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StartseiteForschung aktuellBeeinflussen Luftschadstoffe die Zahl der COVID-19 Todesfälle?21.04.2020

Coronavirus Beeinflussen Luftschadstoffe die Zahl der COVID-19 Todesfälle?

Forscher vermuten einen Zusammenhang zwischen starker Luftverschmutzung und höherer COVID-19-Mortalität. Nach ersten vorsichtigen Einschätzungen könnten hohe Stickstoffdioxid-Werte der Luft in Zusammenhang mit höheren Todeszahlen in Folge von COVID-19-Erkrankungen stehen.

Von Volker Mrasek

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epa05054185 A view of Madrid's skyline under a visible cloud of smog provoked by the high pollution in the city, Spain, 04 December 2015. New high levels of NO2 (nitrogen dioxide) have raised the contamination alert and reactivated emergency measures including traffic restrictions. Madrid's polluted atmosphere is under constant surveillance as NO2 levels keep rising due to general good weather and lack of rain or wind recently. Traffic restrictions will continue until NO2 levels drop. EPA/SERGIO BARRENECHEA | (dpa / EFE / Sergio Barrenechea)
Forscher vermuten einen Zusammenhang zwischen hohen Stickstoffdioxid-Werten und der Zahl der COVID-19 Todesfälle (dpa / EFE / Sergio Barrenechea)
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Luftschadstoffe gepaart mit windstillen, austauscharmen Wetterlagen, bei denen sich der Smog lange in Bodennähe hält– könnte das mit ein Grund sein, warum in Italien und Spanien besonders viele Menschen an der Lungenerkrankung COVID-19 gestorben sind? Die neue Studie von Yaron Ogen deutet in diese Richtung. Der Geograph stammt aus Israel, forscht aber an der Universität Halle-Wittenberg:

"Wenn man genauer hinschaut, dann ergeben sich fünf regionale Hot Spots mit der Mehrzahl der Toten. Vier davon liegen in Norditalien: Das sind die Lombardei, Emilia-Romagna, Piemont und Venetien. Hinzu kommt noch Spaniens Hauptstadt Madrid. Lauter Regionen, in denen auch die Konzentrationen von Stickstoffdioxid hoch sind."

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Stickstoffdioxid oder NO2 – ein Luftschadstoff, der zum Beispiel aus dem Autoauspuff quillt. Der europäische Umweltsatellit Sentinel 5 erfasst ihn aus dem All, mit einer räumlichen Auflösung von 5x5 Kilometern. Yaron Ogen besorgte sich die Messwerte für Januar und Februar und verglich sie mit dem regionalen Muster der Corona-Sterbefälle bis Mitte März. Zusammen waren das damals knapp 3.500 in den fünf Risikozonen.

Satellitendaten zeigen Hotspots mit hoher Schadstoff-Belastung

Der Satellit schaut von oben durch die Erdatmosphäre und gibt die Menge Stickstoffdioxid pro Quadratmeter an, als molare Masse oder Mol. Nicht einmal zwei Prozent aller Todesfälle traten demnach in relativ sauberer Luft auf, mit weniger als 50 Mikromol NO2 - Frankreich und Deutschland eingeschlossen. In den fünf Corona-Hot-Spots in Norditalien und Madrid dagegen war die Luftverschmutzung besonders stark, mit Spitzenkonzentrationen von bis zu 300 Mikromol NO2 pro Quadratmeter.

"Diese Regionen, diese fünf Hot Spots, sind alle von Bergen umgeben. Dort herrschen Inversionswetterlagen vor. Das bedeutet: Die Luft wird nicht richtig durchmischt, Schadstoffe verbleiben in Bodennähe, und die Leute atmen sie ein."

Dass Luftschadstoffe ein Co-Faktor bei Corona-Todesfällen sein könnten, mutmaßen auch italienische Umweltwissenschaftler und Mediziner in einem neuen Artikel. Die Fachzeitschrift Environmental Pollution wird ihn demnächst abdrucken. Darin schreiben die Forscher, Luftschadstoffe wie Feinstaub schwächten die - so wörtlich – "erste Verteidigungslinie in den oberen Atemwegen". Infektionserreger hätten dadurch leichteres Spiel, so der Umweltchemiker Dario Caro, derzeit an der Universität Aarhus in Dänemark.

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"Menschen, die in einer so verschmutzten Region leben wie in der Lombardei oder Emilia-Romagna, haben ein Problem, was das Virus angeht. Denn bestimmte Signalmoleküle, die Entzündungen auslösen, werden von ihrem Körper stärker ausgeschüttet. Sogar bei gesunden Einwohnern dieser Regionen sind sie erhöht.

Langanhaltende Luftverschmutzung erhöht Risiko

Die Entzündung beeinträchtige die Funktion der Flimmerhärchen im oberen Atemtrakt, der sogenannten Zilien. Das, so die Forscher, könnte gerade im Fall des neuen Coronavirus fatal sein. Womöglich sei es dem Erreger dadurch möglich, tiefer in die Atemwege vorzudringen und dort eine lebensgefährliche Lungenentzündung auszulösen. 
 
Solche Prozesse könnten nicht nur durch das hohe Alter von Patienten angestoßen werden – sondern eben auch dann, wenn man Luftschadstoffen ausgesetzt sei. Und zwar chronisch, wie Dario Caro sagt, und nicht nur für Tage oder Wochen:

"Es stimmt! Durch die Coronakrise beobachten wir einen Rückgang der Luftverschmutzung. Aber wenn es um die Sterblichkeit durch das Virus geht, spielt das gar keine Rolle! Der entscheidende Punkt ist hier, dass man schon viele Jahre in einer verschmutzten Region gelebt hat!"

Weder Yaron Ogen in Halle noch die italienischen Forscher behaupten, Luftschadstoffe seien schuld daran, dass in Norditalien und Madrid so viele Menschen an COVID-19 gestorben sind. Aber eine gewisse Rolle könnten sie nach ihrer Meinung gespielt haben. Es ist eine gut begründete Vermutung, und schon jetzt darf man sagen: Das gesundheitliche Risiko, das von Luftschadstoffen ausgehen kann, wird dadurch viel greifbarer.

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