Thema 26.11.2020

Coronavirus in ZahlenWas die Neuinfektionen für die kommenden Wochen bedeutenVon Volkart Wildermuth

Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik (Stand 26. November 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Eine Epidemie bedeutet ständige Veränderung. Die Situation ist im Fluss, doch wohin? Zahlen bieten Orientierung, aber sie verwirren auch. Ein Wert alleine wird der Dynamik nicht gerecht. Deshalb hier ein Überblick über Zahlen und Trends – für Deutschland und die Welt.

Meldezahlen der JHU für Deutschland

Die täglich gemeldeten Infektionszahlen in Europa gehen langsam zurück. In Deutschland allerdings verharren sie auf hohem Niveau und die Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit COVID-19 steigt. Der Teillockdown hat nicht ausgereicht, die Politik steuert nach.  Zeit, Bilanz zu ziehen: Wie breitet sich SARS-CoV-2 aus und welche Konsequenzen hat COVID-19 für die Menschen?

Hier werden regelmäßig die wichtigsten Zahlen zusammengefasst, eingeschätzt und grafisch dargestellt. Die dynamischen Grafiken aktualisieren sich überwiegend an jedem Vormittag. Trotz der massiven Ausweitung der Tests gilt aber immer noch: Die Dunkelziffer ist unbekannt, Meldeverfahren unterscheiden sich von Land zu Land und verändern sich manchmal sprunghaft von einem Tag auf den anderen. Gut, dass der Erkenntnisgewinn nicht nur in den absoluten Werten steckt, sondern vor allem in den Mustern und typischen Verläufen, die ein Infektionsgeschehen produziert.

COVID-19: So war die Woche in Deutschland
 

Neuinfektionen in Deutschland pro Tag

Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten haben neue Kontakteinschränkungen beschlossen.  "Der Winter wird schwer, aber er wird enden," sagte Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung, "Ich wünsche mir, dass wir mehr denn je miteinander einstehen. Wenn wir das beherzigen, werden wir aus der Krise kommen,"

Der Teillockdown der letzten Wochen hat zwar den Anstieg der Infektionszahlen gebrochen. Die 7-Tage-Inzidenz hat sich stabilisiert, aber auf sehr hohem Niveau: innerhalb von sieben Tagen steckten sich im Durchschnitt 154 Personen pro 100.000 Einwohner an. Es ist nach wie vor nicht sicher, ob die Statistiken wirklich ein vermindertes Infektionsgeschehen repräsentieren. Das Robert Koch-Institut hat wegen der Überlastung der Labore die Teststrategie angepasst. Die Zahl der Tests ist zurückgegangen und das erklärt einen Teil des positiven Trends. Der Anteil der SARS-CoV-2-Nachweise unter allen Tests, die sogenannte Positivenquote, ist im Vergleich zur Vorwoche leicht auf 9,4% gestiegen. Das zeigt: das neue Corona-Virus ist nach wie vor sehr aktiv und zwar insbesondere auch bei älteren Bevölkerungsgruppen.

Traurige Konsequenz: Am 4. November starben 410 Menschen mit COVID-19, der bislang höchste Wert. Das wäre so viel "als würde jeden Tag ein Flugzeug abstürzen" sagte Bayers Ministerpräsident Markus Söder. Die Todesfälle werden wohl weiter steigen, weil zwischen einer Infektion und dem Auftreten schwerer Symptome Zeit vergeht. Das heißt, die starke Welle der Infektion aus dem Oktober kommt erst nach und nach in den Krankenhäusern an. Auf den Intensivstationen steigt die Zahl der COVID-19-Patienten deshalb weiter, aber nicht mehr ganz so schnell. Bundesweit ist etwa jedes sechste Intensivbett mit einem COVID-19-Patienten belegt. Kurzfristig dürfte sich das auch nicht ändern. Denn wer schwer erkrankt, verbringt meist einige Wochen in der Intensivpflege.

Zurzeit gibt es noch genug freie Betten auf den Intensivstationen. Trotzdem ergeben sich an manchen Orten bereits lokale Engpässe. In Berlin beispielsweise liegt die Auslastung der Intensivstationen deutlich höher als im bundesweiten Durchschnitt. Hinzu kommt, dass nicht allein die Zahl der Betten ausschlaggebend ist, sondern auch die Personaldecke.

Im Vergleich zum August hat sich die Karte auf dem Dashboard des Robert Koch-Instituts völlig verändert. Statt hellgelb dominieren Rot und Dunkelrot – im Süden und Westen Deutschlands praktisch flächendeckend. Für den besonders betroffenen Landkreis Hildburghausen mit einer 7-Tage-Inzidenz von aktuell 602 hat das RKI sogar eine neue Farbe eingeführt: ein auffälliges Pink. In der Grafik hier bleibt er allerdings dunkelbraun. Mehr als 90 Prozent der Kreise und Kreisfreien Städte gelten inzwischen als Risikogebiet mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von über 50. Die Zahl der besonders schwer betroffenen Kreise mit mehr als 250 Ansteckungen pro Woche und 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner im allerdings im Vergleich zur Vorwoche leicht gesunken. In diese Kategorie gehören nicht nur Städte wie Passau, Speyer und Berliner Bezirke wie Spandau oder Neukölln, sondern auch ländliche Regionen, wie die Landkreise Bautzen oder Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Eine weggeworfene Mundschutzmaske in Freiburg. Die Fallzahlen steigen, eine verschärfte Maskenpflicht ist vielerorts bei steigender 7-Tage-Inzidenz angeordnet. (dpa / Winfried Rothermel) (dpa / Winfried Rothermel)Corona-Szenarien für den Herbst
Die zweite Corona-Welle hat Deutschland erfasst, und mit ihr steigt auch die Zahl älterer Infizierter wieder an. Eine Modellierungsstudie prognostiziert dementsprechend einen deutlichen Anstieg der Todesfälle.

Bundesländer – Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner

Welche Sieben-Tage-Inzidenz hat welches Bundesland? Ein Überblick. (Stand 26. November 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Welche Sieben-Tage-Inzidenz hat welches Bundesland? Ein Überblick. (Stand 26. November 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Auch in den Bundesländern zeichnet sich ab, dass sich die Neuinfektionen stabilisieren. Doch die Zahlen bleiben weiterhin hoch und die Trends verlaufen sehr unterschiedlich. In Bremen, Hamburg und dem Saarland sinken die Werte deutlich. Sogar in Berlin verzeichnet inzwischen eine fallende Tendenz. Dagegen stiegen die Werte in den östlichen Bundesländern an, allerdings ausgehend von einem niedrigen Niveau. Hinter diesen Trends liegen unterschiedliche Ausgangsbedingungen aber wohl auch verschiedene Strategien im Umgang mit der Epidemie.

Die nach wie vor hohe Zahl der positiven Tests bringt die Gesundheitsämter an den Rand ihrer Kapazitäten – und darüber hinaus. Es gelingt immer weniger, die Infektionsketten nachzuverfolgen. Deshalb ist derzeit nur bei einem Fünftel der positiven Tests klar, wo sich die Menschen angesteckt haben.

Die Infektionsorte haben sich im Laufe der Epidemie verschoben: Im Frühjahr waren Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen entscheidend. Im Sommer ging das Infektionsgeschehen generell zurück, die Ausbrüche fanden vor allem in Betrieben, insbesondere der fleischverarbeitenden Industrie statt – Stichwort Tönnies. Im Herbst hat sich das Ausbruchsgeschehen in den privaten Bereich verlagert, zu Familienfesten, Hochzeiten und Partys. Beim geselligen Zusammensein unter Bekannten werden die AHA-Regeln offenbar weniger beachtet. Besorgniserregend ist, dass die Zahl der Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen seit Mitte September kontinuierlich steigt. Die Epidemie erreicht die Risikogruppen.

Dass in der Statistik der öffentliche Nahverkehr oder Restaurants oder Hotels kaum auftauchen, heißt nicht, dass sie keine Rolle spielen. Wie gesagt, bei vier Fünftel der Ansteckungen ist unklar, wo die Infektion stattgefunden hat. Wegen dieser Unsicherheit und den vielen eher kleinen diffus verteilten Ausbrüchen ist es schwer, dem Trend gezielt gegenzusteuern. Entscheidend bleibt die Prävention. Die Politik versucht über den verschärften Teil-Lockdown die Zahl der Kontakte zu senken. Aber auch jede und jeder Einzelne sollte an der AHA+L-Regel festhalten: Alltagsmaske, Hygiene, Abstand – und in Innenräumen viel lüften.

Die Reproduktionszahl R

Die Entwicklung der Reproduktionszahl

Die Reproduktionszahl R gibt an, wie viele weitere Personen eine Infizierte oder ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Liegt sie über eins, breitet sich eine Epidemie weiter aus. R lässt sich nur mit komplexen Modellen abschätzen und schwankt deshalb stark. Das Robert Koch-Institut gibt einen Durchschnitt über vier (sensitiv) oder über sieben (geglättet) Tage an. Die Prognose ist mit gewissen Unsicherheiten behaftet, zum Beispiel dem Meldeverzug. Daher gleicht das Robert Koch-Institut den Wert nach einigen Tagen nach oben oder unten nachträglich an, wenn genauere Meldezahlen vorliegen.

Für SARS-CoV-2 lag die Reproduktionszahl anfangs ungefähr bei drei. Dank der Ausgangsbeschränkungen und der anderen Gegenmaßnahmen ist R im März auf Werte unter eins gesunken – das Virus wurde langsam zurückgedrängt. Anfang Juni stieg R aufgrund der Lockerungen leicht. Auch der Ausbruch Mitte Juni bei Tönnies zeichnet sich deutlich ab. Seit September liegt der R-Wert im Mittel über eins – die COVID-19-Epidemie breitete sich weiter aus. In den vergangenen Tagen ist der 7-Tage-R-Wert wieder unter eins gesunken. Das ist positiv. Allerdings verändern sich die R-Werte durch Nachmeldungen und werden deshalb im Nachhinein meist noch nach oben korrigiert. Für eine echte Trendumkehr wäre es wichtig, den R-Wert dauerhaft deutlich unter eins zu bekommen.

Datengrundlage für 7-Tage-R-Wert

Die Reproduktionszahl wird berechnet, indem man die gemittelte Zahl der Infizierten zu einem bestimmten Zeitpunkt vergleicht mit der Zahl der Infizierten zu dem Zeitpunkt vier Tage früher. Beim 7-Tage-R-Wert verwendet man dabei für jeden Zeitpunkt die Mittelwerte aus sieben Tagen. Der Mittelwert des zweiten Zeitraums wird dann geteilt durch den Mittelwert des ersten Zeitraums, um den R-Wert zu erhalten.

Deutschland – Wachstum der aktiven Fälle

Neben den Neuinfektionen bietet auch die Zahl der aktiven Fälle einen Blick auf die Entwicklung der Pandemie in Deutschland. Die aktiven Fälle sind alle Personen, die sich angesteckt haben, aber noch nicht genesen, beziehungsweise zum sehr viel kleineren Teil verstorben sind. Sie bilden sozusagen den Brennstoff der Epidemie, denn sie können das neue Coronavirus weiterverbreiten.

Hier sind die prozentualen Veränderungen in den aktiven Fällen dargestellt. Liegt die Kurve über Null, wächst diese Gruppe weiter an, und befeuert die Ausbreitung des Virus. Das ist aktuell der Fall, wobei die Kurve inzwischen wieder nach unten weist. Aber erst, wenn sie unter Null sinkt, wäre das ein Zeichen für eine Trendumkehr, würde das Virus tatsächlich an Boden verlieren, weil es weniger Chancen zur Weiterverbreitung erhält. Wobei man nicht vergessen darf: In absoluten Zahlen ist die Gruppe der aktiven Fälle nach wie vor auf einem Höchststand.

Deutschland – Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner nach Altersgruppen

In der ersten Welle im Frühjahr wurden Menschen über 80 Jahren am häufigsten positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Auch weil damals vor allem beim Vorliegen von Symptomen getestet wurde. Dank der Ausweitung der Tests werden inzwischen auch milde Verläufe erfasst. Damit gerät das Infektionsgeschehen bei den 15- bis 34-Jährigen in den Blick. Mit dem Ende der Ferien kam es in dieser besonders aktiven Gruppe vermehrt zu Ansteckungen. Seit Anfang November gibt es bei den jüngeren ein leichtes Abflauen des Infektionsgeschehens. Leider haben sie das Virus aber auch an andere Altersgruppen weitergereicht. Inzwischen entfallen auf die Gruppe der über 60-Jährigen etwa 20 Prozent der Infektionen. Besonders steil ist der Anstieg bei den über 80-Jährigen, die ein erheblich höheres Risiko haben, schwer an einer SARS-CoV-2-Infektion zu erkranken. Aktuell liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Hochbetagten über der der 20-29-Jährigen. Das liegt auch an den wieder häufigen auftretenden Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen.

Deutschland – Betten in der Intensivmedizin

Bei älteren Menschen führt eine Infektion mit SARS-CoV-2 häufiger zum Auftreten schwerer Krankheitssymptome. Entsprechend werden mehr Menschen aufgrund einer SARS-CoV-2-Infektion in die Krankenhäuser eingewiesen. Durchschnittlich werden sie dort 14 Tage behandelt. Auch die Intensivstationen werden voller. Anfang September waren dort bundesweit nur rund 200 Betten mit COVID-19-Patienten belegt. Mittlerweile liegen auf den Intensivstationen über 3.700 COVID-19-Patientinnen und Patienten – deutlich mehr während der ersten Welle. Obwohl das Durchschnittsalter der Intensivpatienten zurzeit niedriger als im Frühjahr liegt, muss mehr als die Hälfte von ihnen intensiv beatmet werden. Beatmungspatienten bleiben durchschnittlich 25 Tage in der Klinik. Nach wie vor stirbt aber ein hoher Prozentsatz dieser Patientinnen und Patienten.

Die Gesamtzahl der verfügbaren Intensivbetten sinkt seit Oktober sichtbar ab. Das liegt vor allem daran, dass auch das medizinische Personal von SARS-CoV-2 betroffen sein kann. Entweder direkt über eine Infektion oder indirekt wegen Quarantäneauflagen oder weil Kinder betreut werden müssen, deren Kitas oder Schulen geschlossen haben. Parallel steigt die Zahl der COVID-19-Erkrankungen und wird noch einige Zeit weiter steigen. Derzeit sind noch rund 5.800 freie Intensivbetten verfügbar, doch ihre Zahl nimmt kontinuierlich ab.

In einigen Krankenhäusern ist aber absehbar, dass die Kapazitäten nicht ausreichen werden. Ob sich das über die Betten der Notfallreserve ausgleichen lässt, ist unklar. Sie verfügen zwar über die notwendige technische Ausstattung, der Engpass liegt aber beim gut ausgebildeten Personal für die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Viele Kliniken denken deshalb bereits über das Verschieben nicht notwendiger Operationen nach, um auf einen Anstieg bei COVID-19-Intensivpatienten vorbereitet zu sein. Außerdem gibt es das "Kleeblatt-Prinzip", das im Notfall eine Verteilung von schwer Erkrankten auch über die Grenzen von Bundesländern hinweg ermöglicht. 

Deutschland – Todesfälle pro Tag

Der wichtigste Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Erkrankung ist das Alter. Nach den Zahlen des Robert Koch-Instituts waren in Deutschland 85 Prozent der COVID-19-Toten älter als 70 Jahre. Dabei beträgt der Anteil dieser Altersgruppe an allen COVID-19-Fällen nur 12 Prozent. Seit Ende Oktober weisen die Zahlen der Todesfälle eine deutliche Tendenz nach oben auf. Der Wochendurchschnitt hat sich innerhalb von sieben Tage um knapp ein Drittel erhöht, wobei sie von Tag zu Tag stark schwanken. Noch liegen die absoluten Sterbezahlen etwas niedriger als während der ersten Welle – aber es dürfte nur noch eine Frage von Tagen sein, bis das Maximum von damals überschritten wird. Denn es ist fast unvermeidlich, dass sich die erhöhte Zahl der Neuinfektionen mit Zeitverzug auch auf die Todeszahlen auswirken wird.

Trotzdem gibt es auch eine positive Nachricht: Laut einer aktuellen Auswertung deutscher Daten sinkt die Sterblichkeit auch unter den sehr alten COVID-19-Patientinnen und -Patienten im Krankenhaus im Vergleich zum Beginn der Pandemie. Vielleicht zeichnet sich hier schon der Einfluss von Medikamenten wie Dexamethason und vor allem der zunehmenden Erfahrung des medizinischen Personals ab.

Die Ausbreitung des Coronavirus im internationalen Vergleich

Weltweit sind inzwischen über 60 Millionen Infektionen mit SARS-CoV-2 dokumentiert. Aber die Weltgesundheitsorganisation berichtet, dass sich der Anstieg verlangsamt, in der vergangenen Woche haben sich mit etwa vier Millionen vergleichbar viele Menschen angesteckt, wie in der Woche davor. Leider steigen die Sterbezahlen weiter. 67.000 Menschen sind in der vergangenen Woche mit COVID-19 gestorben. Die Gesamtzahl der Toten in der Pandemie beträgt weit über 1,4 Millionen. Das sind allerdings nur die offiziellen Zahlen, tatsächlich dürften deutlich mehr Menschen dem neuen Coronavirus zum Opfer gefallen sein.

Erfreulicherweise sinkt die Zahl der Infektionen in Europa langsam wieder ab. Trotzdem ist der Kontinent für fast die Hälfte der neuen Fälle und vor allem der Todesfälle verantwortlich. In den USA ist SARS-CoV-2 dagegen weiter auf dem Vormarsch.

Kontinentalvergleich – Neuinfektionen international in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner

Vergleicht man die Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen bezogen auf die Bevölkerungsgröße, dann scheint sich die Pandemie fast nur noch in Europa und Nordamerika abzuspielen. Aber auch in Südamerika weisen die Kurven nach Wochen des Abfallens wieder leicht nach oben. Gemeinsam verzeichnen diese drei Kontinente etwa 80 Prozent der Neuinfektionen und ebenso der Todesfälle. Der Rest der Welt scheint demgegenüber kaum noch eine Rolle zu spielen. Aber auch wenn Asien sinkende Fallzahlen verzeichnet, sind aufgrund der großen Bevölkerungszahlen auch dort viele Menschen von SARS-CoV-2 betroffen. Auf dem afrikanischen Kontinent steigen die Zahlen weiter auf niedrigem Niveau an. Auch Australien und Neuseeland berichten von rückläufigen Zahlen.

Auf der Ebene einzelner Nationen ist das Bild aber sehr heterogen. In der vergangenen Woche meldeten die USA, Indien, Brasilien, Italien und Russland die meisten neuen Fälle. Bezieht man die Infektionszahlen auf die Größe der Bevölkerung, ist aktuell Georgien am stärksten betroffen, gefolgt von Serbien, Montenegro und Luxemburg. Die traurige Statistik der Todesfälle pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern führen Lichtenstein, Slowenien, Bulgarien und Belgien an. Tschechien und die Schweiz konnten ihre Sterblichkeit dagegen senken.  

Europa – Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner

In Europa setzten sich die Trends der vergangenen Woche fort, sanken die Neuinfektionen weiter, auch wenn die Werte noch immer höher, als auf jedem anderen Kontinent liegen. Das ist wohl ein Erfolg der strengen Einschränkungen in vielen Ländern, wie etwa in Frankreich, Belgien, Italien, Großbritannien oder Polen. Viele andere Länder, darunter auch Deutschland sind dagegen noch lange nicht über dem Berg der zweiten Welle. Österreich hat einen Lockdown erlassen und auch im lange sehr liberalen Schweden gelten inzwischen Einschränkungen für das öffentlich Leben. Russland, Teil der WHO Region Europa, verzeichnet deutlich steigende Infektionszahlen. Das unabhängige Portal Mediazona hat ausgerechnet, dass zwischen März und Oktober 120.000 Menschen mehr gestorben sind, als im langjährigen Mittel. Diese deutliche Übersterblichkeit ist ein Hinweis darauf, dass die offiziellen Zahlen in Russland die Infektionen und Todesfälle nur zum Teil erfassen.

Europa – Todesfälle in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner

Der leichte Rückgang der Pandemie in Europa wird sich erst nach und nach auch in sinkenden Sterbezahlen widerspiegeln. In Wochenvergleich kam es zu zehn Prozent mehr Todesfällen in Zusammenhang mit COVID-19, das ist etwa die Hälfte der globalen Sterbefälle. Währen in Belgien und Tschechien die Zahl der Todesfälle bereits zurückgeht, steigt sie in Italien, Großbritannien und auch in Deutschland weiter an.

In einigen europäischen Regionen, insbesondere in Belgien, Tschechien und Großbritannien sind die Krankenhäuser überlastet. Auch Frankreich, die Niederlande und Polen berichten von Problemen. Generell hat eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ergeben, dass in Europa das Hautproblem der Gesundheitssysteme der Mangel an Pflegepersonal ist.

Ländervergleich – Neuinfektionen international in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner

Im Nahen Osten hatte Israel seine zweite Welle mit einem strengen Lockdown erfolgreich eingedämmt. Nach ersten Lockerungen steigen die Zahlen nun wieder leicht an, vor allem auch in den besetzen Palästinensergebieten einschließlich Ost-Jerusalem. Das Beispiel zeigt, wie schwer es ist, mühsam errungene Erfolge auch dauerhaft zu sichern. Die größten Probleme in der Region hat nach wie vor der Irak mit deutlich steigende Infektions- und auch Todeszahlen.

In vielen Ländern Asiens ist es gelungen, SARS-CoV-2 zurückzudrängen. Selbst in Indien fallen die Infektionszahlen seit Mitte September, und auch die Todesfälle gehen zurück. Trotzdem verzeichnet Indien aufgrund der Größe seiner Bevölkerung hinter den USA weltweit die zweitmeisten SARS-CoV-2-Fälle und liegt bei den Toten hinter den USA und Brasilien an dritter Stelle. Allerdings dürfte die Dunkelziffer erheblich sein. Entgegen dem Trend in Asien verzeichnen Indonesien und inzwischen auch das vielfach für seine vorbildliche Strategie gepriesene Japan sowie Südkorea wieder steigende Zahlen.

In Ozeanien bewährt sich das strikte Vorgehen in Neuseeland und Australien. Die beiden Länder konnten ihre Epidemien weitgehend zurückdrängen. Wenn es wie im Bundesstaat Süd-Australien doch zu einem Ausbruch mit nur 22 Infizierten kommt, wird gleich ein sechstägiger Lockdown erlassen.

Die Länder auf dem afrikanischen Kontinent konnten lange entgegen aller Prognosen SARS-CoV-2 zurückdrängen. Seit Oktober kommt es vermehrt zu Neuinfektionen. Das gilt insbesondere für Südafrika, Algerien und Kenia. Inzwischen steigt auch die Zahl der Todesfälle deutlich. In Afrika tötet SARS-CoV-2 zudem nicht nur direkt: Wegen der Pandemie sind viele Gesundheitsangebote wie Impfungen, Malarianetze, HIV- und TB-Medikamente nur eingeschränkt verfügbar. Auch der Hunger nimmt wieder zu und gefährdet vor allem Kinder.

Lateinamerika zeigt ein heterogenes Bild: Argentinien scheint auf einem guten Weg zu sein, dagegen steigen die Zahlen in Brasilien und Mexiko. Der Doppelkontinent der beiden Amerika wird aber von der Entwicklung in den USA geprägt. Dort wurden allein in der vergangenen Woche über 1,2 Millionen Neuinfektionen verzeichnet. Viele Städte verschärfen die Bestimmungen, in New York zum Beispiel wurden die Schulen wieder geschlossen. Zu Thanksgiving wird mit vielen Reisen und Feiern gerechnet. Der Feiertag könnte die Epidemie in den USA weiter anheizen. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen und der Todesfälle steigen schon in der vergangenen Woche um jeweils ein Drittel im Vergleich zur Vorwoche. Insgesamt sind in den USA über eine Viertelmillion Menschen in Zusammenhang mit SARS-CoV-2 gestorben. Allerdings liegt die Gesamtsterblichkeit auf die Bevölkerung bezogen in vielen europäischen Ländern deutlich höher.

Ländervergleich – Todesfälle international in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner

Die Zahl der Todesfälle innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner steigt aktuell nicht nur in den USA und beispielsweise im Iran an, sondern auch in Deutschland. Dagegen verzeichnen Länder wie Brasilien und Argentinien hier eine positive Entwicklung – bei ihnen lag die Sterblichkeitsrate in der Vergangenheit hoch. 

In den Statistiken geht immerhin der Wert für die Gesamtsterblichkeit an COVID-19 vielerorts langsam zurück. Dafür gibt es Gründe: So wurden weltweit die Tests ausgeweitet – deshalb werden auch mehr infizierte Personen ohne oder mit nur milden Symptomen entdeckt. Außerdem infizieren sich derzeit vor allem junge Menschen, die zwar auch an COVID-19 sterben können, aber doch erheblich seltener als die über 70-Jährigen. Diese statistischen Effekte werden begleitet von realen medizinischen Fortschritten. Erste Analysen zeigen, dass durch die zunehmende Erfahrung von Ärztinnen und Ärzten, vermutlich auch durch Medikamente wie Dexamethason, die Überlebenswahrscheinlichkeit selbst für die Patientengruppe über 80 gestiegen ist. Trotz dieses Trends bleibt SARS-CoV-2 ein tödliches Virus.

Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) haben die sogenannte Übersterblichkeit in den USA analysiert. Dabei vergleicht man die aktuellen Sterbezahlen mit dem langjährigen Mittel. Danach sind zwischen Januar und September rund 300.000 zusätzliche Todesfälle in den USA aufgetreten, also deutlich mehr, als die Zahl der offiziell registrierten COVID-19-Todesfälle. Das liegt zum Teil an "übersehenen" SARS-CoV-2-Infektionen, außerdem kam es auch zu einer erhöhten Sterblichkeit bei anderen Krankheiten. Viele Erkrankte trauten sich nicht in die Krankenhäuser – und die waren durch die Corona-Epidemie überlastet. Überraschend an der Analyse: Gerade bei den 25- bis 44-Jährigen lag die Übersterblichkeit hoch. Es ist also keineswegs so, dass COVID-19 ausschließlich eine Gefahr für die Älteren darstellt.

Wenn es eine Lehre aus der internationalen Entwicklung der Pandemie gibt, dann lautet sie: SARS-CoV-2 wird jede Chance nutzen, die eine Gesellschaft bietet.

Robert Koch-Institut (RKI) oder Johns-Hopkins-Universität (JHU)?

Ob man auf die Zahlen des RKI schaut oder auf die der JHU: Die Trends sind identisch, auch wenn sich die absoluten Werte ein wenig unterscheiden. Das liegt daran, dass beim RKI die offiziell gemeldeten Fälle verwendet werden. Es braucht einige Tage, bis Verdachtsfälle diagnostiziert und getestet sind, und die Information vom Gesundheitsamt vor Ort über das Bundesland nach Berlin gelangt.

Die JHU greift auf die Daten des RKI zu, ergänzt sie aber mit Modellen und weiteren Quellen (Veröffentlichungen der lokalen Behörden und der Weltgesundheitsorganisation sowie Berichte aus Medien/Internet).

Beide Datenquellen haben ihre Berechtigung. Beide hinken der tatsächlichen Situation hinterher. Vor allem im internationalen Vergleich muss man zudem von erheblichen Verzerrungen in der Abbildung des Geschehens ausgehen, die zum Teil strukturellen, zum Teil politischen Ursprungs sind.

(Redaktion: Andrea Kampmann, Christiane Knoll, Josh Moriarty, Charlotte Voß, Volkart Wildermuth, Anne Göbel)

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