Kommentare und Themen der Woche 24.03.2020

Coronakrise in GroßbritannienVor dem Fall in den AbgrundVon Friedbert Meurer

Beitrag hören Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, gestikuliert während einer Pressekonferenz. (Pool Daily Mirror/AP)Wird Premier Boris Johnson über die Ernsthaftigkeit verfügen, Großbritannien durch die schwerste Krise seit 1945 zu führen?, fragt Friedbert Meurer (Pool Daily Mirror/AP)

Das britische Gesundheitssystem steht kurz vor dem Zusammenbruch. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob sich das Vereinigte Königreich mit seinem Hang zum Improvisieren und nach dem jüngsten Kurswechsel noch vor dem Fall in den Abgrund retten kann, meint Friedbert Meurer.

Die Briten kriegen es wieder einmal nicht hin, das Gesundheitssystem steht vor dem sicheren Kollaps, die politische Führung verhält sich unverantwortlich – in Deutschland hat man sich zur Zeit sehr schnell sein Urteil gebildet. In Großbritannien selbst ist die Wahrnehmung etwas anders. Premierminister Boris Johnson erhielt in einer Umfrage eine Zustimmungsquote von 58 Prozent. Seit seiner Fernsehansprache gestern Abend dürfte die Zahl eher noch gestiegen sein.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Es fehlen Intensivbetten und Beatmungsgeräte

Was auch in Großbritannien zu Recht sehr kritisch gesehen wird, sind die Versäumnisse der Vergangenheit. Die Tories hatten dem Land nach der Finanzkrise eine rücksichtslose Sparpolitik aufgedrängt und den NHS, das nationale Gesundheitssystem, sträflich unterfinanziert. Jetzt fehlen Intensivbetten und Beatmungsgeräte.

Diese Sparpolitik hat dazu geführt, dass britische Ärzte ihrer eigenen Regierung nur noch denkbar wenig Vertrauen schenken. Nahezu kaputt gespart wurde der NHS aber unter Boris Johnsons Vorgänger David Cameron und dessen Schatzkanzler George Osborne - aber nicht mehr unter Johnson. Dem Machtpolitiker Johnson war stets klar, welcher Mythos den NHS, entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, umrankt.

Boris Johnson hat sich auch nicht wie ein dummer Populist benommen, der die Coronakrise leugnet. Er hat im Gegenteil auf den Rat seiner Wissenschaftler gehört. Die unselige Herden-Immunität war deren Idee. Sie stand aber unter dem Vorbehalt, dass nicht mehr Briten krank werden dürfen, als der NHS versorgen kann. Trotzdem nahmen einige Briten daraufhin die Krise nicht ganz so ernst.

Ein Mann läuft vor dem Londoner Krankenhaus St Thomas entlang  (Imago/ Zuma Press) (Imago/ Zuma Press)Coronakrise - Britisches Gesundheitssystem kurz vor dem Zusammenbruch
Zu wenige Betten, ausgedünntes Personal, Ärzte fühlen sich "wie Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank" – die Lage in britischen Krankenhäusern angesichts der Corona-Pandemie ist katastrophal. Die Politik steht nun massiv unter Druck.

Die britische Politik war bis gestern immer einen Schritt hinter der anderer Länder zurück. Viele Briten aber mögen nicht den bevormundenden Staat. "Law and Order" fällt den Deutschen wahrscheinlich leichter. In dieser Krise hat die Briten ihre Gelassenheit und Reserviertheit davon abgehalten, schneller harte Maßnahmen zu beschließen. Man bittet höflich und kommandiert nicht herum – diese Nationaleigenschaft war hinderlich.

Kann Boris Johnson das Land durch die Krise führen?

Der frühere Premierminister Gordon Brown meinte jetzt in einem viel beachteten Interview: "Am Ende muss ein Politiker das Vertrauen der Bevölkerung dafür gewinnen, dass er das Problem meistern kann." Johnson war beim Brexit ein Spieler, der keine echten Überzeugungen hat. Wird er jetzt über die Ernsthaftigkeit verfügen, Großbritannien durch die schwerste Krise seit 1945 zu führen? Eine Mehrheit der Briten hält das für möglich, aber erhebliche Zweifel bleiben.

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob sich das Vereinigte Königreich mit seinem Hang zum Improvisieren und nach dem jüngsten Kurswechsel noch vor dem Fall in den Abgrund retten kann. Ausgeschlossen ist das überhaupt nicht. Aber die Lage ist ernster, als das ein Boris Johnson vor 14 Tagen wohl noch selbst gedacht hat.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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