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CoronaWie die Arbeitswelt mit den Infektionszahlen umgeht

Eine Mitarbeiterin macht im neuen Amazon-Logistikzentrum ein Paket für den Versand bereit. (dpa-Zentralbild)
In diesem Logistikzentrum gilt Maskenpflicht - weite Teile der Wirtschaft laufen so weiter wie bisher (dpa-Zentralbild)

In Deutschland wird seit Wochen debattiert, ob zur Eindämmung der Pandemie mehr von zu Hause gearbeitet werden kann. In Berufen, in denen das nicht möglich ist, geht es um sichere Arbeitsbedingungen vor Ort. Wie ist der Status Quo, und was wäre möglich und sinnvoll?

Weil sich das Coronavirus weiter rapide verbreitet, gelten für viele Bereiche des Landes weitreichende Beschränkungen: Kultur, Breitensport und Freizeitangebote sind geschlossen, genau wie Friseursalons und weite Teile von Gastronomie und Einzelhandel. In den meisten anderen Berufen wird jedoch weitergearbeitet wie zuvor. Deshalb hat in den vergangenen Wochen die Debatte an Fahrt aufgenommen, inwieweit die Wirtschaft stärker bei der Eindämmung des Virus in die Pflicht genommen werden sollte.

Wie ist die aktuelle Gesetzeslage?

In den Corona-Schutzverordnungen der Länder werden einige Arbeitsstätten wie die bereits erwähnten Friseursalons, Restaurants und Läden explizit genannt. Universelle Regeln wie der Mindestabstand gelten grundsätzlich auch an jeder Arbeitsstätte – darüber hinaus gibt es jedoch kaum verbindliche Regeln für den Infektionsschutz am Arbeitsplatz.

Die aktuelle Corona-Schutzverordnung im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen zum Beispiel sieht lediglich vor, dass "nicht erforderliche Kontakte in der Belegschaft und mit Kunden möglichst vermieden, allgemeine Hygienemaßnahmen umgesetzt und die Infektionsrisiken (...) minimiert werden". Handwerker und Dienstleister werden angehalten, "auf eine möglichst kontaktarme Erbringung zu achten". In der Verordnung gelten "bei zwingenden Zusammenkünften zur Berufsausbildung" explizite Ausnahmen für den Mindestabstand von 1,5 Metern. Mehrere Passagen verpflichten in unterschiedlichen Situationen zum Tragen einer Maske.

Ein Vorstoß von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), wonach Arbeitnehmende mit entsprechenden Berufsbildern einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice erhalten sollten, scheiterte am Widerstand des Koalitionspartners, der Union. Ein überarbeiteter Entwurf sieht nun nur noch das Recht vor, mit dem Arbeitgeber ein Gespräch zum Thema Homeoffice einzufordern.

Welche Argumente werden diskutiert?

Die Gewerkschaften wollen sich damit nicht zufrieden geben: Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann, unterstrich die Forderung nach einem Rechtsanspruch auf Homeoffice. Wo es die Möglichkeit gebe, zuhause zu arbeiten, müssten Arbeitnehmer auch einen Anspruch darauf haben, sagte er im Deutschlandfunk.

Arbeitsminister Heil appellierte an die Unternehmen, Homeoffice zu ermöglichen: "Willkürlich Homeoffice zu verweigern, wäre jetzt unverantwortlich", sagte er im NDR. Dort, wo kein Homeoffice möglich sei, müssten die Hygiene-Auflagen strikt eingehalten werden, mahnte der Minister. Sonst könne er einen Stillstand auch in der Produktion nicht ausschließen.

In der Opposition mehren sich die Stimmen, die eine weitestmögliche Dezentralisierung der Arbeit fordern. "Millionen Beschäftigte sind täglich von Infektionen bedroht, weil Schutzmaßnahmen in Unternehmen nicht ausreichen, ohne Not Präsenzpflicht eingefordert wird oder Risiken durch die Anfahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mitgedacht werden", sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt dem "Tagesspiegel". Beim Kampf gegen das Virus gehörten Wirtschaft und Arbeitswelt ins Zentrum.

Anfang Januar bat die Berliner Grünen-Politikerin Laura Dornheim unter dem Hashtag #MachtBürosZu ihre Follower in sozialen Medien um Angaben, wie es um Präsenzpflicht und Infektionsschutz bei ihren Unternehmen bestellt ist. Eine Liste mit in dieser Hinsicht vorbildlichen Arbeitgebern machte sie öffentlich; die Negativ-Liste wollte sie mit Blick auf mögliche juristische Folgen nicht selbst veröffentlichen.

Von Arbeitgeberseite wird mit dem starken wirtschaftlichen Druck gegen härtere Corona-Maßnahmen in den Betrieben argumentiert. "Wir müssen die Menschen pandemiegeschützt so gut es geht in Brot und Arbeit halten. Nur mit Wertschöpfung können wir unsere Sozialsysteme am Leben halten, die im Moment alle versorgen", sagte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Das Land müsse am Laufen gehalten, Insolvenzen sollten vermieden werden. "Sie können doch nicht alle Betriebe schließen", sagte Dulger.

Wie viel Homeoffice ist überhaupt möglich?

In Deutschland könnten laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rund 40 Prozent der Erwerbstätigen von zu Hause arbeiten. Einer Studie des Deutschen Jugendinstituts zufolge liegt das Potenzial bei 56 Prozent, unter den Erwerbstätigen mit Hochschulabschluss sogar bei 86 Prozent.

Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom arbeiteten im Dezember 25 Prozent der Beschäftigten, also 10,5 Millionen Berufstätige, ausschließlich im Homeoffice. Auf weitere 20 Prozent (8,3 Millionen) trifft dies zumindest teilweise zu. Diese Werte liegen durchweg höher als die Angaben des Statistischen Bundesamts aus der Zeit der ersten Pandemie-Welle, als demnach 24 Prozent von zu Hause arbeiteten. Allerdings ist unklar, ob die Daten direkt miteinander vergleichbar sind.

Öffentlich wurde zuletzt häufiger behauptet, unter anderem von Arbeitsminister Heil, dass nach subjektiver Einschätzung derzeit weniger Gebrauch von Heimarbeit gemacht werde als im Frühjahr 2020. Eine Erhebung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung stützt diese These: Demnach haben im November lediglich 14 Prozent der deutschen Erwerbstätigen im Homeoffice gearbeitet. Beim ersten "Lockdown" im April waren es der Stiftung zufolge noch 27 Prozent.

Wie groß ist der politische Handlungsbedarf?

Wie groß die Ansteckungsgefahr an der Arbeitsstätte bleibt, ist nicht gesichert: Laut den Lageberichten des Robert Koch-Instituts (RKI) waren in den Wochen vor Weihnachten jeweils rund 1.000 Ansteckungen auf den Arbeitsplatz zurückzuführen - jedoch weist das RKI darauf hin, dass nur etwa ein Sechstel der insgesamt gemeldeten COVID-19-Fälle überhaupt einem Ausbruch zugeordnet werden könne.

Noch mehr Informationen rund um das Thema Homeoffice in der Pandemie finden Sie hier.

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Diese Nachricht wurde am 14.01.2021 im Programm Deutschlandfunk gesendet.