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StartseiteInformationen am MorgenCovid-19 überfordert Berliner Gesundheitswesen28.02.2020

CoronavirusCovid-19 überfordert Berliner Gesundheitswesen

Die Zahl der Coronavirus-Infizierten steigt an, die Besorgnis in der Bevölkerung wächst. Anlass zur Panik gebe es zwar nicht, sagen Experten - einige Reisende sind aber über das Verhalten der Gesundheitsbehörden irritiert.

Von Ann Tran, Philipp Banse und Sebastian Engelbrecht

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Ein Laborant bestückt eine Zentrifuge im Institut für Virologie an der Charité Berlin Mitte, in dem Untersuchungen zum Corona-Virus laufen.  (dpa / picture alliance / Christophe Gateau)
Einige Patienten wollen sich testen lassen auf Covid-19 - bekommen aber widersprüchliche Antworten (dpa / picture alliance / Christophe Gateau)
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"Ich desinfiziere alles, was ich auch nur annähernd anfasse oder angucke. Ja, also es ist schwierig."

Susanne Müller ist besorgt. Sie will anonym bleiben, deswegen nennen wir sie so. Wir treffen uns nicht persönlich, wir telefonieren nur, denn Frau Müller kommt gerade von einer Reise, aus einer Stadt 50 Kilometer von Padua entfernt, Norditalien – Covid-19-Risikogebiet. Bei der Einreise am Flughafen Schönefeld passiert nichts.

"Es wurde gar nicht kontrolliert. Es wurde keine Temperatur gemessen. Es wurde nichts gemacht.  Man konnte einfach ganz normal, egal ob man irgendwie krank aussah oder auch nicht, man konnte einfach ganz normal reinspazieren. "

Zuhause angekommen, versucht Frau Müller herauszufinden, ob sie infiziert ist, will sich testen lassen. Erst fragt sie bei ihrem Arbeitgeber nach. Sie ist Erzieherin. Der leitet sie an das Robert-Koch-Institut weiter.

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Es ist schon spät, deswegen sind die Zuständigen nicht mehr zu erreichen. Sie erhält verschiedene Telefonnummern. Damit beginnt ihre Odyssee.

"Die haben mir gesagt, ich soll mich auf jeden Fall beim Gesundheitsamt melden. Die haben mir aber gesagt, ich soll mich beim Gesundheitsamt von der Arbeit melden. Die haben mich dann wiederum weitergeschickt. Und es war eigentlich total egal, ob ich ein Anliegen habe mit Corona oder nicht. Einfach nur: Nee, habe ich nichts mit zu tun – Tschüss."

Unser Reporter will im Gesundheitsamt Mitte nachfragen: Können sich Infizierte hier melden? Es liegt weitab vom Stadtzentrum in der Einflugschneise des Flughafens Tegel.

"Wir befinden uns jetzt Kapweg Nummer 3, Gesundheitsamt vom Bezirksamt Mitte von Berlin. Da ist die Amtsleitung, Fachbereich 2, Infektionsschutz, medizinischer Katastrophenschutz und umweltbezogener Gesundheitsschutz. Jetzt klingeln wir mal."

Es herrscht gähnende Leere, gespenstische Stille auf den Fluren des Amtes. Keine potentiell Infizierten, keine aufgeregten Weißkittel, kein Amtsleiter. Weder die Sachbearbeiterin noch die Pressestelle wissen, wo der Amtsleiter steckt. Ein Interview? Heute? Geht nicht. Wer weiß, wann.

Draußen, vor der Tür, redet jemand: Karin. Sie verkauft Currywurst am "Alt-Berliner Imbiss". "Wie ich gehört habe, war hier ein Kunde, der Verdacht auf Corona-Virus hatte, beim Arzt war, sich testen lassen wollte und der Arzt gar nicht wusste, wie er das testen soll."

Die Verunsicherung ist groß in den Arztpraxen.

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Große Verunsicherung in den Arztpraxen

In einem Hörsaal in Berlin-Mitte sind die blauen Stuhlreihen voll besetzt. Für etwa 500 Menschen ist hier Platz. Vor allem Ärztinnen und Ärzte sind heute hier hergekommen, um sich über den neuesten Stand zum Corona-Virus zu informieren. Zur Veranstaltung eingeladen haben die Berliner Medizinische Gesellschaft und die Berliner Mikrobiologische Gesellschaft. Vor Ort äußern einige Medizinerinnen ihre Sorgen:

"Ich habe eine HNO-Praxis, den ganzen Tag Erkältungspatienten. Wenn ich jetzt einen Verdachtsfall vor mir habe: Was mache ich mit dem Patienten? Setze ich den erst einmal in ein Extrazimmer? Rufe, weiß ich nicht wen, an und lass den abtransportieren?

Also ich habe eine Allgemeinmedizinische Praxis in Neukölln. Heute hatte ich einen Anruf von einer Frau, die aus Hongkong kam, mit Fieber noch zuhause war. Da habe ich das Gesundheitsamt angerufen, die haben mich dann auf diese Fortbildung verwiesen, aber ich wusste auch nicht, was ich dann weiter machen sollte."

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"Um Gotteswillen sich nicht in den Bus setzen"

Zustimmung im Hörsaal. Burkhard Ruppert, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin versucht zu beruhigen: "Der wichtigste Schritt, dass der Patient, sofern er nicht wirklich schwer erkrankt ist, sondern sich einfach nur Sorgen macht, zunächst einmal vergewissert und informiert: Was ist denn jetzt überhaupt das Richtige für mich?"

Und das am besten von Zuhause aus: "Um Gotteswillen sich nicht in den Bus, in die Straßenbahn, in die U-Bahn setzen und dann vielleicht noch in eine übervolle Praxis setzen und dann warten, bis es so weit ist", warnt Ruppert. Denn dann besteht die Gefahr, zu einem sogenannten "Superspreader" zu werden – also durch viele Kontakte im privaten wie im öffentlichen Raum, eine Vielzahl anderer Menschen anzustecken.

Besser: Alles von Zuhause organisieren – so wie Susanne Müller. Was sie trotzdem nicht begreift: "Ich kann einfach nicht verstehen, warum Leute nicht getestet werden, vor allem hier in Berlin." 

Das Problem ist: Nach der Definition des Robert-Koch-Instituts ist Susanne Müller kein Covid-19-Verdachtsfall, denn sie zeigt keine Symptome wie Fieber oder Husten: "Ich habe denen auch gesagt, dass ich grundsätzlich sehr niedrige Temperatur habe, weil ich eine Schilddrüsenunterfunktion habe und für meine Verhältnisse schon erhöhte Temperatur habe, aber nicht Fieber nach diesen normalen Maßen."

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Symptomfreie Patienten nicht in Sicherheit wiegen

Man wolle symptomlose Personen mit einem negativen Testergebnis nicht in falscher Sicherheit wiegen, heißt es in einer Antwort des Robert-Koch-Instituts an den Deutschlandfunk. In der Vergangenheit habe sich gezeigt, dass zunächst symptomlose Betroffene mehrmals negativ getestet wurden und später, als sich Symptome zeigten, doch positiv.

Auch sei noch nicht zweifelsfrei geklärt, ob symptomlose Menschen andere anstecken können oder eben nicht: "Wir werden immer noch Menschen finden, die potenzielle Quellen sein können und durch häusliche Quarantäne können wir diese Quellen immer noch eindämmen", erklärt Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts in einem Pressebriefing in Berlin.

Mit der Strategie dieser "häuslichen Quarantäne" soll verhindert werden, dass symptomlose Infizierte die Notaufnahmen fluten und womöglich besonders gefährdete Gruppen wie Alte oder Chronisch-Kranke anstecken. Außerdem sollen möglichst viele Krankenhausbetten für schwer Erkrankte frei gehalten werden.

"Ich möchte jetzt nicht diese Verantwortung übernehmen"

Susanne Müller hat also alles richtig gemacht. Trotzdem macht sie sich Sorgen:  "Ich möchte jetzt nicht diese Verantwortung übernehmen und, naja, den Erreger halt hier in Berlin verbreiten."  Oder in ihrer Fünfer-WG. Dort harrt sie aus mit Gummihandschuhen, Desinfektionsmittel und Mundschutz.

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