Kommentare und Themen der Woche 22.01.2020

Corona-Virus Kein Anlass zur HysterieVon Ralf Krauter

Beitrag hören Das Foto zeigt Polizisten und Reisende, teils mit Mundschutz, in der Nähe des Bahnhofs von Peking. (dpa-Bildfunk / AP / Mark Schiefelbein)Das Risiko, sich anzustecken, bleibe überschaubar, meint Ralf Krauter (dpa-Bildfunk / AP / Mark Schiefelbein)

Die kollektive Aufregung um die steigenden Infektionszahlen aus China sei nicht angebracht, kommentiert Ralf Krauter. Die gefühlte Bedrohung durch den neuen Corona-Virus sei viel größer als die reale Gefahr. Auf den Ernstfall vorbereiten sollten wir uns dennoch.

Ein neues Virus hält die Welt in Atem. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die aufgeregte Berichterstattung verfolgt. Nachrichtensprecher melden gefühlt fast stündlich die neuesten Infektionszahlen aus China. Online-Portale erklären, wie wahrscheinlich es ist, dass sich das neue Coronavirus rund um den Globus ausbreitet. Und im Fernsehen warnen Experten davor, die Gefahr auch für Deutschland bloß nicht zu unterschätzen.

Eine Frau mit Mundschutz geht an dem geschlossenen Tiermarkt in der chinesischen Stadt Wuhan vorbei. (AFP/Noel Celis) (AFP/Noel Celis) Wie gefährlich ist das neuartige Corona-Virus?
Der Ursprung des Corona-Virus scheint ein Fischmarkt in der zentralchinesischen Metropole Wuhan gewesen zu sein. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum neuen Erreger im Überblick.

Ein neues Virus hält die Welt in Atem. Zumindest die Medienwelt - und alle, die ihren Erregungszyklen folgen. Doch wie so oft, wenn die Newsticker heiß laufen, ist Vorsicht geboten. Denn im kollektiven Hype gerät das Gespür für die tatsächliche Relevanz von Themen leicht verloren. Im Fall des neuen Corona-Virus wäre weniger Aufregung wünschenswert. Nach aktuellem Stand der Erkenntnis ist die gefühlte Bedrohung viel größer als die reale Gefahr, die von ihm ausgeht - für Menschen in Wuhan wie in Wuppertal.

Geschwächtes Immunsystem

Das neue Corona-Virus mag genetisch zwar eng verwandt sein mit dem SARS-Erreger, der vor 18 Jahren weltweit für Seuchenalarm sorgte und knapp 800 Menschen das Leben kostete. Aber nach allem, was wir bisher wissen, ist der neue Keim aus China längst nicht so tödlich. Bei SARS starb einer von zehn Infizierten an einer schweren Atemwegserkrankung, beim neuen Corona-Virus ist es wohl nur einer von hundert. Und die neun bisherigen Opfer waren durchweg bereits zuvor krank und hatten ein geschwächtes Immunsystem.

Natürlich ist jeder Todesfall tragisch. Aber zur Hysterie besteht kein Anlass - zumal auch das Risiko, sich anzustecken, überschaubar bleibt. Das neue Corona-Virus kann zwar prinzipiell von Mensch zu Mensch übertragen werden, aber offenbar passiert das eher selten. Solange das Virus nicht mutiert und seine Gestalt so verändert, dass es ansteckender oder tödlicher wird, haben wir deshalb nicht viel zu befürchten.

Notfallpläne aus Schublade

Auf den Ernstfall vorbereiten sollten wir uns dennoch. Das neue Corona-Virus wird sich weiter verbreiten. Und natürlich sind die Verantwortlichen für die öffentliche Gesundheit jetzt überall gefordert: Sie müssen die Notfallpläne aus den Schubladen holen, Hygiene-Maßnahmen zu verschärfen, die Virus-Diagnostik auf den neuesten Stand zu bringen und in den Krankenhäusern Quarantäne-Stationen einrichten.

All das ist wichtig. Richtig ist aber auch: Wirklich Angst haben sollten wir vor ganz anderen Dingen. Zum Beispiel vor der gewöhnlichen Grippe. An Influenza-Viren sterben weltweit jährlich bis zu einer halbe Million Menschen. Dem tödlichsten Corona-Virus dagegen, das die Menschheit je plagte, dem MERS-Virus, fielen insgesamt nur knapp 860 Menschen zum Opfer. Wir sollten die Kirche also im Dorf lassen und das Virus aus Wuhan als das behandeln, was es ist: Eine ernstzunehmende Herausforderung für die öffentliche Gesundheit, die sich am besten unaufgeregt meistern lässt.

Mehr zum Thema

Empfehlungen