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StartseiteInformationen am MorgenAbstandsregeln in Berliner Flüchtlingsheim kaum einzuhalten02.04.2020

CoronavirusAbstandsregeln in Berliner Flüchtlingsheim kaum einzuhalten

In Berliner Flüchtlingsunterkünften kommt es vor, dass 50 Bewohner sich eine Küche teilen. Abstandsregeln zum Infektionsschutz sind bei dieser Enge nicht einzuhalten. Bewohner haben Angst, dass sie sich anstecken. Denn in einigen Unterkünften ist das Coronavirus bereits vorgekommen.

Von Sebastian Engelbrecht

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Reportage im Flüchtlingsheim Allende-Viertel Köpenick, in der Alfred-Randt-Str. 19 ,12559 Berlin Foto: Kai-Uwe Heinrich | Verwendung weltweit (picture alliance / Tagesspiegel / Kai-Uwe Heinrich)
Küche eines Flüchtlingsheims, in Köpenick (picture alliance / Tagesspiegel / Kai-Uwe Heinrich)
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Wo die Straßenbahn wendet, wo sich die Stadt in Autohäusern und Kleingärten verliert, im Norden Berlins, ragt ein gewaltiger sechsstöckiger Gebäudekomplex in die Luft. Ein moderner weißer Quader, in dem zwei Flüchtlingsheime untergebracht sind. In einem der beiden wohnen Alireza Ahmadi und seine Frau Tahere Rezaie aus Afghanistan. Seit die Coronakrise begann, fühlen sie sich hier unter 600 Bewohnern nicht mehr wohl.

"Die Räume sind klein, und die können nicht den Abstand in der Küche zum Beispiel halten. Und das ist unser Problem. Und mit dieser Corona-Situation ist es sehr schwierig und sehr ängstlich für uns."

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

50 Bewohner teilen sich 20 Quadratmeter Küche

Tahere Rezaie sorgt sich. Eigentlich haben sie und ihr Mann es gut getroffen. Die beiden haben immerhin zwei Räume und ein eigenes Bad zur Verfügung für sich, für die elfjährige Tochter und den dreijährigen Sohn. Beide wohnen schon seit fast vier Jahren hier. Aber in die Küche gehen sie nicht mehr gern. 50 Bewohner teilen sich eine Küche, die etwa 20 Quadratmeter groß ist. Selbst bei bestem Willen lässt sich hier kein angemessener Abstand einhalten.

"Zwei Wochen haben wir immer kalt gegessen. Im Netto gekauft, kalt gegessen. Wir haben Angst!"

Reporter mit Angel interviewt die Flüchtlinge Alireza Ahmadi und seine Frau Tahere Rezaie, im Hintergrund ihr Heim (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)Interview in Zeiten von Covis-19: das Paar Alireza Ahmadi und Tahere Rezaie, im Hintergrund ihr Flüchtlingsheim (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)

Auch beim Wäschewaschen herrscht Enge. Verstöße gegen die Abstandsregeln in Zeiten der Pandemie sind unvermeidlich.

"Zum Beispiel beim Waschraum gibt es 14 Waschmaschinen und 14 Trockner. In einer Stunde sind 28 Personen zusammen, in einem Raum."

Bewohner aus vielen Ländern auf sechs Etagen

Alireza Ahmadi und seine Frau Tahere beklagen noch mehr: die mangelnde Kommunikation zum Thema in ihrem Haus. Die Verhaltensregeln gegen die Ausbreitung des Coronavirus sind zwar ausgehängt worden, aber niemand achtet darauf, dass sie eingehalten werden.

"Wir wohnen zusammen in sechs Etagen aus verschiedenen Ländern, vielleicht verstehen sie einander nicht sehr gut. Und das braucht bestimmte Regeln für diese Leute, die müssen mit diesem Coronavirus umgehen."

In der ersten Woche der Schulschließungen, sagt Ahmadi, seien die Leitung des Heims, die Sozialarbeiter und die Psychologin nicht ansprechbar gewesen.

"16.3. bis 24.3. alle Sozialarbeiter und Mitarbeiter waren nicht da. Der Chef versteckt sich immerzu in seinem Büro."

Schild am Eingang zum Flüchtlingsheim (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)Schild am Eingang des Heims (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)

Als die Verantwortlichen wieder zu sprechen waren, habe er sich beschwert, sagt Ahmadi.

"Dann habe ich gesagt: Wo ist Handschuhe von Security, wo ist Maske, wo ist eine Maske für den Mitarbeiter? Wo ist?"

Daraufhin, erzählt Alireza Ahmadi, habe der Wachmann am Eingang wenigstens Hygiene-Handschuhe, einen Mundschutz und Desinfektionsmittel bekommen. Der Wächter passt seither auch auf, dass keine Gäste das Haus betreten.

Berlin will Infizierte zentral unterbringen

Die Berliner Senatsverwaltung für Integration weiß um die Zustände in den 85 Unterkünften für Flüchtlinge in Berlin. Staatssekretär Daniel Tietze erklärt, wie der Senat die Lage verbessern will.

"Ich will ein Beispiel nennen, dass wir jetzt zum Beispiel in den Aufnahmeeinrichtungen das Catering so umgestellt haben, dass es keine zentralen Speisesäle mehr gibt. Wir haben auch in den Unterkünften selbst die Reinigungsintervalle zum Teil dann auch noch mal angefasst. Die Gemeinschaftsräume werden in Schichten genutzt, es finden keine Großveranstaltungen statt."

Daniel Tietze, Staatssekretär für Integration in der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)Daniel Tietze, Staatssekretär für Integration in der Berliner Senatsverwaltung (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)

Trotz geschlossener Grenzen hätten sich im März etwa 300 Asylbewerber in Berlin registrieren lassen, sagt Tietze, halb so viele wie in den Vormonaten. Wer sich jetzt im Ankunftszentrum anmelde, bleibe zwei Wochen in Quarantäne.

"Das führt dazu, dass wir wie fast alle anderen Bundesländer auch jetzt eine 14-tägige Beobachtung im Ankunftszentrum realisieren, wo wir beobachten, ob denn Symptome des Coronavirus an der Stelle offenbar sind. Und sollte der Verdacht dann bestehen, erfolgt natürlich dann auch ein Test."

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In 11 von 85 Berliner Flüchtlingsheimen sind inzwischen Coronainfektionen nachgewiesen worden. 13 infizierte Asylsuchende befinden sich dort in Quarantäne. Die Senatsverwaltung will die Infizierten und die vorsorglich in Quarantäne Lebenden jetzt in einem Heim in der Buchholzer Straße im Bezirk Pankow unterbringen.

"Ich gehe davon aus, dass dies auch dazu führt, dass vieles an Unruhe und an Unsicherheit in den einzelnen Unterkünften auch noch mal reduzieren wird, aber auch denjenigen, die Hilfe, Unterstützung, medizinische Beratung benötigen, noch bessere medizinische und soziale Beratung und Betreuung zugute kommen zu lassen."

Bewohner "sind zum Teil sehr tatkräftig"

In Alireza Ahmadis Heim im Norden Berlins hat sich bislang noch niemand infiziert. Eine irakische Schneiderin näht vorsorglich Mundschütze und verkauft sie für drei Euro das Stück. Dafür interessieren sich nicht nur Heimbewohner. Auch Petra Guercke, die als Ehrenamtliche mit den Flüchtlingen Deutsch lernt.

"Die sind auch zum Teil sehr tatkräftig wie zum Beispiel die Frau, die jetzt angefangen hat, Mundmasken zu nähen. Die habe ich dann angerufen, habe sie gefragt, ob sie die auch verkauft, da hat sie gesagt: Ja. Die habe ich in meinem Freundeskreis angeboten und habe bereits 60 Bestellungen. Die sind nämlich wunderbar bunt. Sitzt, passt und hat Luft."

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