Kommentare und Themen der Woche 13.05.2020

Coronafälle in der FleischindustrieDen Deutschen sind die Rumänen einfach egalVon Manfred Götzke

Beitrag hören Ein Fleischermeister verschiebt Schweinehälften im Kühlraum eines Zerlegebetriebes auf dem Gelände des Fleischgroßmarkts (FGH) (dpa/picture alliance - Christian Charisius)Nach den zahlreichen Corona-Erkrankungen in einem Fleischbetrieb in Coesfeld wird grundsätzlich über die Fleischindustrie debattiert (dpa/picture alliance - Christian Charisius)

Dass der Aufschrei über die Fleischindustrie jetzt so groß ist, hat nur zum Teil mit aufkommender Empathie für die Arbeiter in der Corona-Pandemie zu tun, kommentiert Manfred Götzke. Die Ausbeutung von Arbeitern aus Osteuropa habe System und werde von der Politik geduldet.

Was in den Deutschen Schlachtfabriken abgeht, ist eigentlich kein Geheimnis: Und der Skandal im Fleischskandal ist, dass es seit Jahren kaum einen interessiert.

Deshalb noch mal in aller Deutlichkeit: Seit Jahren werden vor unseren Augen Zehntausende Osteuropäer in einer Art und Weise ausgebeutet, die an moderne Sklaverei grenzt. Sie verschulden sich, um nach Deutschland zu kommen, zahlen an dubiose deutsche Firmen Vermittlungsgebühren, um sich dann in deutschen Schweinefabriken zugrunde zu schuften.

Schlachtstraße in einem Schlachthof (imago/Hake) (imago/Hake)COVID-19 - Warum häufen sich Corona-Infektionen in Schlachthöfen?
Die hohe Zahl der Corona-Infizierten in Schlachthöfen lenkt den Fokus auf die Arbeitsbedingungen. Die Strukturen begünstigen die Ausbreitung des Virus und die Politik trägt ihren Teil dazu bei. Doch warum häufen sich die Fälle?

Zehn bis zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, dann geht’s zum Schlafen in verschimmelte Schrottimmobilien,  für die sie dann noch ein paar 100 Euro an "Miete" an den Subunternehmer abdrücken müssen.

Die Ausbeutung hat System und ist geduldet

Den gesetzlichen Mindestlohn bekommen die Arbeiter oft nur auf dem Papier, Überstunden werden nicht gezahlt, es gibt Abzüge für Arbeitskleidung, Arbeitsschuhe und Dinge, die gar nicht existieren. 9,35 Euro gesetzlichen Mindestlohn für härteste körperliche Arbeit? Viel zu viel. Sind doch nur Rumänen, zuhause kriegen die doch noch weniger.

Wir reden hier nicht von ein paar schwarzen Schafen in der Branche: Denn diese Ausbeutung hat System und war und ist von der Politik geduldet – wenn nicht sogar gewollt. Denn der Fleischindustrie wird es extrem leicht gemacht, die Ausbeutung "outzuscourcen", an eine Riege dubioser Subunternehmer.

Rumänen und Bulgaren haben keine Lobby

Die organisierte und von der Politik geduldete Ausbeutung hat einen Namen: Werkverträge. Statt Schlachter direkt anzustellen, vernünftig zu bezahlen und nach deutschem Arbeitsrecht zu beschäftigen, vergeben so gut wie alle Großschlachtereien Werkverträge an Subunternehmer, die tricksen, um Lohn betrügen, wo sie können, ihre Arbeiter abzocken, wo sie können.

Halbierte Schweine hängen in einem Schlachthof an den Haken  (dpa) (dpa)Rumänische Arbeiterin: "Sie behandeln uns wie Sklaven"
Acht Personen in drei Zimmern, überhöhte Mieten, und Abzüge für Arbeitskleidung: Eine rumänische Westfleisch-Arbeiterin sagt über die Bedingungen in Schlachthöfen: "Ich hätte nie gedacht, dass in Deutschland so was möglich ist." Sie arbeitet in einem Betrieb in Rosendahl bei Coesfeld. Nun ist das Werk geschlossen: Mehr als 260 Arbeiter haben sich mit Corona infiziert.

Das alles könnte man gesetzlich ganz einfach unterbinden, indem man es schlicht verbietet, Werkverträge für das Kerngeschäft  zu vergeben. Warum das nicht längst passiert ist? Lobbyismus.

Auf der einen Seite starke Verbände mit sehr guten Kontakten in die Landes- und Bundespolitik. Auf der anderen Seite: Die Rumänen und Bulgaren, die hier in Deutschland eine kleinere Lobby haben als die Schweine, die sie schlachten.

Es wird sich wieder nichts ändern

Dass der Aufschrei jetzt so groß ist, hat auch nur zum Teil mit aufkommender Empathie für die Arbeiter zu tun. Durch die Corona-Fälle in den Schrottimmobilien müssen manche Regionen schlicht ein bisschen länger auf die ersehnten Corona-Lockerungen warten. Es geht um Eigeninteressen.

Auch wenn jetzt der NRW-Arbeitsminister Laumann (CDU) bekundet, mit seiner Geduld mit der Fleischindustrie am Ende zu sein. Auch wenn der Bundestag heute mal wieder über die Missstände debattierte. Ich fürchte es wird sich wieder nichts ändern - am Ende sind den Deutschen die Rumänen einfach zu egal.

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