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CoronavirusBooster-Impfung - ist die dritte Dosis nötig?

Eine Hand hält eine Impfdose mit dem Moderna mRnA-Impfstoff und zieht ihn mit einer Spritze heraus, aufgenommen am 23.06.2021 im Impfzentrum in Freising (imago images / Sven Simon)
Ein Großteil der Deutschen ist inzwischen doppelt geimpft. Kommt jetzt der "Booster" hinterher? (imago images / Sven Simon)

Mehrere Länder haben bereits mit Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus begonnen. Wer braucht die dritte Dosis wirklich und welche Kritik gibt es an den "Booster"-Impfungen?

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat eine differenzierte Empfehlung ausgesprochen. In ihrer Mitteilung vom 4. Oktober betont sie, dass man unterscheiden müsse zwischen Menschen mit Immunschwächen und der Allgemeinheit ohne besondere Einschränkungen. Für Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem empfiehlt die europäische Behörde die dritte Impfdosis, und zwar bereits ab 28 Tagen nach der zweiten Dosis. Diese Empfehlung gilt für die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna.

Für Menschen mit normal funktionierendem Immunsystem fällt die Empfehlung zurückhaltender aus - und bezieht sich zunächst auch nur auf Biontech/Pfizer. In dieser Gruppe könne bei über 18-Jährigen eine dritte Impfung zur Auffrischung "in Betracht gezogen werden", erklärte die EMA. Diese könne sechs Monate nach der zweiten Impfdosis gegeben werden. Studien zeigten, dass dadurch die Zahl der Antikörper zunehme. Allerdings sei die Datenlage zur Sicherheit noch begrenzt und mögliche seltene Nebenwirkungen müssten genau beobachtet werden. Zu einer dritten Impfung mit Moderna will sich die EMA erst später äußern.

STIKO-Empfehlung bisher nur bei Immunschwäche

In Deutschland hat sich die Ständige Impfkommission (STIKO) bislang nicht für generelle Auffrischungsimpfungen ausgesprochen. Auch mit Blick auf ältere Menschen sehen die Expertinnen und Experten aktuell noch davon ab, obwohl diese ihre dritte Impfung auch in Deutschland bereits bekommen können. Empfohlen wird eine Booster-Dosis mit einem mRNA-Impfstoff lediglich für Menschen mit Immunschwäche, heißt es in einem vom Robert Koch-Institut veröffentlichten Papier.

Die STIKO arbeite derzeit die Studienlage für eine Auffrischungsimpfung anderer Bevölkerungsgruppen auf. Eine Entscheidung soll es in den kommenden Wochen geben. Die STIKO geht unter anderem den Fragen nach, die etwa die Dauer des Impfschutzes, die mögliche Immunitätsentwicklung gegen Impfstoffkomponenten und die Wirksamkeit gegen neue Virusmutationen betreffen.

Die STIKO ist mit ihrer Empfehlung damit zurückhaltender als die Gesundheitsministerkonferenz. Diese hatte Anfang August beschlossen, dass ein Booster von allen ab 60 Jahren wahrgenommen werden könne - frühestens sechs Monate nach der vollständigen Impfung und nach "individueller Abwägung, ärztlicher Beratung und Entscheidung". Damit soll das Immunsystem nochmals gegen Sars-CoV-2-Viren gestärkt werden.

Rund 800.000 Menschen haben dieses Angebot in Deutschland bislang angenommen. Allein bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe machen die Auffrischungen bereits mehr als ein Viertel aller Corona-Impfungen aus. Nach jüngsten Berichten der KVWL betrug der Anteil in der letzten Septemberwoche über 26 Prozent in den Arztpraxen.

"Nicht warten, bis wieder Menschen sterben"

Bundesgesundheitsminister Spahn verteidigt den Beginn der "Booster"-Impfungen für Senioren und Immungeschwächte noch vor einer entsprechenden STIKO-Empfehlung. Er wolle "nicht warten, bis in den Pflegeheimen wieder Menschen sterben", sagte der CDU-Politiker. Es handele sich um "vorausschauendes, vorsorgliches Handeln". Außerdem gebe es bereits "viele Studien, die eindeutig belegen, dass Booster-Impfungen für Hochbetagte, Pflegebedürftige und Menschen mit bestimmten Immunerkrankungen Sinn machen". Da Deutschland genügend Corona-Impfstoff habe, müsse auch gehandelt werden.

Die Stiftung Patientenschutz bezeichnete es hingegen als falsch, mit den "Booster"-Impfungen zu beginnen, ohne eine Empfehlung der STIKO abzuwarten. Damit torpediere die Politik die wissenschaftliche Expertise unabhängiger Impfexpertinnen und -experten, sagte der Vorsitzende der Stiftung, Brysch. Zunächst müsse auch bei hochbetagten und schwerkranken Menschen der Immunstatus in den Blick genommen werden.

Auch der Hartmannbund Brandenburg hält das Vorgehen der Politik für problematisch. Der Vorsitzende dieses Berufsverbands der Ärztinnen und Ärzte, Pohle, sagte, es stelle sich die Frage, ob politische Strukturen wie Ministerien wirklich über die Kompetenz verfügten, derartige Beschlüsse ohne Abstimmung mit wissenschaftlich etablierten Kommissionen zu fassen. Solche erratischen Verhaltensweisen erzeugten in der Ärzteschaft Unverständnis und Irritation, die sich auf die Patientinnen und Patienten übertrügen.

Impfstoffe laut Studie gegen aktuelle Varianten wirksam

Auch einer aktuellen Studie zufolge sind die Corona-Impfstoffe zumindest gegen die derzeit verbreiteten Virusvarianten so wirksam, dass die breite Bevölkerung keine dritte Impfung benötigt. "Selbst angesichts der Delta-Bedrohung sind Auffrischungsimpfungen für die Allgemeinbevölkerung in diesem Stadium der Pandemie nicht angebracht", heißt es in einem Bericht im Fachmagazin "The Lancet".

Deshalb solle der Fokus auf der weltweiten Verteilung des Impfstoffes liegen und nicht auf einer dritten Impfung. "Wenn die Impfstoffe dort eingesetzt werden, wo sie den größten Nutzen bringen, könnten sie das Ende der Pandemie beschleunigen, indem sie die weitere Entwicklung von Varianten verhindern", sagte eine Autorin der Studie.

Zuerst in ärmeren Ländern impfen?

Neben Deutschland bieten auch andere Länder wie Frankreich älteren und besonders gefährdeten Menschen eine "Booster"-Impfung an. In den USA wird diese intensiv beworben. In Großbritannien können über 50-Jährige sowie Heimbewohner und Pflegekräfte eine Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus erhalten. Wie die Regierung mitteilte, gilt die Regelung auch für klinisch extrem gefährdete Menschen sowie für Risikopatienten zwischen 16 und 65 Jahren. In Israel können sogar alle Menschen ab zwölf Jahren eine dritte Impfung erhalten. In den Niederlanden dagegen sollen nach einer Empfehlung von Experten vorerst nur Menschen mit einem geschwächten Immunsystem eine Auffrischungsimpfung erhalten.

Kritik entzündet sich daran, dass reiche Staaten Auffrischungsimpfungen verabreichen, während die Versorgung ärmerer Länder mit Impfstoffen immer noch stockt und Millionen Menschen nicht einmal eine erste Impfung erhalten haben. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros, sprach sich vor diesem Hintergrund im August klar gegen Auffrischungsimpfungen aus. Durch ein Aussetzen dritter Impfungen könnten Menschen in allen Ländern schneller vor Covid-19 geschützt werden, betonte er.

Laut WHO waren im August 80 Prozent aller weltweiten Corona-Impfungen in Ländern mit hohen und mittleren Einkommen erfolgt. In vielen ärmeren Länder liegt die Impfrate dagegen immer noch im einstelligen Bereich.

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In unserem Nachrichtenblog finden Sie einen regelmäßig aktualisierten Überblick über die wichtigsten Entwicklungen. Lesen Sie auch:

+ Lage: Infektionszahlen in Deutschland (Stand 15.10.)

+ Impfung: Ist die Booster-Impfung sinnvoll? (Stand 4.10.)

+ Infektionsgeschehen: Wofür die "Hospitalisierungsrate" steht (Stand 20.09.)

+ Urlaub: Liste der Risikogebiete (Stand 09.10.)

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Diese Nachricht wurde am 15.10.2021 im Programm Deutschlandfunk gesendet.