CoronapolitikAnsagen zu spät und zu wenig konsequent

Deutschland sei in einer absoluten Notsituation und es brauche jetzt klare Ansagen der Politik, um die Krankehnhäuser vor dem Kollaps zu bewahren, kommentiert Theo Geers im Dlf: einen Lockdown mindestens in den stark betroffenen Regionen, konsequente 2G-Regeln - und als letztes eine Impfpflicht für alle.

Ein Kommentar von Theo Geers | 28.11.2021

Polizisten laufen am Abend in der Dresdner Altstadt an Restaurants entlang.
Theor Geers findet: Die Politik muss jetzt durchgreifen (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)
Was wäre in diesem Land wohl los, wenn vorgestern ein Jumbojet mit 357 Insassen abgestürzt wäre? Und gestern ein weiterer Absturz – 303 Tote. Und heute wäre die Serie weitergegangen – diesmal nur ein kleines Flugzeug, aber auch da immer noch 104 Tote.  Es würden die Wände wackeln in diesem Land.
In der Realität ist es anders: Still ruht der See. Es sind ja auch keine drei Flugzeuge abgestürzt, obwohl es sich, was die Zahl der Toten betrifft, genau so abgespielt hat hierzulande: 764 Corona-Tote in drei Tagen. Und das Sterben geht weiter. Und als ob das nicht reichte, ist nun mit Omikron auch noch eine neue Virus-Variante ins Land gekommen. Keiner hat es gemerkt, erst am Freitag früh wurde Alarm geschlagen. Aber was passiert?

Die Impfkampagne läuft nicht rund

Nichts? Das wäre nicht fair gegenüber denen, die gerade versuchen, fast 4.500 um ihr Leben japsende Covid-Intensiv-Patienten am Leben zu halten,  oder die allein in der letzten Woche mehrere Millionen Menschen geimpft oder geboostert haben. Aber alles andere passiert in diesem Land zu spät und mit zu wenig Konsequenz. Beim Impfen und Boostern verzweifeln Ärzte wie Impfwillige, weil die Versorgung mit Impfdosen nicht klappt oder es gefühlte Ewigkeiten dauert, bis man für Impfen oder Boostern einen Termin kommt.
Für das aktuelle Drama, das sich in den Klinken abspielt, wäre ein Lockdown möglichst ab Anfang der Woche noch drängender, um die Kontakte sofort massiv zu reduzieren; das für mehrere Wochen, am besten bundesweit oder falls wieder mal so nicht durchsetzbar, wenigstens in besonders schwer getroffenen Regionen wie Sachsen, so wie es die Wissenschaftler der Leopoldina fordern. Aber auch da bislang Fehlanzeige. Besprechen und hoffentlich auch beschließen könnte, ja müsste man dies auf einer Ministerpräsidentenkonferenz, die besser heute als morgen stattfinden müsste, aber im Kalender steht hierfür bis jetzt der 9. Dezember. Das ist viel zu spät – für einen Lockdown, aber auch auch andere Maßnahmen, die überfällig sind, um unsere Krankenhäuser vor dem Kollaps zu bewahren.

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An erster Stelle muss der Anteil der Ungeimpften deutlich gesenkt werden. An mangelnder Information oder Aufklärung oder an zu wenig Appellen kann es schon lange nicht liegen, dass diese Ichlinge in ihrer Trägheit oder Ignoranz verharren und alles, was gegen die Pandemie greifen würde, am Ende zunichtemachen. Deutschland ist in einer absoluten Notsituation, wenn jetzt offenbar täglich aus Bayern Intensivpatienten in den Westen oder Norden geflogen werden und die frei gewordenen Betten im Süden eine Stunde später wieder belegt sind. Und die neue Virus-Variante könne die Lage noch verschlimmern.

Es braucht jetzt klare Ansagen

Der Zeitpunkt für klare Ansagen ist gekommen, und zwar an all die, die den Schuss nicht hören oder hören wollen: erst ein Lockdown mindestens in den stark betroffenen Gegenden, dazu konsequentes 2G für alle, und zwar für längere Zeit und alle Lebensbereiche, also auch am Arbeitsplatz, und als allerletztes Mittel eine Impfpflicht für alle. Der Schutz der Gemeinschaft vor dem Virus oder den Viren wiegt in diesem Fall höher als das Recht auf körperliche Unversehrtheit, dass durch eine Impfung nur wenig tangiert wird.
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Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.