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StartseiteKommentare und Themen der WocheKrise als Chance zur Neuausrichtung02.05.2020

Coronakrise und KlimaschutzKrise als Chance zur Neuausrichtung

Das Wiederanfahren der Wirtschaft nach Corona bietet eine Chance, beim Klimaschutz noch die Kurve zu kriegen, kommentiert Georg Ehring. Umfragen zeigen, dass die Bereitschaft in der Bevölkerung zu Veränderungen groß ist. Die Politik muss diese Chance nutzen, denn es ist vermutlich die letzte.

Von Georg Ehring

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Windräder stehen auf einem blühenden Rapsfeld in Flonheim, Rheinland-Pfalz (picture alliance/Roland Holschneider/dpa)
Die Klimawende kann gelingen, wenn die Politik den Trend zu Strom aus Wind und Sonne stärkt, kommentiert Georg Ehring (picture alliance/Roland Holschneider/dpa)
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Unternehmen stoppen die Produktion, immer mehr Menschen verlieren den Arbeitsplatz, über zehn Millionen angemeldete Kurzarbeiter in Deutschland – für die Wirtschaft ist das kleine Virus Corona ein gewaltiger Schlag. Das Aus für eine Firma, eine Geschäftsidee, ist oft endgültig und je länger der Schutz der Gesundheit den Stopp wirtschaftlicher Aktivitäten gebietet, desto mehr Unternehmen gehen bankrott, desto mehr Existenzen werden vernichtet. Die Krise ist bitter, und die Folgen werden lange zu spüren sein – in Form von weniger Wohlstand, denn die billionenschweren Rettungsprogramme müssen bezahlt werden, vermutlich auch mit höheren Steuern.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte) (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)
Und trotzdem: Natürlich wird es eine Zeit danach geben und wir tun gut daran, die Weichen dafür jetzt klug zu stellen. Denn für die Zeit danach liegt in der Krise auch eine Chance: Die Möglichkeit zu entscheiden, was auch mit Hilfe des Staates wieder aufgebaut werden soll und was nicht.

Die Krise hat das Potenzial, den Wandel zu beschleunigen

Das Wiederanfahren der Wirtschaft nach Corona bietet vor allem eine Chance, beim Klimaschutz noch die Kurve zu kriegen. Der plötzliche Stillstand der Weltwirtschaft wird 2020 für einen kräftigen Rückgang des CO2-Ausstoßes sorgen, je nach Schätzung zwischen sechs und acht Prozent unter den Vorjahreswert. Auch, wenn das viel ist - nach jahrzehntelanger Halbherzigkeit und Zögern in diesem Bereich gilt inzwischen: Nur wenn der Rückgang danach Jahr für Jahr in dieser Größenordnung weitergeht, ist es vielleicht noch möglich, die Erderwärmung wie im Pariser Abkommen vereinbart, unter 1,5 Grad zu halten. Allerdings natürlich nicht durch fortgesetzten Lockdown, sondern durch entschlossenen und schnellen Umbau der Weltwirtschaft.

Georg Nüßlein (CSU) spricht im Bundestag (dpa/Soeren Stache) (dpa/Soeren Stache)Nüßlein (CDU) - "Über Innovationen Klimaschutz voranbringen"
Beim Klimaschutz müsse infolge der wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise in Deutschland weniger mit Auflagen und Beschränkungen gearbeitet werden, sagte der CSU-Politiker Georg Nüßlein im Dlf. 

Die Krise hat das Potenzial, den Wandel zu beschleunigen und zukunftsfähige von überholten Geschäftsmodellen zu scheiden. In der Stromversorgung legen in diesem Jahr nach Angaben der Internationalen Energieagentur weltweit nur noch die erneuerbaren Energiequellen zu. Kohle und erstmals auch Gas verlieren, sie werden vom Markt gedrängt, allerdings noch viel zu langsam. Doch Strom aus Wind und Sonne ist inzwischen einfach günstiger. Die Klimawende kann gelingen, wenn die Politik diesen Trend stärkt, also Subventionen für Kohle und Gas abschafft und darauf verzichtet, ins Schlingern geratene fossile Energiekonzerne zu retten. Gezählt sind ihre Tage ohnehin, dem Klima zu Liebe sollte das Ende beschleunigt beziehungsweise der Umbau erzwungen werden.

Ein Lufthansa-Flugzeug im Anflug auf den Flughafen Berlin-Tegel (www.imago-images.de) (www.imago-images.de)Klimaforscher: Coronahilfen mit grünen Kriterien verbinden
Man müsse aus der Finanz- für die Coronakrise lernen, dass Konjunkturpakete auch grüne Elemente beinhalten, sagte der Klimaforscher Oliver Geden. Sollte der Staat bei der Lufthansa einsteigen, könnte man dies an Bedingungen knüpfen.

In anderen Sektoren ist es noch nicht so weit, dass die Marktkräfte die Wende unterstützen, etwa im Verkehrssektor. Wirtschaftlich sind Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor emissionsfreien Konkurrenten noch überlegen. Deshalb wäre es enorm hilfreich, nicht mehr den Absatz der Autoindustrie mit der Gießkanne zu fördern, sondern Programme für umweltfreundliche Mobilität aufzulegen. Auch bei Bussen und Bahnen und in der Zweiradindustrie lassen sich Arbeitsplätze schaffen und viele Autohersteller brauchen offenbar mehr Druck, damit sie sich auf emissionsfreie Techniken wie den Elektroantrieb einlassen. Die Abwrackprämie in Deutschland nach der Finanzkrise kann heute als abschreckendes Beispiel dienen: Sie ermöglichte damals wahllos den Kauf auch von großen Spritschluckern und das ist ein Grund, warum der Klimaschutz auf der Straße im letzten Jahrzehnt nicht vorangekommen ist.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich beim Petersberger Klimadialog für höhere Ziele der Europäischen Union stark gemacht – gut so. Doch wenn es konkret wird, gehört Deutschland immer wieder zu den Bremsern, etwa bei CO2-Vorgaben für die Autoindustrie. Das muss aufhören.

Die Politik muss die Chance nutzen

Die Corona-Krise hat eine enorme Bereitschaft der Menschen hervorgebracht, ihr Verhalten zu verändern und sich anzupassen, die Notwendigkeit dazu war einfach erdrückend klar.

Umfragen zeigen, dass auch beim Klimaschutz die Bereitschaft zu Veränderungen groß ist. Die Politik muss die Chance, die in der Krise liegt, allerdings auch nutzen. Denn vermutlich ist es die letzte.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen VWL. Er arbeitet beim Dlf als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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