Samstag, 06.06.2020
 
Seit 13:30 Uhr Eine Welt
StartseiteWissenschaft im Brennpunkt"Europa ist nun das Epizentrum der Pandemie"15.03.2020

Coronavirus"Europa ist nun das Epizentrum der Pandemie"

Die COVID-19-Pandemie sei mit der spanischen Grippe von 1918 zu vergleichen, sagte Jeremy Farrar vom britischen Wellcome Trust im Dlf. Noch könne verhindert werden, dass die Situation so außer Kontrolle gerate wie in Italien - durch kollektives Handeln von Regierungen, Unternehmen und Gesellschaft.

Jeremy Farrar im Gespräch mit Ralf Krauter

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
13.03.2020, Sachsen, Meißen: Katrin Zscherper, Stationsleitung Notfallaufnahme, hält in der Infektions-Ambulanz des Elblandklinikum Meißen ein Abstrichstäbchen im Plastikröhrchen. (picture alliance / Sebastian Kahnert)
Gesundheitssysteme hochfahren, rät Jeremy Farrar - denn Kliniken würden enorm unter Druck geraten (picture alliance / Sebastian Kahnert)
Mehr zum Thema

Kritik an Schulschließungen wegen Corona "Das Virus wird immer wieder nach Deutschland reinkommen"

Reaktion auf Corona-Epidemie "Unsere Risikowahrnehmung verändert sich"

Corona-Pandemie Forderung nach mehr Kompetenzen für den Bund

Covid-19 Wie deutsche Medien auf die Corona-Pandemie reagieren

Ralf Krauter: Wie gefährlich ist die globale Corona-Epidemie im Vergleich zu anderen Pandemien in diesem Jahrhundert wie SARS im Jahr 2003 oder der Schweinegrippe von 2009?

Jeremy Farrar: Wir haben es mit einer völlig anderen Größenordnung zu tun als bei SARS oder der Pandemie von 2009. Der beste Vergleich ist die Influenza-Pandemie von 1918, die spanische Grippe. Das ist das Ausmaß der Epidemie, auf das wir uns vorbereiten sollten. Natürlich ist es extrem schwierig, das zu kommunizieren und gleichzeitig zu verhindern, dass die Menschen in Panik ausbrechen. Ich persönlich verspüre keine Panik. Aber ich denke, wir müssen der Gefahr ehrlich ins Auge sehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das diese Woche getan. Sie war sehr ehrlich, offen und transparent und hat das Ausmaß der Bedrohung absolut den Punkt gebracht. In den vergangenen 100 Jahren gab es keine vergleichbare Situation. Wir müssen uns das bewusst machen - aber ohne in Panik zu verfallen. Denn Panik führt zu schlechten Entscheidungen. Wir müssen ruhig bleiben, die Fakten bewerten und die neuesten Forschungsergebnisse berücksichtigen. Aber wir dürfen die Gefahr nicht unterschätzen. Wir haben es hier mit einem Jahrhundertereignis zu tun.

"Zahl der Infizierten wird sehr schnell steigen"

Krauter: Wie werden sich die Fallzahlen, die wir in Europa sehen, in den nächsten vier Wochen entwickeln? Was erwarten Sie?

Farrar: Die Zahl der Infizierten wird sehr schnell steigen, in allen Ländern Europas. Europa ist nun das Epizentrum der Pandemie. Und all unserer Gedanken sollten bei den Kommunen, Ärzten und Pflegekräften in Italien sein. Denn die machen dort gerade etwas durch, von dem ich ehrlich gesagt nicht erwartet hätte, dass ich sowas mal erleben würde. Drakonische öffentliche Gesundheitsmaßnahmen im ganzen Land. Ärzte, die Entscheidungen treffen müssen, vor denen kein Doktor jemals stehen sollte. Entscheidungen darüber, wer behandelt wird und wer nicht. Ich dachte nicht, dass ich sowas je erleben würde.

Hände mit Schutzhandschuhen halten ein Corona-Teströhrchen, Symbolfoto, verfremdet.  (imago images / Sven Simon)Coronavirus-Teströhrschen (Symbolfoto) (imago images / Sven Simon)Wie gefährlich ist das neue Coronavirus? 
Die Zahl der Infizierten mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 steigt trotz Gegenmaßnahmen vieler Regierungen weiter - auch in Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation hat Ende Januar den "internationalen Gesundheitsnotstand" ausgerufen.

Der Rest Europas muss begreifen: Was wir in Italien sehen, ist nicht weit weg, es passiert Mitten in Europa, in einem hochentwickelten Land mit gutem öffentlichem Gesundheitssystem, gut ausgestatteten Intensivstationen und hervorragendem medizinischem Personal. Wir müssen nach Italien schauen und uns klar machen: Uns könnte es genauso hart treffen. Und zwar sehr bald, innerhalb des nächsten Monats.

"Uns könnte es genauso hart treffen wie Italien."

Was wir jetzt brauchen, ist kollektives Handeln von Regierungen, Unternehmen und jedem Einzelnen in der Gesellschaft. Nur so können wir uns vorbereiten und versuchen zu verhindern, dass die Situation auch anderswo so außer Kontrolle gerät, wie in Italien. Noch kann das gelingen. Diese Entwicklung ist vermeidbar. Aber die Maßnahmen, die wir in den nächsten paar Tagen treffen, werden darüber entscheiden, ob es anderen Ländern Europas wie Italien ergehen wird oder ob sie eher dem Beispiel von Singapur, Hongkong und Südkorea folgen. Dort hat man die Corona-Krise erfolgreich gemeistert, indem man die Gesundheitssysteme gestärkt und diagnostische Tests im großen Stil durchführt hat. Auf diese Weise ist es gelungen, das Ausmaß Epidemie zu begrenzen und ihren Verlauf zu verzögern. Diese Länder haben Bemerkenswertes geleistet und wir sollten von ihnen lernen. Wenn es uns gelingt, diesen Weg einzuschlagen, könnten wir viele Leben retten. Wenn nicht, drohen uns bald ähnlich schlimme Verhältnisse wie in Italien oder dem Iran. Alles hängt davon ab, welche Entscheidungen wir jetzt treffen.

"Diagnostische Tests so schnell wie möglich ausweiten"

Krauter: Was wären angemessene Gegenmaßnahmen, die wir jetzt ergreifen sollten, um die Verbreitung des Virus zu bremsen?

Farrar: Offenheit und Transparenz sind jetzt sehr wichtig. Die Öffentlichkeit ist sehr wohl in der Lage, auf Basis der verfügbaren Informationen zu entscheiden, wie sich jeder Einzelne aber auch die Familien und die Kommunen jetzt verhalten sollten.

Wir müssen Maßnahmen zur sozialen Distanzierung implementieren, also die Zahl persönlicher Kontakte in allen Bereichen reduzieren, sei es am Arbeitsplatz, bei Veranstaltungen oder im öffentlichen Nahverkehr. Und wir müssen natürlich allen klar machen: Wer sich krank fühlt, sollte auf keinen Fall unter Leute gehen, sondern sich soweit wie möglich von andern fern halten.

Außerdem müssen wir die diagnostischen Tests so schnell wie möglich ausweiten. Wenn sich jemand nicht gut fühlt, braucht er rasch Gewissheit, ob er sich mit dem neuen Coronavirus infiziert hat oder nicht. Die Verfügbarkeit diagnostischer Tests ist deshalb entscheidend. Auch weil diese Tests uns verraten, wie weit sich das Virus bereits im Land verbreitet hat. Im Moment sind sich die Experten nicht wirklich sicher, wie viele Menschen in Deutschland oder Großbritannien infiziert sind. Und wir müssen das wissen, um besser planen zu können.

Kapazitäten im Gesundheitssystem "deutlich vergrößern"

Vor allem aber müssen wir unbedingt die Gesundheitssysteme hochfahren. Arztpraxen, Krankenhäuser und Intensivstationen werden enorm unter Druck geraten. Wir müssen die Kapazitäten überall deutlich vergrößern, und zwar innerhalb der nächsten paar Tage. Dabei müssen wir sicherstellen, dass Mediziner und Pflegekräfte ausreichende Schutzausrüstung haben, um sich selbst nicht zu infizieren. Denn die sind an der Front im Einsatz und riskieren ihr Leben, um das der anderen zu retten. Wir müssen uns deshalb gut um sie kümmern.

Und dann geht es natürlich auch um die Zahl der Betten. Jeder hat gesehen, wie in Wuhan im Rekordtempo ein Krankenhaus mit 1.000 Betten aus dem Boden gestampft und Turnhallen in klinische Versorgungszentren verwandelt wurden. Das sind die Dinge, die wir jetzt tun sollten, und nicht erst, wenn die Epidemie ihren Höhepunkt erreicht.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Krauter: Deutsche Epidemiologen haben berechnet, dass sich langfristig bis zu zwei Drittel der deutschen Bevölkerung mit dem neuen Coronavirus infizieren könnten – also allein in Deutschland über 50 Millionen Menschen. Ist das ein realistisches Szenario?

Farrar: Es ist ein realistisches Szenario. Die Regierung in Berlin war diesbezüglich ja sehr offen und die deutschen Experten wie Christian Drosten von der Charité oder die Fachleute in Marburg, Hamburg, Heidelberg und am Robert-Koch-Institut sind herausragende Leute. Es ist durchaus möglich das sich 40 bis 70 Prozent der Menschen mit dem Virus anstecken werden. Ich persönlich würde eher auf nur 40 Prozent tippen - aber ich bin Optimist und das ist wirklich nur eine Schätzung. Und selbst in diesem Fall reden wir noch über eine sehr große Zahl von Betroffenen.

"Wir werden es nicht schaffen, noch in diesem Jahr ein Vakzin bereit zu stellen."  

Krauter: Was kann die Wissenschaft jetzt dazu beitragen, die Corona-Krise zu meistern? Wie weit entfernt sind wir von spezifischen Wirk- und Impfstoffen gegen die Lungenkrankheit Covid-19?

Farrar: Wir arbeiten intensiv daran, bereits zugelassene Wirkstoffe zu testen, von denen wir vermuten, dass sie auch gegen das neue Coronavirus helfen könnten. Wir müssen diese Bemühungen beschleunigen, aber auch ganz neue Arzneimittel gegen Covid-19 entwickeln. Bis wir dort Erfolge sehen, wird aber noch einige Zeit vergehen. Bis auf weiteres bleibt uns deshalb nur, die schwer kranken Patienten auf den Intensivstationen mit den Mitteln zu behandeln, von denen wir wissen, dass sie heute funktionieren. In den nächsten drei Monaten werden wir Menschenleben dadurch retten, dass wir das, was wir heute schon können, möglichst gut machen.

Außerdem benötigt die Welt unbedingt einen Impfstoff. Aber es könnte gut sein, dass wir den erst in zwei Jahren haben werden, vielleicht sogar erst in fünf Jahren. Die Bemühungen laufen auf Hochtouren und neben anderen Geldgebern hat auch die deutsche Regierung jetzt zusätzliche Millionen zur Verfügung gestellt, um die internationale Impfstoff-Entwicklungs-Initiative CEPI zu fördern. Das ist sehr positiv und extrem wichtig. Wir müssen aber auch ehrlich zu den Menschen sein: Wir werden es nicht schaffen, noch in diesem Jahr ein Vakzin bereitzustellen, dass vor Ansteckung schützt. Dennoch müssen wir die Entwicklung jetzt vorantreiben. Denn wir brauchen diesen Impfstoff so schnell wie möglich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk