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CoronavirusAuf der Suche nach einem wirkungsvollen Medikament

02.04.2020, Nordrhein-Westfalen, Köln: Apotheke am 02.04.2020 in Köln  Kunden müssen am 02.04.2020 vor einer Apotheke in Köln Schlange stehen.  Als Apotheke wird ein Ort bezeichnet, an dem Arzneimittel und Medizinprodukte abgegeben, geprüft und hergestell (Revierfoto)
Medikamente gegen Covid-19 sind noch in der exerimentellen Erforschung - oder schon Bestandteil der Hausapotheke. (Revierfoto)

Das Rennen um Impfstoffe gegen das Coronavirus ist auf der Zielgeraden - doch auf der Strecke bleibt dabei offenbar die Suche nach wirkungsvollen Medikamenten, die das Leiden von Covid-19-Erkrankten lindern können. Zahlreiche Forschungsgruppen beklagen, dass vor allem die Entwicklung von Impfstoffen gefördert und finanziert wird - die von Arzneimitteln aber kaum. Die Bundesregierung hat nun angekündigt, die Medikamentenforschung mit zunächst 50 Millionen Euro zu stützen. Ein Überblick über den Stand der Forschung.

Bei Medikamenten gegen das Virus Sars-CoV-2 beziehungsweise die daraus entstehende Erkrankung Covid-19 gilt bei zahlreichen Forschungseinrichtungen und Pharmaunternehmen das Prinzip "trial and error". Es wird experimentiert, ausprobiert, häufig wieder verworfen. So wie Remdesivir, ein Medikament, das ursprünglich gegen Hepatitis C und Ebola eingesetzt wurde und wird, und eine zeitlang als beste Waffe gegen die schlimmsten Auswirkungen von Covid-19 in Betracht gezogen wurde. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zeigte jedoch in breitangelegten Studien, dass Remdesivir keinen größeren positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf habe. Ein neuer Bericht macht zwar wieder Hoffnung, dass das Mittel in bestimmten klinischen Fällen doch eine gewisse Wirkung zeigen könnte, aber eine weiter gefasste Untersuchung mit mehr Probanden fehlt bislang. Auch andere Medikamente wie das Cortisonpräparat Dexa-Methason, das sonst bei Multipler Sklerose oder Hirntumoren eingesetzt wird, hat in größeren Feldstudien im Einsatz gegen Covid-19 enttäuscht.

Was also tun, wenn Infizierte schwere Krankheitssymptome entwickeln, wie verhindern, dass das Gesundheitssystem durch die steigende Zahl schwerkranker Covid-Patienten überlastet wird und an seine Kapazitätsgrenzen kommt? Mut machen verschiedene Studien, die im Dezember öffentlich wurden. Es handelt sich in den meisten Fällen um Präparate, die nicht speziell für die Behandlung von Covid-19 zugelassen sind, aber offensichtlich Wirkung zeigen. Dazu gehören zum Beispiel blutverdünnende Medikamente.

Aspirin gegen Covid-19?

Ein Arzneimittel, das in nahezu jeder Hausapotheke vorhanden ist, macht Hoffnung, eine der häufigsten Todesursachen - Thrombosen, also Blutgerinnsel - im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung zu verhindern: Aspririn. US-amerikanische Forschende haben ASS, also Acetyl-Salicylsäure, besser bekannt als Aspirin, bei Covid-19-Patienten angewandt. Der Blutverdünner verhinderte in hoher Dosierung effektiv die Gerinnung des Bluts bei Personen, die lange Zeit liegen mussten, beispielsweise, weil sie intensivmedizinisch behandelt wurden. Im Fachmagazin Journal of the American College of Cardiology fasst die Forschungsgruppe die Studie zusammen. Ein Ergebnis: Sowohl therapeutische als auch prophylaktische Dosen von gerinnungshemmenden Medikamenten reduzierten die Sterblichkeit um etwa 50 Prozent im Vergleich zu Patienten, die keine Blutverdünner erhielten. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass Covid-19-Patienten an Beatmungsgeräte angeschlossen werden mussten, war den Studienergebnissen zufolge deutlich reduziert.

Grippemedikament soll die Übertragung von Coronaviren stoppen

Einen anderen Ansatz verfolgt das Grippemedikament mit der komplexen Bezeichnung MK-4482/EIDD-2801. US-amerikanische Forscher gehen davon aus, dass das Mittel auch beim Menschen die Verbreitung von Coronaviren im Körper stoppen kann. Das Forscherteam aus Atlanta hat im Fachblatt Nature Microbiology eine Studie veröffentlicht, die nachweist, dass das Medikament innerhalb von 24 Stunden die Übertragung von Coronaviren ausbremst. Das Mittel wird auch Molnupiravir genannt. Die Wissenschaftler haben das Mittel an Frettchen ausprobiert. Die Tiere bekamen Molnupiravir zweimal täglich verabreicht - dadurch wurde die Sars-CoV-2-Belastung in den oberen Atemwegen deutlich nachweisbar reduziert, und die Ausbreitung auf unbehandelte Kontakttiere wurde unterbunden. Sollte sich zeigen, dass die Wirksamkeit beim Menschen ähnlich ist, dann wären Covid-19-Erkrankte nach der Einnahme des Medikaments innerhalb von 24 Stunden nicht mehr ansteckend.

Deutsches Unternehmen setzt auf ein "Pförtner"-Präparat

Das Virus an der Ausbreitung im Körper zu hindern, ist die eine Möglichkeit - es gar nicht erst in den Organismus vordringen zu lassen, eine andere. Auf diese Idee setzt das Biopharma-Unternehmen Formycon in der Nähe von München. Ein sogenannter Blocker könnte eine Ansteckung mit dem Coronavirus verhindern: FYB207 heißt das Mittel, und es nutzt dem Unternehmen zufolge die Eigenschaft von Coronaviren, über einen Rezeptor auf der Oberfläche menschlicher Körperzellen einzudringen oder sich weiter zu verbreiten. Dieser Rezeptor wird durch das Mittel blockiert - und damit auch die Pforte in den Organismus. Es ist ein sogenanntes Antikörper-Fusionsprotein, das da zum Einsatz kommen könnte, und das sich den Forschungsergebnissen zufolge effektiv an Sars-Coronaviren bindet.

Der Vorsitzende von Formycon, Brockmeyer, sieht vor allem für schwer erkrankte Covid-19-Patienten eine Chance, einen milderen Verlauf zu durchleben. "Dadurch haben auch (diese) Patienten eine Behandlungsmöglichkeit", so Brockmeyer im Gespräch mit tagesschau.de. "Wir blockieren die Eintrittspforte, die das Virus nutzt, um in die Zellen einzudringen. Das bietet einen maximalen Schutz vor Mutationen. So beugen wir auch künftigen Coronavirus-Epidemien vor", betont Brockmeyer.

Bis das Medikament allerdings Marktreife erlangt, kann es noch dauern: Das Unternehmen rechnet frühestens in zwei Jahren mit einer Zulassung. Erste Gespräche mit der Europäischen Arzneimittelagentur EMA und der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA sollen Anfang nächsten Jahres geführt werden.

Geld für mehr Forschungsarbeit

Die Bundesregierung setzt in der Pandemie-Bekämpfung neben dem Einsatz von Impfstoffen nun auch zunehmend auf Medikamente für Covid-19-Patienten. Bundesforschungsministerin Karliczek sagte, man müsse damit rechnen, dass selbst bei einer hohen Impfrate Menschen weiter an Covid-19 erkrankten. Für diese Patienten brauche es "neue Therapieoptionen", die in den unterschiedlichen Stadien der Infektion eingesetzt werden könnten. Es gebe bereits einige erfolgversprechende Ansätze. Gefördert werden bis Ende des Jahres 2023 sowohl die Entwicklung von Arzneimitteln als auch deren klinische Prüfung.

(Stand: 06.01.2021)

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