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StartseiteInformationen am MorgenVenezuela droht im Chaos zu versinken11.04.2020

Coronakrise und BenzinmangelVenezuela droht im Chaos zu versinken

Die wirtschaftliche Lage Venezuelas ist ohnehin schon dramatisch, jetzt droht ein Benzinmangel das ölreichste Land der Welt mitten in der Coronakrise ins Chaos zu stürzen. Für Präsident Maduro steht der Schuldige für die Krise bereits fest: US-Präsident Trump. Das stimmt aber nur zum Teil.

Von Burkhard Birke

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Vor einer Tankstelle in Venezuela hat sich eine lange Schlange gebildet. Im ölreichsten Land der Welt herrscht Benzinknappheit (dpa / ZUMA Wire / Jimmy Villalta)
Vor einer Tankstelle in Venezuela hat sich eine lange Schlange gebildet. (dpa / ZUMA Wire / Jimmy Villalta)
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"Wir sind ein sehr produktives Land. Ich verstehe nicht, was los ist. Spielen die mit dem Volk?"

Sichtbar frustriert spricht Silvio Leon in die Kamera des Fernsehsenders Telesur. Stundenlang steht er wie unzählige andere in der Schlange vor einer der wenigen geöffneten Tankstellen in Caracas. Das Warten ist meist vergebens. Denn im erdölreichsten Land der Welt ist Benzin Mangelware geworden und wird rationiert: Ambulanzen und Einsatzfahrzeuge haben in Zeiten der Coronakrise Priorität, Privatfahrzeuge müssen mitunter tagelang auf ein paar Liter Treibstoff warten. 

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Benzin ist für viele Menschen unbezahlbar

"Der Benzinmangel wirkt sich auf die Verteilung von Medikamenten und Lebensmitteln aus, die Arbeiter kommen nicht mehr zum Job und natürlich wirkt sich das auch auf den Kampf gegen COVID-19 aus", stellt der Soziologe Trino Marquez von der Universidad Central in Caracas ernüchtert fest. Die allgemeine Versorgungskrise verschärft sich, jetzt da sich zu Armut und Hunger auch noch das Coronavirus gesellt hat. Die von der Regierung verhängte Quarantäne mit extremer Einschränkung der Bewegungsfreiheit senkt zwar die Benzinnachfrage ein wenig, angesichts des akuten Mangels blüht jedoch der Schwarzmarkt. DW-Korrespondent Oscar Schlenker:

"Benzin wird offiziell zu sechs Bolivar je Liter verkauft. Ein Dollar ist heute mehr als 100.000 Bolivar wert! Ein ganzer Lkw mit Benzin ist also rund zwei Euro wert. In jeder Region gibt es Maßnahmen, damit normale Bürger Kraftstoff kaufen können. Die Warteschlangen dauern jedoch bis zu zwei oder drei Tage. Es ist also ein Schwarzmarkt für Benzin entstanden, der in einigen Teilen mehr für einen Dollar je Liter verkauft!"

Und angeblich von den Militärs organisiert wird! Die Regierung indes hat den Sündenbock längst ausgemacht. Sie beschuldigt die USA.

"Dieser perverse Plan einer Seeblockade sowie die kontinuierlichen Maßnahmen gegen unsere Lieferanten verhindern, dass die für die Raffinerien benötigten Chemikalien, Vorprodukte und Ersatzteile ins Land kommen", sagt Tareck El Aissami, in der Regierung zuständig für Wirtschaft und Produktion. Kürzlich wurden er, Präsident Maduro und ein Dutzend weiterer hochrangiger Regierungsmitglieder in New York des Drogenhandels angeklagt. US-Präsident Trump hat Einheiten der US-Marine zum Kampf gegen Drogen vor die venezolanische Küste geschickt. Erst im Februar waren Sanktionen gegen die russische Ölhandelsfirma Rosneft Trading verhängt worden, die bis zuletzt venezolanisches Öl auf den Weltmärkten verkaufte und im Gegenzug Venezuela mit Benzin belieferte.

Leerer Bahnhof in Buenos Aires    (dpa/ picture alliance/ NurPhoto)Leerer Bahnhof in Buenos Aires (dpa/ picture alliance/ NurPhoto)Corona-Pandemie in Lateinamerika - Zwischen Quarantäne und Verschwörungstheorien
Die Präsidenten von Argentinien und Peru schalten in den nationalen Krisenmodus. In Brasilien übt sich der Staatschef in Verharmlosung. Der Umgang mit Corona in lateinamerikanischen Ländern ist sehr unterschiedlich.

Benzinmangel ist ein hausgemachtes Problem

Mittlerweile hat Rosneft seine venezolanischen Aktivitäten direkt an eine allein dem russischen Staat gehörende Firma veräußert – das Benzin kommt freilich noch nicht wieder in ausreichenden Mengen ins Land, wobei es absurd erscheint, dass das erdölreichste Land der Welt Benzin importieren muss. Dieses Problem ist jedoch hausgemacht. Trino Marquez, Soziologe und Ökonom der Universidad Central in Caracas:

"Die Raffineriekapazitäten wurden systematisch zerstört, vor allem seit 2003. Damals hat Präsident Hugo Chavez 23.000 Fachkräfte der Ölindustrie entlassen. Die Raffinerien El Palito und die von Paraguaná, zwei der größten der Welt, befinden sich in beklagenswertem Zustand. Deshalb kann Venezuela kein Benzin herstellen."

Seit dem Machtantritt des Sozialisten Hugo Chavez ist zudem die Rohölproduktion von 3,2 Millionen Fass täglich auf nur mehr 700.000 bis 800.000 gefallen.

Hinzu kommt, dass der Ölpreis sich seit einigen Wochen im freien Fall befindet. Laut Aussage von Präsident Nicolas Maduro deckt er nicht einmal mehr die Produktionskosten. Fehlende Einnahmen, daniederliegende Produktion, Corona und US-Sanktionen: Der Benzinmangel droht Venezuela in noch tieferes Chaos zu stürzen. DW-Korrespondent Oscar Schlenker:

"Wenn wir ohne Benzin sind, sind wir stärker von der Regierung Nicolas Maduros abhängig. Das ist, was die Regierung will, aber die Bevölkerung ist anfälliger. Und diese macht es zunehmend schwieriger, alle Krisen zu überleben – ohne Proteste! So wir können Gewalt und Proteste sehen, dieses Jahr!"

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Keine politische Lösung in Sicht

Zumal trotz Coronakrise eine Lösung des politischen Machtkampfes in weiter Ferne scheint. Präsident Maduro weigert sich beharrlich, Platz zu machen für eine Übergangsregierung aus Vertretern beider Lager, ohne ihn, aber auch ohne den Oppositionsführer und selbst ernannten Präsidenten Juan Guadio. 
 

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