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StartseiteInterview„Nicht mehr nur auf Freiwilligkeit setzen“25.07.2020

Coronatests für Urlaubsrückkehrer„Nicht mehr nur auf Freiwilligkeit setzen“

Es gebe einen „sehr starken Verdacht“, dass eine hohe Urlaubsaktivität steigende Infektionszahlen zur Folge habe, sagte der Virologe Gerd Fätkenheuer im Dlf. Der Staat sei in der Pflicht, alles zu tun, um eine Ausbreitung zu verhindern. Freiwillige Coronatests für Reiserückehrer reichten nicht aus.

Gerd Fätkenheuer im Gespräch mit Dirk Müller

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Passagiere gehen am Flughafen Frankfurt an Deutschlands erstem "Flughafen-Corona-Test"-Zentrum vorbei.  (dpa)
Bislang können Urlauber selbst entscheiden, ob sie bei ihrer Ankunft an deutschen Flughäfen einen Coronatest machen wollen oder nicht (dpa)
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Corona kommt zurück, die Urlauber auch. Die Gesundheitsminister der Länder beschlossen in dieser Woche Tests auf den Flughäfen, bislang freiwillig. Bundesgesunheitsminister Jens Spahn (CDU) lässt derzeit eine rechtliche Verpflichtung zu Corona-Tests für Reiserückkehrer aus Risikogebieten prüfen. Reicht Freiwilligkeit aus? Darüber haben wir mit dem Virologen Professor Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Uniklinik in Köln, gesprochen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU, aufgenommen vor Beginn einer Kabinettssitzung im Bundeskanzleramt Berlin, 29.04.2020. Berlin Deutschland (imago-images/ photothek) (imago-images/ photothek)Spahn (CDU): "Wir prüfen eine rechtliche Verpflichtung"
Im Zusammenhang mit der nach wie vor angespannten Pandemie-Lage hat Gesundheitsminister Spahn (CDU) erklärt, dass seine Behörde auch eine rechtliche Verpflichtung zu Corona-Tests für Reiserückkehrer aus Risikogebieten in Erwägung zieht.

Dirk Müller: Herr Fätkenheuer, Flughafentests – ist eine Pflicht besser?

Gerd Fätkenheuer: Ich denke schon. Wir wissen, dass Testen eine ganz wichtige Maßnahme ist, die in der Kontrolle der Epidemie eine große Rolle spielt, und hier würde ich mich wirklich nicht auf die Freiwilligkeit verlassen.

Müller: Haben Sie das klar artikuliert, Sie und ihre Kollegen, gegenüber der Politik, oder warum haben die Gesundheitsminister jetzt so entschieden?

Fätkenheuer: Nun, die Gesundheitsminister entscheiden natürlich erst mal aufgrund eigener Überlegungen. Sie holen sich teilweise Beratung dann von Experten, in diesem Fall hab ich selbst jetzt hier keine Möglichkeit oder Gelegenheit gehabt, das entsprechend zu artikulieren vor Entscheidungsträgern, aber ich denke, es wird schon andere Kollegen auch gegeben haben, die das entsprechend auch gesagt haben. Ich habe zum Beispiel heute Morgen ja im Radio auch gehört, dass Frau Johna die Kosten des Marburger Bundes, also eine der größten Ärztevereinigungen in Deutschland, das auch ganz klar in diese Richtung artikuliert hat.

"Der Staat hat die Pflicht, eine Ausbreitung zu verhindern"

Müller: Offenbar hat die Politik ja auch Sorge, Ängste vor möglichen rechtlichen Konsequenzen. Jens Spahn haben wir eben noch einmal in einem Auszug gehört, wo er das thematisiert hat. Nach den jüngsten Urteilen ist das ja nicht immer vielleicht im Sinne der Virologen oder des strengen Schutzes gewesen. Freiwilligkeit, aus Ihrer Erfahrung in den vergangenen Monaten – Sie machen ja, wenn ich das so sagen darf, auch nichts Anderes im Moment als Corona, Corona-Bekämpfung. Sie forschen darüber, Sie schreiben darüber, Sie sprechen darüber. Warum reicht Freiwilligkeit nicht aus?

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Fätkenheuer: Ich denke, wenn man im Urlaub war und in Ländern, die dann insgesamt steigende Zahlen haben, dann hat man einfach die Pflicht, und der Staat hat meines Erachtens auch die Pflicht, das dann zu kontrollieren, dass wirklich alles getan wird, um eine Ausbreitung zu verhindern. Wir haben ja schon einen sehr, sehr starken Verdacht und Hinweise darauf, dass das eben eine Rolle spielt. Wir sehen das in allen Ländern, wo die Urlaubsaktivität besonders hoch ist, dass da die Zahlen höher gehen. Sie sind nach wie vor in den Nachbarländern nicht sehr hoch, aber ja, der Anstieg, das ist eben das Beunruhigende. Hier würde nicht mehr nur auf Freiwilligkeit setzen.

"Gefahr, dass es wieder zu einem exponentiellen Anstieg kommt"

Müller: Also spielt das im Grunde keine Rolle, ob das risikogefährdete Gebiete sind, wenn jetzt so viele Urlauber dazukommen, beispielsweise jetzt wieder nach Spanien, nach Italien, nach Österreich, in die Niederlande, dann haben wir dort in wenigen Wochen, Monaten wieder dieselbe Problematik?

Fätkenheuer: Sie meinen wie im März, April?

Müller: Ja, von der Tendenz her. Sie haben das ja gerade angedeutet auch, dass die Zahlen wieder nach oben gehen. Sie sind jetzt noch gering, aber sie werden weiter steigen.

Fätkenheuer: Genau. Wenn wir nicht sehr, sehr aufpassen, dann ist die Gefahr, dass es wieder zu einem exponentiellen Anstieg kommt. Wir müssen eben alle Maßnahmen ergreifen, und die Maßnahmen sind bekannt: Das sind die Abstandsregeln, das ist das Maskentragen, es ist dann aber auch insbesondere das Testen, und ich würde auch die App dazurechnen, die auch eine Rolle spielt in der Verhinderung der Übertragung. Aber keine dieser Maßnahmen für sich ist wirklich die Lösung des ganzen Problems, sondern wir brauchen alles zusammen, und das Teste spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle.

"Die Menschen haben das Gefühl, das ist alles nicht mehr so dramatisch"

Müller: Die App haben Sie angesprochen, die App hat Probleme, das haben wir in den vergangenen Tagen erfahren – wollen wir vielleicht hier an der Stelle nicht weiter vertiefen, auch nicht die Frage danach stellen, wie effektiv das Ganze bisher war oder die Erkenntnis. Gehen wir doch noch einmal auf Ihr Argument zurück: Sie sagen, die Schutzmaßnahmen, die Abstandsregelungen und so weiter, das muss alles eingehalten werden. Tatsache ist doch, dass das alles gelockert wurde.

Fätkenheuer: Das ist halt ein Problem. Die Menschen haben so das Gefühl, das ist alles nicht mehr so dramatisch – das haben Sie ja eben schon in der Vorankündigung auch gesagt –, und das ist eben gefährlich. Dazu kommen natürlich die Diskussionen um die Lockerungen vonseiten der Politik. Man muss auf der anderen Seite sagen, wir brauchen natürlich auch Lockerungen in Bereichen, die ??? (aufgrund der Tonqualität unverständlich, Anm. der Redaktion) sind – die Schulen, Tagesstätten, Kindertagesstätten und so weiter –, da brauchen wir andere Konzepte, als wir im März hatten. Nur das Gefühl, wir sind so gut hier rausgekommen, und das Gefühl, dass es gar nicht mehr da ist, ich glaube, das spielt eine große Rolle. Da können wir nur sagen, es ist nicht so, hier sind die Zahlen, und wir wissen einfach auch von der Dynamik her, dass diese große Gefahr besteht, dass das Virus mit großer Macht zurückkommt. Das müssen wir den Leuten sagen und sie daran erinnern, dass diese Schutzmaßnahmen notwendig sind.

Müller: Wir haben, Herr Fätkenheuer, allerorts jetzt Ferien, fast überall. Jetzt kommen noch die klassischen touristischen Länder dazu, also Italien, Frankreich, da beginnt jetzt die Hauptsaison im August, dann wird sich alles noch einmal verdichten, da wird noch einmal alles fokussierter und konzentrierter sein. Ist der Tourismus das Schlimmste, was der Corona-Bekämpfung passieren konnte?

Fätkenheuer: Das würde ich nicht hoffen und auch im Moment nicht so sagen. Das kann man auch, glaube ich, im Moment noch nicht so sagen, weil wir sehen jetzt einen Anstieg, wir sehen natürlich, dass Tourismus bedeutet, dass viele Leute an gleiche Orte fahren, dass dort sich die Menschen knubbeln. Ich denke, das ist nicht das Schlimmste. Ich könnte mir schlimmere, noch schlimmere Situationen vorstellen – die hatten wir im Frühjahr, als eben in Innenräumen große Menschenansammlungen waren, als wir noch nicht wussten oder noch nicht das Ausmaß der Epidemie kannten. Ich denke, dass solche Situationen noch deutlich schlimmer wären als das, was wir jetzt erleben, wenn die Leute halt sich zwar nahekommen, aber eben draußen sind. Ich sehe da durchaus die gute Möglichkeit, dass wir das wieder auch in die andere Richtung drehen, aber es braucht eben die Maßnahmen.

Müller: Ja, ja, das sagen Sie, aber es gibt ja nach wie vor auch wieder diese Innenräume oder wieder alte Innenräume, die gesperrt waren, jetzt wieder da sind – Sie haben das Stichwort genannt. Kitas, Schulen, auch Flugzeuge, Züge, Busse, Bahnen, all das ist ja ein bisschen in Richtung Normalität wieder zurückgedreht worden. Ist das der Herd des Problems?

Fätkenheuer: Ich glaube nicht, dass man sagen kann, eine einzige Maßnahme oder ein Bereich ist der Herd des Problems. In den Kitas, da gibt es wenig Anhaltspunkte, dass da die Ursache für Ausbruch ist. Die Schulen sind im Moment durch Ferien weitgehend geschlossen, das wissen wir nicht so genau, was dann passieren wird, wenn die Schulen wieder geöffnet werden.

Müller: Geht in zwei Wochen in Nordrhein-Westfalen wieder los, in gut zwei Wochen.

Fätkenheuer: Genau. Da müssen wir natürlich genau beobachten. Ich glaube, was jetzt extrem wichtig ist, ist, dass wir – nehmen wir mal das Beispiel Schulen, die müssen ja aufgemacht werden, die Schüler brauchen den Unterricht – genau beobachten, was da passiert und das auch ??? (unverständlich, Anm. der Red.) begleiten und schauen, welche Maßnahmen wirklich dann auch notwendig sind, damit das nicht eben so ist, wie ich gerade sagte, dass das nicht Ausbruchherde für eine neue Welle.

Müller: Restaurants, Cafés, wie gehen Sie damit um?

Fätkenheuer: Ich denke, da gibt es natürlich große Unterschiede. Die eigene Erfahrung zeigt, wenn man so über die Straße geht, es gibt Cafés, da sitzen Leute sehr, sehr eng zusammen, auch draußen, als hätte es nie Corona gegeben. Da bin ich dann schon beunruhigt, das finde ich nicht adäquat. Da müssen wir, glaube ich, noch mal stärker drauf achten, dass auch dort die Regeln eingehalten werden. Aber es gibt auch natürlich viele Restaurants und Cafés, die das gut machen, wo ich keine Gefahr sehe, dass da wirklich viel passiert. Aber das Wichtige ist, dass das eben gemacht wird.

"Ich habe Vertrauen in die Politik"

Müller: Ich möchte Sie abschließend das noch einmal fragen, vor dem Hintergrund der vergangenen Monate, die Erfahrungen, die Sie gemacht haben, auch vor dem Hintergrund der Lockerungserfahrungen und vor dem Hintergrund des Drucks auf die Politik von der Wirtschaft, aus der Gesellschaft, auch aus der Justiz, wie auch immer: Haben Sie genügend Vertrauen in die Politik, dass wenn alles restriktiver gehandhabt werden muss, dass das dann auch wiederkommt?

Fätkenheuer: Wir werden uns auf jeden Fall intensiv bemühen, und wir haben natürlich Drähte in die Politik, aber die Umsetzung können wir am Ende nicht bestimmen, aber bemühen werden wir uns maximal, natürlich.

Müller: Meine Frage war, ob Sie dieses Vertrauen noch haben.

Fätkenheuer: Das Vertrauen – ja, ich habe das Vertrauen in die Politik, geht auch nicht verloren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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