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StartseiteSprechstunde"Am meisten fürchten wir eine bleibende Herz-Schädigung"19.05.2020

Coronavirus bei Kindern"Am meisten fürchten wir eine bleibende Herz-Schädigung"

Noch weiß man sehr wenig über Komplikationen, die am Herzen auftreten, wenn Kinder mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert sind, sagte die Kinderärztin Ania C. Muntau im Dlf. Es gebe aber Therapien, die beim klassischen Kawasaki-Syndrom erfolgreich angewendet werden und die auch beim Coronavirus helfen könnten.

Ania C. Muntau im Gespräch mit Christian Floto

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Ein Kind mit Maske geht auf einer Straße in New York (imago / John Angelillo)
Ania Muntau: "In Deutschland bisher wirklich ganz, ganz wenig Fälle" (imago / John Angelillo)
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Nach den USA kommen nun auch aus Italien Berichte, dass es nach dem Abklingen der ersten Infektionswelle von SARS-CoV-2-Virus zu einer Häufung von entzündlichen Erkrankungen bei Kindern gekommen ist. Insgesamt handelt es sich vergleichsweise um wenige Fälle, aber die Krankheit, die Ähnlichkeiten mit dem sogenannten Kawasaki-Syndrom aufweist, die kann sehr schwer verlaufen. Professor Ania Muntau, Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, arbeitet erfolgreich mit Therapien, die die Krankheitsverläufe stoppen können. 

Christian Floto: Die Ärzte in Italien, aber auch in Großbritannien, den USA sprechen von einer Kawasaki-ähnlichen entzündlichen Erkrankung. Was verbirgt sich genau dahinter, was ist entzündet?

Ania C. Muntau: Es sieht nach einer überschießenden Reaktion des Immunsystems nach der Virusinfektion aus, und das ist auch nicht so überraschend, weil wir wissen, dass Viren eben eine solche Reaktion auslösen können. So verwundert es nicht so sehr, dass das auch nach SARS-CoV-2 auftritt, allerdings unterscheiden sich die beobachteten Entzündungssyndrome ein wenig vom klassischen Kawasaki-Syndrom. Häufig stehen Magen-Darm-Probleme bei den Kindern im Vordergrund, Bauchschmerzen, Zeichen einer Blinddarmentzündung, Erbrechen, Durchfall. Die Kinder sind etwas älter als beim Kawasaki-Syndrom, und es können sämtliche Organe von der Entzündung betroffen sein. Was die Eltern zunächst sehen können, ist hohes, anhaltendes, therapieresistentes Fieber, entzündete Bindehäute der Augen, geschwollene Lymphknoten, Ausschläge – das sind so die typischen Merkmale.

Mädchen mit Mundschutz und Schulrucksack (dpa/ Fotostand) (dpa/ Fotostand)Kinder und Jugendliche in der Coronakrise
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Floto: Das wäre bei dem eigentlichen Kawasaki-Syndrom nicht ganz so oder anders oder gezielter – oder was steht da für eine Symptomatik im Vordergrund?

Muntau: Da sind auch die typischen Symptome das Fieber, die Lymphknoten, die Hautausschläge und die Bindehautentzündung. Anders ist ganz klar diese Konzentration auf den Magen-Darm-Trakt und dass die Kinder häufiger in einen sogenannten Schock geraten, das heißt, dass der Organismus nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden kann, und dass die Kinder älter sind.

"Wissen immer noch nicht genau, wie Kawasaki-Syndrom ensteht" 

Floto: Wie ist es bei dem eigentlichen klassischen Kawasaki-Syndrom, wird das auch ähnlich eingeordnet, nämlich als Immunreaktion auf irgendetwas, was dort an Erregern im Körper gewesen ist?

Muntau: Ja, erstaunlicherweise. Wir kennen das Kawasaki-Syndrom seit 50 Jahren, und dennoch wissen wir immer noch nicht genau, wie es entsteht, aber wir sagen, ja, es ist eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf eine virale Infektion, und das kann dann eben verschiedenste Organe betreffen. Das, was wir am meisten fürchten, ist eine bleibende Schädigung des Herzens, nämlich im Sinne von einer Erweiterung der Herzkranzgefäße, die dann, wenn sie einmal aufgetreten ist, auch nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Floto: Dieses Symptombild ist noch mal aufgeführt und zusammengetragen, da sind auch diese Herzprobleme mit benannt worden in einem Artikel eben halt aus Bergamo, dort im "The Lancet", in einem der großen führenden Medizinjournale der Welt, jetzt am 13. Mai. Wie häufig haben Sie auch das beobachtet, dass Herz mit betroffen ist, weil Sie haben ja jetzt vom Magen-Darm-System zunächst als beobachtbares Symptom gesprochen.

Muntau: In Deutschland haben wir im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 insgesamt erst fünf Fälle eines solchen, wir sagen eher pädiatrisch-inflammatorisches multisystemisches Syndrom gesehen, also in Deutschland bisher wirklich ganz, ganz wenig Fälle. Beim klassischen Kawasaki-Syndrom sehen wir leider immer wieder diese Komplikationen am Herzen – denen kann man aber durch eine aufmerksame Beobachtung und eine frühzeitige Therapie entgegenwirken. Deswegen sind wir so dahinter her, dass wir diese Kinder frühzeitig sehen, weil wir eine Therapie in Händen haben und die sehr wahrscheinlich auch wirksam ist, wenn sie durch SARS-CoV-2 ausgelöst wird.

"Das ist immer noch nach so langer Zeit grobes Wissen"

Floto: Über diese Therapiemöglichkeiten sprechen wir gleich, zunächst noch bitte die Frage vorneweg: Was genau oder wodurch kommt es zu dieser Herzproblematik, zu der Erweiterung der Koronarien, was ist da geschädigt und entzündet?

Muntau: Das weiß man nicht. Man weiß, dass es die inneren Zellschichten der Gefäße sind am Herzen, aber was dort pathogenetisch – wir sagen, es ist Antikörper-vermittelt, das heißt, es setzen sich dort Antikörper fest, die eigentlich sich gegen das Virus richten, aber dann fälschlicherweise eben auch die eigenen Organe angreifen und dort einen Entzündungsprozess auslösen, der dann zu dieser Erweiterung führt. Aber das ist immer noch nach so langer Zeit grobes Wissen.

Floto: Und jetzt ist das auch der Hintergrund oder die Vermutung, dass auch in den Gefäßen dort im Magen-Darm-Trakt so was Ähnliches passieren muss, damit solche Symptome auftreten.

Muntau: Genau.

Floto: Wogegen richtet sich denn jetzt die therapeutische Möglichkeit – gegen genau diese Prozesse, die man nicht genau kennt, aber man kennt Medikamente, die da irgendwo wirksam sind?

Muntau: Genau. Seit vielen Jahren geben wir sogenannte Immunglobuline, das heißt, das sind wiederum menschliche Antikörper, die wir verabreichen, die dann die Antikörper, die im Körper sind, binden können und damit unschädlich machen. Und das ist eine Therapie, die wir seit vielen, vielen Jahren anwenden und wo wir sagen, wenn wir sie frühzeitig, also in den ersten Tagen nach Einsetzen dieses hohen Fiebers, anwenden, wir in sehr vielen Fällen die fatale Herzschädigung verhindern können.

Aspirin in einer sehr, sehr hohen Dosis

Floto: Welche weiteren Möglichkeiten haben Sie?

Muntau: Das Zweite, was eingesetzt wird, ist Aspirin als sozusagen entzündungshemmende Droge in einer sehr, sehr hohen Dosis, die dann eben auch dazu führt, dass die Blutplättchen nicht so aneinanderkleben und dann auch noch Gefäße zusätzlich verstopfen. Das macht man eben, bis das Fieber weg ist, in dieser hohen Dosis und behält dann langfristig eine sehr niedrige Dosis Aspirin bei.

Floto: Ich erinnere mich an Sendungen, wo immer wieder gesagt wurde, Aspirin nicht bei Kindern unter 16 oder so. Das heißt, das ist jetzt eine Situation, da gilt diese Regel nicht.

Muntau: Richtig, das ist eine Ausnahmesituation, wo der Nutzen vor einem potenziellen Schaden überwiegt.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Floto: Ihre Beurteilung jetzt einmal mit Blick auf das, was in der Welt, in den USA, in Großbritannien, jetzt auch eben halt in "The Lancet" reportiert mit viel mehr Fällen in Bergamo: Wie deuten Sie das? Ist da wirklich dieser Zusammenhang – Sie haben es am Anfang schon eingeräumt – anzunehmen, und werden da noch mehr solche Symptome bei Kindern wohl auftreten? Erwarten Sie das?

Muntau: Wir haben in New York und in Bergamo zwischen einer 10- bis 30-fach höheren Häufigkeit dieses Entzündungssyndroms. Interessanterweise gibt es Kinder, die keinen Nachweis von SARS-CoV-2 haben – der kleinere Anteil, aber es gibt es –, und in New York gab es einen Anteil, der eine frische Infektion hatte, 60 Prozent, und 40 Prozent hatten schon Antikörper. Das heißt, dieses Entzündungssyndrom ist in unterschiedlichen Phasen der Erkrankung aufgetreten, was natürlich eine unterschiedliche Entstehungsweise unterstellt. Mein Eindruck ist, ja, es ist zu vermuten, dass dort ein Zusammenhang besteht, weil in sehr vielen Fällen gleichzeitig die Infektion nachgewiesen wurde. Es gibt Leute, die sagen, na ja, könnte es nicht sein, ein Kind ist mit Kawasaki-Syndrom auf der Station und infiziert sich dann durch das Personal mit SARS-CoV-2 – das scheint mir ein bisschen weit hergeholt. Wir in Deutschland haben diese Fälle noch nicht gesehen, aber ich glaube, wir sollten extrem wachsam sein. Die Sorge, die ich im Moment habe, ist, dass die Menschen und die Kinder nicht in die Notaufnahmen der Kinderkliniken kommen, weil die Familien eine solch hohe Sorge vor einer Infektion haben. Auch heute bei uns die Notaufnahme ist leer, das ist für uns extrem ungewöhnlich. Das ist das einzige wirkliche Risiko, weil wenn wir die Kinder früh sehen, dann werden wir sie effektiv behandeln könnten.

"Verlängernde Schleifen sollten wir jetzt einfach nicht abwarten"

Floto: Das ist also eine Botschaft, die da gleich jetzt auch mitgegeben werden kann, und vielleicht noch auch ein Hinweis auf ein bestimmtes Symptom – Sie haben es mehrfach jetzt betont –, auch dieses therapieresistente hohe Fieber bei Kindern. Ist das so ein Warnzeichen, würden Sie das als Warnzeichen auch mitgeben und sagen, Mensch, im Zweifel vorstellen?

Muntau: Ja. Eltern, die das erleben, sagen, das ist nicht das Fieber, was mein Kind sonst hat, wenn es erkältet ist. Es ist 40, es lässt sich schwer senken. Häufig machen die Kinder dann die Schleifen, dass sie erst zum Kinderarzt gehen, dann kriegen sie ein Antibiotikum, dann wirkt das Antibiotikum nicht. Diese verlängernden Schleifen sollten wir jetzt einfach nicht abwarten. Es gibt ja viele Eltern, die sehr tapfer sind und sagen, mein Kind hat Fieber und das kriegt jetzt Wadenwickel und wird ins Bett gelegt und das wird schon. Ich glaube, in so einer Situation sollte man lieber einmal mehr nachsehen, weil wir dann mit einer Laboruntersuchung zum Beispiel sehr frühzeitig exzessiv hohe Entzündungszeichen sehen können und vielleicht das ein oder andere klinische Symptom beobachten, was die Eltern nicht sehen können, und dann frühzeitig helfen können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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