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StartseiteEine WeltIsraels Arbeitslosigkeit steigt23.05.2020

CoronakriseIsraels Arbeitslosigkeit steigt

Die Folgen der Corona-Pandemie sind auch in Israel spürbar. Vor der Krise herrschte praktisch Vollbeschäftigung. Doch nun steigt die Zahl der Arbeitslosen stetig - im Mai sogar auf 25 Prozent. Ökonomen fürchten, dass die ohnehin schon große soziale Ungleichheit im Land noch weiter wachsen wird.

Von Benjamin Hammer

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Israelische und palästinensische Mitarbeiter arbeiten am 18. Februar 2019 in der Fabrik von SodaStream, einem israelischen Hersteller von Kohlensäureprodukten, in der Beduinenstadt Rahat in der Wüste Negev.  (AFP / Gil Cohen-Magen)
Keine Kurzarbeit: In Israel werden die Arbeitnehmer in unbezahlten Urlaub geschickt und als arbeitslos registriert. (AFP / Gil Cohen-Magen)
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Vor ein paar Wochen rührte ein Mann viele Israelis zu Tränen. Yuval Carmi betreibt in einen Falafel-Imbiss in der Hafenstadt Aschdod. Ein Fernsehteam des Kanals 13 besuchte ihn und fragte, wie das Geschäft laufe, mitten in der Corona-Krise. Da brach der Israeli fast zusammen.

"Ich habe nichts mehr zum Leben. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe eine Familie, Kinder zu Hause. Angeblich haben wir Ladenbesitzer vom Staat Millionen bekommen. Aber das stimmt nicht. Wir haben keinen einzigen Schekel bekommen. Nichts. Ich verspüre das Bedürfnis, mich selbst zu verbrennen, ich weiß einfach nicht, wie es weitergehen soll."

Yval Carmi – das Gesicht der Wirtschaftskrise

Yuval Carmi ist in Israel zu dem Gesicht der Wirtschaftskrise geworden, die durch das Coronavirus ausgelöst wurde. In einem Land, das auf den ersten Blick erfolgsverwöhnt war. So wuchs die Wirtschaftsleistung in den vergangenen 20 Jahren in der Regel schneller als in der Euro-Zone. Wirtschaftskrisen meisterte Israel besser als die meisten anderen Länder. Die Corona-Krise sei ein tiefer Einschnitt, meint Shlomo Swirski, ein Forscher am wirtschaftspolitisch eher linken Institut Adva. "Es ist klar, dass es diesmal sogar schlimmer wird als in der Zeit der zweiten Intifada von 2001-2004."

Modell mit Risiken: keine Kurzarbeit in Israel

Vor der Krise herrschte in vielen Teilen der israelischen Bevölkerung praktisch Vollbeschäftigung. Schon in guten Zeiten fragten Kritiker aber, wie nachhaltig diese Arbeitsplätze sind. Vor allem im Niedriglohnsektor. Nun liegt die Arbeitslosenquote bei etwa 25 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland liegt sie aktuell bei knapp sechs Prozent. Der wichtigste Grund für den Unterschied: Die israelische Regierung setzt nicht auf Kurzarbeit. Ein Modell, bei dem die Arbeitnehmer ihre Jobs behalten, weniger arbeiten und der Staat Kurzarbeitergeld zahlt. In Israel werden die Arbeitnehmer in unbezahlten Urlaub geschickt und als arbeitslos registriert. Der Staat zahlt dann Arbeitslosengeld. Nicht jedoch an Selbstständige. Das israelische Modell birgt Risiken.

"Wir haben weiterhin eine Million Arbeitslose", sagt der Forscher Swirski. "Jeden Tag kommen manche von ihnen zurück in den Arbeitsmarkt. Aber das reicht nicht. Es gibt viele, die voraussagen, dass die Hälfte in absehbarer Zeit ohne Job bleibt."

Die Statistik zeigt die Arbeitslosenquote in Israel im Zeitraum 1980 bis 2019 und Prognosen bis zum Jahr 2021. Die Arbeitslosenquote gibt an, wie groß der Anteil der registrierten Arbeitslosen an allen potenziellen Arbeitnehmern ist, die für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Soziale Ungleichheit wird noch größer

Schon vor der Corona-Krise lebte in Israel jeder fünfte in Armut. In den Statistiken der Organisation OECD schneidet Israel in diesem Bereich regelmäßig mit am schlechtesten ab. Auch die Kluft zwischen Arm und Reich ist größer, als im OECD-Durchschnitt. Der Ökonom Avi Weiss leitet das israelische Forschungszentrum TAUB. Er geht davon aus, dass die Ungleichheit in Israel wachsen wird.

"Die Menschen, die ihren Job verloren haben, hatten ein viel niedrigeres Einkommen als die meisten Israelis. Sie erhielten im Schnitt nur 60 Prozent des Durchschnittslohns. Es geht also um die Schwächsten der Gesellschaft, die nun keine Arbeit mehr haben. Deshalb wird die Ungleichheit wachsen."

Spagat zwischen Sozialstaat und freier Marktwirtschaft

Israel blickt auch wirtschaftspolitisch auf eine bewegte Geschichte zurück. Von der Staatsgründung bis in die 80er-Jahre dominierte ein starker, lenkender Staat. Später wurden Teile der sozialen Marktwirtschaft aufgeweicht. Heute erinnert Israel in Teilen an Länder mit einem starken Sozialstaat wie in Skandinavien. Zum Beispiel im Gesundheitssektor. In anderen Teilen jedoch an die sehr freie Marktwirtschaft der USA.

"Keine Frage: Die Menschen bekommen in Israel weniger Sozialleistungen für einen kürzeren Zeitraum", sagt der Ökonom Weiss. "Als Arbeitsloser hat man es hier also schwerer als in vielen anderen OECD-Ländern. Auf jeden Fall schwerer als in Skandinavien und Deutschland."

Dreckige israelische Flaggen hängen über einem provisorischen Lager aus Zelten und Sofas in Tel Aviv, Israel (dpa / picture alliance / AP Photo / Oded Balilty) (dpa / picture alliance / AP Photo / Oded Balilty)Israelischer Armutsbericht
IT-Erfolgsgeschichten und Start-Up-Boom auf der einen Seite, Kinder- und Altersarmut auf der anderen: Laut dem neuen israelischen Armutsbericht ist das Land geprägt durch soziale Ungleichheit. Jeder fünfte Israeli kann sich demnach das Nötigste kaum noch leisten.

Wirtschaftsminister Peretz will sich um Arbeitslose kümmern

Seit einer Woche hat Israel eine neue Regierung. Die hat erklärt, sich in den ersten Monaten fast ausschließlich um die Coronakrise kümmern zu wollen. Wirtschaftsminister ist Amir Peretz von der Arbeitspartei. Der verspricht, sich um die Arbeitslosen zu kümmern.

"Ich trete dieses Amt an, um eine menschliche Wirtschaft zu fördern", sagte der dem israelischen Sender KAN. "Eine Wirtschaft, die zwischen Arbeitnehmern, Selbstständigen und dem Weltgeschehen einen Ausgleich findet. In vielen Ländern der Welt, vor allem in Skandinavien, wird das mit Erfolg umgesetzt. Wir sind nicht per se gegen eine freie Marktwirtschaft. Wir wollen eine ausgeglichene Wirtschaft."

Skandinavische Sozialpolitik in Israel? Der Sozialforscher Shlomo Swirski ist skeptisch: "Ich würde sagen, dass Wirtschaftsminister Peretz gute Bücher liest. Bücher über den skandinavischen Ansatz. Aber so ist die Lage in Israel nicht. Und Amir Peretz ist nicht in der Lage, diese Pläne umzusetzen. Er ist Wirtschaftsminister. Das ist in Israel eines der schwächsten Ministerien."

Wahlplakate in Israel mit Ministerpräsident Netanjahu, rechts, und Benjamin Gantz, links (Oded Balilty/AP) (Oded Balilty/AP)Warum so wenige arabische Israelis gewählt haben
Viele arabische Israelis haben nicht gewählt. Sie sind von ihren Volksvertretern enttäuscht. Ein weiterer Grund: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Lange Durststrecke

Premierminister bleibt Benjamin Netanjahu. Ein Anhänger des freien Marktes. Für den stehen die vielen Start-ups, die in Israel gegründet wurden. Und die Hightech-Branche. Doch von diesem Teil der Wirtschaft, meint der Sozialforscher Swirski, profitiere bislang nur ein kleiner Teil der israelischen Gesellschaft. Abgesehen davon, dass auch viele Start-ups in der Coronakrise große Probleme haben. Weil das Geld der dringend benötigten Investoren und Investorinnen nicht mehr so locker sitzt. Es wird lange dauern, bis sich die israelische Wirtschaft von der schweren Krise erholt hat.

Yuval Carmi, der Betreiber des Falafel-Imbisses, der zum Gesicht der Krise wurde, hat sich nicht erholt. Im Gegenteil. Er erlitt einen Herzinfarkt. Verursacht vom Stress, sagen seine Ärzte. Glücklicherweise überlebte der Israeli den Infarkt.

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