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StartseiteKommentare und Themen der WocheKampagne gegen Ignoranz19.12.2020

Coronaleugner und ImpfgegnerKampagne gegen Ignoranz

Es sei erschreckend, dass nur die Hälfte aller Deutschen derzeit bereit ist, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Eine Impf-Kampagne sei dringend geboten, kommentiert Frank Capellan. Sollten Sonderrechte für Geimpfte das letzte Mittel der Wahl werden, sei das ein Armutszeugnis für Deutschland.

Von Frank Capellan

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Ein Impfgegner bei einer Demonstration gegen die Corona-Schutzmaßnahmen am 9.05.2020 in Stuttgart. An seine Mütze hat er vorne eine Spritze gesteckt. (dpa/Sebastian Gollnow)
Ein Impfgegner bei einer Demonstration gegen die Corona-Schutzmaßnahmen am 9.05.2020 in Stuttgart (dpa/Sebastian Gollnow)
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Die Wut sitzt tief beim Professor aus dem Ethikrat. Wolfram Henn hat einen Brandbrief geschrieben. Darin rechnet er gnadenlos mit Impfmuffeln und Coronaleugnern ab: Lasst Euch impfen oder verzichtet freiwillig auf eine Beatmung, wenn es Euch erwischt!

Die Bild-Zeitung hat seine Anklageschrift heute veröffentlich: "Wer partout das Impfen verweigern will, der soll bitteschön ständig ein Dokument bei sich tragen mit der Aufschrift: Ich will nicht geimpft werden, ich will den Schutz vor Krankheit anderen überlassen." Das fordert der Humangenetiker aus dem Saarland. Ja und wer krank werde, der solle sein Intensivbett und die Beatmungsmaske anderen überlassen.

Zwei Drittel der Deutschen für Herdenimmunität benötigt

Markige Worte, die einen wahren Kern treffen. Es ist erschreckend, dass nur die Hälfte aller Deutschen derzeit bereit ist, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, es ist kaum zu ertragen, dass angesichts immer noch steigender Todes- und Infektionszahlen weiter Corona-Leugner auf die Straße gehen.

Eine medizinische Fachangestellte setzt bei einem Probedurchlauf im Impfzentrum Bamberg bei einer Dame zur Impfung an. In der Spritze befindet sich kein Impfstoff. Im sich noch im Aufbau befindlichen Impfzentrum in der Bamberger Brose Arena wurden bereits Probeabläufe durchgeplant. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer) (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)Was Sie über die Corona-Impfung in Deutschland wissen müssen
Sobald ein Impfstoff zugelassen wird, beginnen die Impfungen in den deutschen Impfzentren. Wer kann sich impfen lassen? Wie sicher sind die Impfstoffe? Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten und ist man danach immun? Ein Überblick.

Für eine sogenannte Herdenimmunität, mit der wir die Pandemie hinter uns lassen könnten, müssten nach Ansicht der Virologen mindestens zwei Drittel der Deutschen geschützt sein. Kein Wunder, dass sich die Vorsitzende des Ethikrates der Bundesregierung schnell eine umfassende Impfkampagne wünscht. Alena Buyx hofft auf Prominente, auf betagte Schauspieler etwa, die Werbung für das Impfen machen.

Fragen und Sorgen sind verständlich

"Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam", die Älteren erinnern sich noch daran, wie unter diesem Motto in den 60er und 70er Jahren für die Polio-Impfung getrommelt wurde. Eine ähnliche Kampagne ist wohl auch bei Covid-19 dringend geboten. Dass es Fragen gibt, dass es Sorgen vor Nebenwirkungen gibt, ist verständlich, umso drängender ist Aufklärung – so umfassend wie möglich.

ortmund In der Warsteiner Music Hall, auf dem Gelände des ehemaligen Hoesch-Hochofenwerks auf Phoenix-West hat die Stadt Dortmund ihr Corona-Impfzentrum eingerichtet. Die medizinischen Abläufe und Logistik der Impfungen organisieren die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) und die Stadt Dortmund gemeinsam. Die Gesamtkoordination liegt bei der Stadt. (imago images / Cord) (imago images / Cord)Corona-Impfungen: "Das zentrale Argument sollte immer Information sein"
Die Menschen empfänden ein großes Informationsbedürfnis, was die Impfung gegen das Coronavirus angehe, so der Psychologe Philipp Schmid im Dlf. Dieses müsse gestillt werden. 

Die einen beklagen, dass Briten, Amerikaner oder Kanadier bereits impfen und Europa noch etwas prüft, die anderen warnen, es gehe alles doch viel zu schnell. Wissenschaftler und Politiker müssen uns davon überzeugen, dass bei der Entwicklung des Impfstoffes trotz allen Tempos nichts zu Lasten der Sicherheit gegangen ist.

Sonderrechte für Geimpfte wären das letzte Mittel der Wahl

"Fragen wir die, die etwas davon verstehen, und nicht diejenigen, die Panik verbreiten", warnt Professor Henn. Und wer Angst vor dem ganz neuartigen RNA-Impfstoff hat, für den werden sehr bald auch konventionelle Vakzine zur Verfügung stehen, die millionenfach schon erprobt sind. AstraZeneca etwa setzt auf diese Stoffe. Nachdem das Unternehmen Moderna heute in den USA eine Zulassung erhalten hat und weitere Anbieter in den Startlöchern stehen, wächst die Hoffnung, dass es am Ende schneller gehen wird als von vielen zunächst erwartet und genügend Impfstoff für alle da sein wird.

Sollten sich im Laufe des Frühjahrs und Sommers aber immer noch nicht Menschen in ausreichender Zahl für das Impfen entscheiden, wären Sonderrechte für Geimpfte das letzte Mittel der Wahl. Es wäre allerdings ein Armutszeugnis, wenn es in Deutschland so weit kommen müsste, dass beim Einstieg ins Flugzeug oder beim Besuch von Theater oder Kino der Impfpass vorgelegt werden müsste.

Lockdowns dürften über Monate hinweg europäischer Alltag sein

Bis dahin ist es ohnehin noch ein weiter Weg. Über Monate hinweg dürften Lockdowns in Europa zum Alltag gehören. Mehr Abstimmung auf europäischer Ebene dürfte dringend notwendig sein. Wenn die einen schließen, die Nachbarn öffnen, führt das nach Ansicht von Epidemiologen zu Pingpong-Effekten, das zeigen Erfahrung aus den vergangenen Wochen.

Und wer immer noch nicht glaubt, dass Corona mehr als eine Grippe-Welle ist, sollte sich anschauen, was in den Kliniken los ist. Auch in Deutschland schlagen immer mehr Häuser Alarm, weil sie die Covid-Patienten nicht mehr versorgen können. Impfgegnern, Corona-Leugnern und Querdenkern wäre ein Besuch bei denen zu empfehlen, die um ihr Leben gekämpft haben, bei Menschen, die Angehörige verloren haben, bei Eltern, die um ihre an Covid gestorbenen Kinder trauen. Die haben nämlich bei all der Ignoranz gegenüber Fakten noch viel mehr Wut im Bauch als Professor Henn aus dem Deutschen Ethikrat.

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

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