CoronavirusGegen Mutationen hilft nur Impfstoffgerechtigkeit

Um Mutationen des Coronavirus vorzubeugen, brauche es endlich überall auf der Welt starke Impfkampagnen, kommentiert Jule Reimer. Doch während Industrienationen Impfstoffe einlagern, seien andernorts nicht mal zehn Prozent geimpft. Es brauche endlich eine Patentfreigabe.

Ein Kommentar von Jule Reimer | 29.11.2021

Ein Mann wird in der südafrikanischen Hafenstadt Durban gegen Covid-19 geimpft.
Ein Mann wird in der südafrikanischen Hafenstadt Durban gegen Covid-19 geimpft. (picture alliance/dpa)
Wer etwas gegen das Auftreten immer neuer Mutanten tun will, muss sich mit einer zeitlich begrenzten Patentfreigabe auseinandersetzen. Die große Bühne dafür oder dagegen zu streiten, die Ministerpräsi­dentenkonferenz der Welthandelsorganisation WTO wurde jedoch gerade hektisch abgesagt – wegen Omikron und den damit verbundenen Einreisebeschränkungen für die Delegationen aus dem südlichen Afrika. Es wäre auch höchst makaber gewesen, die Konferenz abzuhalten ohne diejenigen, die letztlich die Opfer einer unverantwortlich egoistischen Grundhaltung weniger reicher Industriestaaten sind.

In manchen Ländern sind nicht einmal zehn Prozent der Menschen geimpft

In den ärmsten Entwicklungsländern haben bisher 7,5 Prozent der Menschen eine Impfung erhalten, dabei braucht es mindestens eine Impfquote von 20 Prozent, um die Gefährdetsten sowie Ärzte und Pfleger zu schützen – sprich die Funktionstüchtigkeit eines Gesundheitswesens aufrecht zu erhalten. Selbst im vergleichsweise wohlhabenden Südafrika ist erst knapp ein Viertel der Bevölkerung vollständig durchgeimpft. Und immer wieder beteuern auch deutsche Politiker: „Sicher sind wir erst, wenn alle geimpft sind“.
Stimmt. Deshalb muss auch Schluss damit sein, dass eine angemessene weltweite Versorgung mit Corona-Impfstoffen seit eineinhalb Jahren scheitert, weil sie aufgrund des Patentrechts gerade mal aus einem Dutzend Länder heraus bestritten wird. So eine Zentralisierung wird einer Pandemie nicht gerecht. Schon gar nicht bei absehbar wachsendem Bedarf.
Die bisherige Bundesregierung – die in Teilen auch die Neue ist – hat mit ihrer internationalen Impfstoffpolitik wesentlich zu dieser neuerlichen Verschlechterung beigetragen. Die Begeisterung war groß, führende mRNA-Impfstoff-Hersteller im eigenen Land zu haben. Klein dagegen war der Wille, sich beispielsweise im Rahmen der G20-Staaten schnell auf einen stringenten Umgang mit Herstellern, Vertragsdetails und Patenten zu einigen. Stattdessen liefern sich die Industriestaaten einen unseligen Wettlauf, bei dem sie sich erpressbar machen und in dem ein Großteil der für die Entwicklungsländer bestimmten Impfdosen letztlich in den Kühlkammern der Industriestaaten gelandet ist: Die Deutschen könnten sich derzeit über die doppelte Grundimpfung hinaus locker mehr als einen Booster setzen – wären nur die Impfzentren dafür da.

Patentfreigabe ist kein Allheilmittel – trotzdem dringed nötig

In dieser Situation legt die EU jetzt einen vermeintlichen Kompromiss im Streit um die Patentfreigabe vor. Doch der Vorschlag für die erleichterte Bewilligung von Zwangslizenzen fällt unter Klein-Klein. Dafür ist jetzt keine Zeit mehr. Die Patentfreigabe ist kein Allheilmittel, es braucht auch die Kooperationsbereitschaft der Hersteller,  mit den Partnern in Südafrika, Indien, Ägypten, dem Senegal oder Brasilien zusammenzuarbeiten. Aber sie wäre ein Befreiungsschlag in die richtige Richtung.

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Ohne die Freigabe passiert bestenfalls dieses hier: Zum Jahresende werden die ärmsten Entwicklungsländer wohl mit ein paar Millionen Impfstoffdosen überschwemmt, die sie eigentlich vor sechs Monaten dringend gebraucht hätten, aber die sie in dieser plötzlichen Masse gar nicht so schnell verimpfen können, wie deren Haltbarkeit abläuft. Derweil mutiert das Corona-Virus überall, wo die Impfquoten niedrig sind, leider lustig weiter.
Jule Reimer
Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)
Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.