagambrun bekommt eine Pfizer/BioNTech COVID-19-Impfung im Rahmen der größten Impfaktion der britischen Geschichte. 8. Dezember 2020.  (Dan Charity/Pool via AP)
Der 61-jährige Pillay Jagambrun bekommt eine Pfizer/BioNTech COVID-19-Impfung im Rahmen der größten Impfaktion der britischen Geschichte. Das Land hatte frühzeitig - auf Risiko - viel Impfstoff geordert. (Dan Charity/Pool via AP)
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Vor der Pandemie war Marylebone eins der geschäftigsten Einkaufsviertel in der Londoner Innenstadt. Heute sieht man kaum Menschen auf der Straße. Die meisten Läden sind zu. Doch die John Bell & Croyden-Apotheke hat mehr Kunden als je zuvor. Seit Ende Januar kommen hier pro Woche etwa 1.000 Patienten hin, um sich gegen Covid-19 impfen zu lassen.

John Bell & Croyden ist eine von 300 Apotheken in Großbritannien, die Covid-19-Impfungen anbieten. Britische Apotheker kennen sich mit Impfungen aus: Schon lange beteiligen sie sich etwa am jährlichen Grippeschutz-Programm – in Deutschland sind vergleichbare Modellprojekte erstmals diesen Winter gestartet. Die langjährige Übung kommt Reshma Malde, der leitenden Apothekerin bei John Bell & Croyden, nun zugute: "Ich habe ein erfahrenes Team, das jedes Jahr die Grippeschutzimpfungen vornimmt. Auf einer Weiterbildung haben sie gelernt, worauf sie bei der Covid-Impfung achten müssen."

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Alle Briten sollen bis Ende Juli geimpft sein 

Malde und ihr Team haben bereits etwa 8.000 Patienten eine Erstimpfung gegen Covid-19 verabreicht. Ihr Erfolg ist beispielhaft: Bis Ende Juli sollen alle Briten einen Impftermin angeboten bekommen. Mit diesem Zeitplan liegt Großbritannien nach Daten der Universität Oxford im europäischen Vergleich ganz vorn. Dass die Regierung von Anfang an Apotheker und andere Berufsgruppen in die Strategie einbezogen hat, sei ein Grund dafür, glaubt Dr. Sarah Schiffling. Sie unterrichtet Logistik an der John Moores-Universität in Liverpool und hat sich näher mit der britischen Impfstrategie beschäftigt.

"Ob man jetzt ein Auto hat und rausfahren kann zu einem Stadion, zu einer Rennbahn für ein Massenimpfzentrum oder ob man eben lieber beim Hausarzt geimpft werden möchte: Diese Verteilung hilft auch sehr, um verschiedene Leute zu erreichen. Wir haben beispielsweise auch Kampagnen, dass eben in Gemeindezentren geimpft wird, auch in Kooperation dann mit Glaubensgemeinden, was natürlich viele Leute anregt zu sagen: 'Okay, ich habe gesehen, mein Imam hat sich auch impfen lassen, scheint ja eine gute Sache zu sein, mache ich auch mit'."

Auch Prominente wie die Queen und Elton John machen Werbung für die Impfung.

Pop-Up-Impfzelte und "Vaxi Taxis"

Selbst Hausärzte, die in ihrer Praxis nicht genügend Platz haben, finden Wege, sich an der Kampagne zu beteiligen. In London etwa bringt das Vaxi Taxi weniger mobile Menschen zu Pop-Up-Impfzelten, und ein Doppelstockbus fährt in Stadtteile, in denen die Impfrate noch niedrig ist.

Die Ärztin Tamara Joffe bereitet eine Corona-Impfung mit AstraZeneca in einem Londoner Taxi auf, Teil eines sogenannten pop-up Pilot-Projekts names "Vaxi Taxi". Ein Patient wartet in Kilburn, London, am 28. Februar 2021.  (AP/Alastair Grant)Londoner Pop-up Pilot-Projekt zum Impfen - das "Vaxi Taxi" (AP/Alastair Grant)

Der blau-weiße Schriftzug des NHS, des National Health Service, prangt groß am Bus. Bisher hatte die Pandemie vor allem die wunden Stellen des chronisch unterfinanzierten Gesundheitssystems offengelegt. Anfangs mussten Ärzte und Krankenschwestern ohne angemessene Schutzkleidung arbeiten. Die Intensivstationen waren stets am Anschlag. Aber nun zeigt sich, dass es in der Pandemie trotzdem einen Vorteil hat: Während in Deutschland jedes Bundesland die Verteilung des Impfstoffes einzeln regelt, ist die NHS in England, Schottland, Wales und Nordirland zuständig. Sarah Schiffling:

"Also, der NHS spielt eine sehr entscheidende Rolle, das eben gut zu koordinieren, und wir müssen auch bedenken, dass die Logistik bedeutet, dass das alles gekühlt werden muss, dass wir ununterbrochene Kühlketten haben müssen. Aber in diesem Fall zahlt sich das zentralisierte System der NHS wirklich aus, weil das eben schon immer darauf ausgelegt ist, gemeinsam Materialien zu beschaffen und dann auch wieder überall hin zu verteilen ins ganze Land."

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Der Gesundheitsdienst kann das nur dank vieler Freiwilliger stemmen: Denn die Situation des NHS ist nach wie vor prekär. Doch nicht alle fatalen Folgen der Pandemie lassen sich allein auf unterbesetzte Krankenhäuser und vergleichsweise wenige Intensivbetten zurückführen: Im Sommer etwa spendierte Wirtschaftsminister Rishi Sunak den Bürgern staatlich finanziertes Essen zum halben Preis im Restaurant. Die Aktion sollte die Wirtschaft ankurbeln, trug aber gleichzeitig zur zweiten Covid-Welle im Herbst bei. Bei der Impfstrategie dagegen wird die Risikobereitschaft der Regierung nun belohnt: Der Beschluss etwa, die zweite Impfdosis hinauszuzögern, sie statt drei Wochen bis zu drei Monate später zu verabreichen, sei aus logistischer Sicht schlau gewesen.

"Wie das jetzt medizinisch sinnvoll ist oder so, kann ich persönlich nicht bewerten, aber für die Logistik ist das natürlich eine hervorragende Sache, wenn wir nicht darauf achten müssen, dass der gleiche Impfstoff am gleichen Impfzentrum dann auch gleich in drei Wochen wieder da ist, um die Leute für die zweite Impfung zu versorgen."

"Ein ziemlich großes Risiko"

Die Strategie spiegelt sich in den Zahlen wider: Erst 8,3 Prozent der Briten haben ihre zweite Impfdosis erhalten – kaum mehr als in Deutschland. Dafür ist schon fast die Hälfte aller Briten mit der Erstdosis geimpft – verglichen mit nur 13 Prozent der Deutschen. Inzwischen haben Studien das bewiesen, was die Regierung zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung nur vermuten konnte: Bereits die Erstimpfung schützt in den meisten Fällen vor schweren Verläufen. Die Methode hat also vermutlich viele Menschenleben gerettet. Auch der Beschluss, die Impfstoffe im nationalen Alleingang zu beschaffen und schneller zuzulassen, lässt das Land heute besser dastehen.

"Großbritannien ist ja früh ausgeschert aus dem EU-Beschaffungsakt für die Impfstoffe und hat dann sein eigenes Ding gemacht. Was man allerdings dazu sagen muss, das hat jetzt nichts mit Brexit zu tun. Das war vollkommen im legalen Rahmen, auch was andere EU-Staaten eben auch machen konnten. Das klang im Sommer noch so, als hätte Großbritannien da einen Fehler gemacht. Denn in der Logistik sagen wir eigentlich meistens, dass es besser ist, wenn man eben mehr Kaufkraft hat, mehr Einfluss auch auf Unternehmen, um sagen zu können: Okay, wir nehmen so viel von euch ab, bitte gebt uns gute Konditionen. Deswegen war das eigentlich ein ziemlich großes Risiko, was Großbritannien gemacht hat. Sie waren aber fähig, dadurch schneller zu agieren als die ganze EU."

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Wagniskapitalgeberin besorgte Impfstoffe

An der Spitze der Impf-Arbeitsgruppe stand außerdem keine Politikerin wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, sondern die Wagniskapitalgeberin Kate Bingham, die seit 30 Jahren in der Pharmaindustrie arbeitet. Zu vielen der Impfhersteller hatte die Leiterin der Impfstoff-Taskforce schon vorher direkte Kontakte.

"Wir haben da besonders profitiert davon, dass die Leiterin der Beschaffungskommission Kate Bingham recht früh eine recht eigenwillige, auch risikoreiche Strategie gefahren hat, um eben möglichst viel, möglichst vielversprechende Impfstoffe zu beschaffen, ohne dabei so groß aufs Geld zu achten."

Laut Kate Bingham kostet Großbritannien eine Impfdosis im Schnitt etwa 11,70 Euro – die EU zahlt fast zwei Euro weniger.

"Und das scheint sich richtig ausgezahlt zu haben mit dem frühen Verständnis: Welche Impfstoffe sind wirklich diejenigen, die am vielversprechendsten sind? Wo sollten wir früh investieren? Früh Verträge abschließen?"

EU exportiert

Die Europäische Union handelte bessere Preise mit den Impfherstellern aus, fing dafür aber erst drei Wochen nach Großbritannien mit dem Impfen an. Deshalb liegt die EU nun weit hinter dem Vereinigten Königreich zurück. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass die EU bereits ein Drittel der dort hergestellten Impfstoffe in Nachbarländer, nach Mexiko, Kanada, Chile und vor allem Großbritannien geliefert hat – das selbst keine exportiert. Deshalb erwägt die EU nun ein zeitweiliges Exportverbot für Impfstoffe. Doch Großbritannien hat sich über seine Verträge abgesichert, wie etwa mit dem wichtigen Impfstoffhersteller AstraZeneca.

"Also wie AstraZeneca seine Lieferketten aufgebaut hat, das ist ein System, das wir auch von vielen anderen Unternehmen kennen. Dass AstraZeneca eben sagt, sie haben Regionen, in die sie die Welt einteilen und diese Regionen haben jeweils unterschiedliche Lieferketten. Falls es ein Problem gibt innerhalb von einer Lieferkette, dann fällt nicht die gesamte Versorgung für die ganze Welt aus. Jetzt ist natürlich die Frage, was passiert, wenn wir Probleme innerhalb einer Lieferkette haben. Wird diese Region versorgt aus anderen Regionen oder sagen wir einfach: Okay, hier gibt es jetzt Probleme. Und damit müssen wir uns eben abfinden. Und das ist, wo die Vertragsklauseln sich unterscheiden zwischen Großbritannien und der EU. Da gibt es eben unterschiedliche Formulierungen innerhalb dieser Verträge."

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"Der EU-Vertrag ist softer als der britische"

Die Verträge sind zwar nicht öffentlich einsehbar. AstraZeneca hat aber angedeutet, dass der britische Vertrag spezifischer ist. Sollte es Engpässe in der britischen Lieferkette geben, ist es AstraZenecas Verantwortung, diese auszugleichen – selbst, wenn der Hersteller dafür auf andere Lieferketten zurückgreifen muss. Wenn AstraZeneca zu spät liefert, kann die britische Regierung den Vertrag kündigen und Strafmaßnahmen verhängen. Gareth Davies, Professor für EU-Recht an der Freien Universität Amsterdam, glaubt: Das erklärt, warum Großbritannien bisher einen Großteil seiner angeforderten Dosen aus der Europäischen Union erhalten hat, während diese noch auf drei Viertel ihrer Bestellung bei AstraZeneca wartet.

"Der EU-Vertrag ist softer als der britische. Im Falle einer Auseinandersetzung finden erst mal Verhandlungen statt. Und die EU könnte kaum Entschädigungen einfordern."

Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock erklärte der Financial Times, der Vertrag für die Insel sei einfach besser als der europäische. Doch so einfach sei das nicht, meint Jurist Davies.

"Soweit ich das beurteilen kann, stehen sowohl der EU als auch Großbritannien die vertraglich versprochenen Impfdosen zu. AstraZeneca hat sich verpflichtet, sich bestmöglich anzustrengen, um den Vertrag mit der EU einzuhalten. Indem sie die Impfdosen an Großbritannien verkaufen, brechen sie dieses Versprechen. AstraZeneca ist in einem großen Schlamassel, weil sie schlicht nicht genug produzieren, um beide Verträge zu erfüllen."

Der britische Premierminister Boris Johnson schaut zu, wie die Assistenzschwester Susan Cole mit dem Oxford-AstraZeneca Covid-19-Impfstoff am 4.1.2021 im Chase Farm Hospital in Nord-London, Teil des Royal Free London NHS Foundation Trust, geimpft wird. (PA/Stefan Rousseau/Pool Photo via AP)Premierminister Boris Johnson zeigt sich bei der Impfung des Pflegepersonals mit dem AstraZeneca-Impfstoff. (PA/Stefan Rousseau/Pool Photo via AP)

Impferfolg kommt Johnson zugute

Ein Vertragsbruch mit der EU kostet AstraZeneca vermutlich aber einfach weitaus weniger Geld, so Davies. Vor diesem Hintergrund lassen sich die Kommentare des britischen Premierministers Boris Johnson verstehen, die er kürzlich in einem privaten Telefonat mit konservativen Abgeordneten geäußert hat: Kapitalismus und Gier seien der wahre Grund für den Impferfolg.

Die Vorschau auf einen 30-minütigen Film über ihre Impfstrategie zeigt, wie stolz die Regierung auf ihren Erfolg ist. Er sei unglaublich, außergewöhnlich, fantastisch. Das Bild eines unabhängigen Großbritanniens, das allen Widrigkeiten zum Trotz das Unmögliche schafft, kommt Johnson einen Monat vor den Wahlen in Schottland, Wales und einigen Regionen gelegen. Einige Umfragen zeigen seine Partei, die Conservatives, mit einem Vorsprung von bis zu acht Punkten gegenüber der Labour-Partei. Die Stimmung sei umgeschlagen, meint John Peet, Politik- und Brexitredakteur bei der Zeitschrift "The Economist".

"Die meisten sind weiterhin der Ansicht, dass die Regierung die Gefahren von Covid-19 zu spät erkannt hat und wir deshalb so eine hohe Sterberate haben. Aber der Impferfolg überschattet jetzt alles, was letztes Jahr schiefgelaufen ist. Das trägt auch dazu bei, dass Boris Johnson in den Umfragen besser dasteht."

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"Als einzelnes Land agiler als ein ganzer Block"

Das Timing ist nicht nur angesichts der anstehenden Wahlen günstig: Dass die Europäische Union beim Impfen vergleichsweise langsam vorankommt, spielt drei Monate nach dem britischen EU-Austritt auch den Brexit-Befürwortern in die Karten.

"Viele Brexiteers, darunter auch Minister in Johnsons Regierung, glauben, der britische Impferfolg beweise, dass der Brexit eine kluge Entscheidung war. Dass wir als einzelnes Land agiler handeln können als ein ganzer Block, auch weil wir nicht mehr durch Brüssel reguliert sind. Und das passe besser zur Rolle Großbritanniens in der Welt, nicht mehr nur in Europa. Einige behaupten sogar, dass wir das gar nicht geschafft hätten ohne Brexit. Das stimmt so nicht. Ungarn hat zum Beispiel eine eigene Strategie gefahren und steht jetzt besser da als viele andere EU-Länder."

Der Impf-Erfolg belastet nicht nur die Beziehungen mit der EU. Er erschwert auch der Labour-Partei ihr politisches Handeln, die als Opposition in der Pandemie ohnehin oft eine undankbare Rolle hatte.

"Labour-Politiker finden im Moment nicht viel, womit sie sich gegen die Regierung wenden könnten. Wenn sie die Impfstrategie oder die Folgen des Brexit kritisieren würden, könnte es so aussehen, als stellten sie sich auf die Seite der Europäischen Kommission."

Labour-Chef Keir Starmer rief seine Anhänger sogar dazu auf, Kritik an der Regierung vorerst zu vernachlässigen, um gemeinsam am nationalen Impf-Erfolg mitzuwirken. Auch die Forderung nach einer öffentlichen Untersuchung dazu, welche Fehler die Konservativen in der Pandemie begangen haben, hat er auf den Sommer verschoben.

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Läuft alles weiterhin nach Plan, sollen ab dem 21. Juni alle Kontaktbeschränkungen aufgehoben werden. Derzeit erwägt die Regierung, spezielle Covid-Impfpässe einzuführen. Sie könnten ab Ende Juli Pflicht werden für alle, die internationale Reisen antreten, ein Stadion oder ein Pub besuchen wollen. Das würde vor allem People of Colour treffen. Denn besonders Schwarze und Menschen mit südasiatischem Hintergrund nehmen ihr Impfangebot seltener wahr als weiße Briten. Auch wenn die Impfkampagne in vielerlei Hinsicht ein Erfolg sei: Hier habe sie versagt, meint Dr. Mohammed Razai. Der Londoner Hausarzt forscht zur Bevölkerungsgesundheit an der St. George’s Universität.

"Bei den über 80-Jährigen haben sich nur halb so viele schwarze Briten impfen lassen wie weiße. Diesen Trend sieht man auch in pakistanischen und bangladeschischen Gemeinden. Das hat schwere Folgen. Denn wir wissen, dass sich People of Colour in ihren oft systemrelevanten Jobs häufiger infizieren und ein bis zu vierfach höheres Risiko haben, an Covid-19 zu sterben."

Falschinformationen, die sich während der Pandemie über WhatsApp-Gruppen noch schneller und weiter verbreitet haben, hätten die Skepsis noch mehr angefacht. Den Botschaften der Regierung, so Razai, vertrauten People of Colour aus guten Gründen oft weniger.

"Das Misstrauen ist historisch gewachsen aus Erfahrungen von Rassismus und unmoralischen Forschungsexperimenten, die an Schwarzen durchgeführt wurden. Außerdem sind Schwarze und andere ethnische Minderheiten in klinischen Studien immer noch unterrepräsentiert."

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Impfskeptiker bei People of Colour und Ärmeren

Inzwischen haben berühmte People of Colour wie der Komiker Sir Lenny Henry öffentlich die Impfung befürwortet. Außerdem kennt nun fast jeder jemanden, der die Erstdosis ohne drastische Nebenwirkungen überstanden hat. Deshalb sind heute weniger People of Colour unschlüssig als noch im Januar. Aber ein ähnlicher Graben tut sich zwischen der Impfrate in ärmeren und reicheren Gegenden auf. In London beträgt der Unterschied zwischen Nachbarvierteln zum Teil 25 Prozentpunkte. Diese Lücken könnten den Plan der Regierung gefährden.

"Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssen wir mindestens 80 Prozent der Bevölkerung impfen. In Gegenden, in denen viele ethnische Minderheiten leben, könnten wir bei 50 Prozent enden. Lokale Ausbrüche wären unvermeidbar. Und sie würden die ohnehin schon existierenden Ungleichheiten in der Gesundheit zwischen weißen und People of Colour noch verschärfen."

Das lässt sich auch auf die globale Situation übertragen. Großbritannien hat zwar mehr als eine halbe Milliarde an Covax gespendet. Doch die Initiative, durch die zwei Milliarden Impfdosen an Länder im globalen Süden gehen sollen, kommt nur schleppend voran. Logistikerin Sarah Schiffling:

"Letztendlich muss das Ganze ein globaler Kraftakt sein und wir müssen dafür sorgen, dass eben auch Länder in Afrika, in Asien, in Südamerika mehr impfen können. Was wir momentan noch nicht sehen."

Kritik am britischen "Impfnationalismus"

Und solange das Virus in Regionen, in denen noch nicht viele Menschen geschützt sind, freien Lauf hat, werden sich immer wieder neue Mutationen ergeben, sagen Experten. Gegen die sind die Impfstoffe möglicherweise weniger wirksam. Wird Großbritanniens Impfkampagne also auch langfristig als Erfolg gelten? Rechtsprofessor Gareth Davies zumindest ist sich da nicht so sicher.

"Großbritannien betreibt Impfnationalismus. Das passt zu dem, wofür das Land heute steht: Auf der einen Seite großes Gerede von der globalen Rolle, die sie spielen wollen, auf der anderen Seite sind sie abhängig von Importen, isolationistisch und schließen ihre Grenzen. Das Handeln wird der Rhetorik nicht gerecht. Deutschland und die Benelux-Staaten dagegen haben genug Impfdosen produziert, um ihre gesamten Bevölkerungen zu impfen, haben sie stattdessen aber auch an ihre Nachbarn verteilt. Das verursacht Unmut, weil sich die Beschränkungen dadurch noch ein paar Monate länger hinziehen werden. Doch ich glaube, die Geschichtsschreiber werden gütiger zu ihnen sein."

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