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StartseiteForschung aktuellKann Deutschland vom britischen Infektionsgeschehen lernen?27.07.2021

CoronavirusKann Deutschland vom britischen Infektionsgeschehen lernen?

In Großbritannien stiegen die Corona-Inzidenzen durch die Delta-Variante auf über 500 – und sanken dann wieder leicht. Die Konsequenzen in den Krankenhäusern waren nicht so dramatisch wie bei den vorherigen Infektionswellen. Welche Prognosen lassen sich daraus für Deutschland ableiten?

Von Volkhart Wildermuth

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Nach den inzidenzbedingten Lockerungen und Wiedereröffnung der Geschäfte herrscht in der Einkaufsstraße und Fußgängerzone Zeil in der Innenstadt von Frankfurt wieder reger Andrang von Passanten (imago/Ralph Peters)
Laut Experten werden die Impfquote und das Verhalten der Menschen entscheidend sein für das Infektionsgeschehen in Deutschland (imago/Ralph Peters)
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Coronavirus Aktuelle Zahlen und Entwicklungen

Aktuell sinken die Infektions-Zahlen in Großbritannien weiter. Am Kölner Science Media Center sprachen am 27. Juli drei Wissenschaftler über die Schlüsse, die sie aus den vierten Wellen in Großbritannien und in den Niederlanden ziehen können.

Was zeigen die sinkenden Zahlen in Großbritannien?

Die Experten beim Science Media Center gehen eher von einem vorübergehenden Effekt aus. In England kann man im Vergleich der Wellen sehen, dass die Delta-Variante zu einem deutlich steileren Anstieg führt. In Deutschland bewegen sich die Zahlen zwar auch nach oben, aber noch auf sehr niedrigem Niveau.

Vergleicht man aber die Erfahrungen in verschiedenen Ländern, zum Beispiel auch die steigenden Zahlen in Solingen, wo eine Siegesfeier von mehreren Hundert Italienfans die Inzidenz nach oben schnellen ließ, dann wird deutlich, dass Ereignisse wie die Fußball-EM, Feiern und Partys für Ausbrüche und die Verbreitung des Virus sorgen. Eine Entwarnung gibt es von den Experten nicht. Nach dem Ende des Sommers rechnen sie alle wieder mit mehr Ansteckungen.

Wie hoch ist die Zahl der schweren Verläufe im Vergleich zur Inzidenz?

In England sieht man, wenn die Inzidenzen steigen, dann steigen später auch die Krankenhauseinweisungen und die Todesfälle. Aber im Vergleich zu den vorigen Wellen ist die Zahl der schweren Verläufe und Todesfälle geringer - und soll laut Prognosen auch in der nächsten Zeit geringer bleiben als bei den bisherigen Wellen. Die hohe Anzahl Geimpfter unter älteren Britinnen und Briten könnte dafür der Grund sein. Reinhard Busse von der TU-Berlin hat das durchgerechnet, die Folgen sind demnach um den Faktor drei oder vier geringer. Die britische Regierung Johnson geht auf dem Höhepunkt von 100 und 200 Toten pro Tag aus. Das ist zwar viel weniger als bei den vorigen Wellen, aber deutlich mehr als etwa die Verkehrstoten.


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Welche Schlüsse können andere Länder aus den britischen Zahlen ziehen?

Wie man damit umgeht, muss jedes Land entscheiden. Weil die Inzidenzen weniger drastische Folgen haben, will sich etwa die Schweiz künftig an den Krankenhauseinweisungen orientieren, hat Christian Althaus von der Universität Bern erklärt. Wenn die halb so hoch sind wie in den vorigen Wellen, wird reagiert, vorher nicht. Auf Deutschland bezogen wären das etwa 1.200 Einweisungen pro Tag, am 27. Juli waren es nach Angaben des Robert-Koch-Institut 209. 

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Wie schlimm wird die vierte Welle für Deutschland?

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat mehrere Szenarien durchgerechnet und geht davon aus, dass die Infektionszahlen ab Oktober deutlich steigen werden und die vierte Welle um den Jahreswechsel den Höhepunkt erreicht. Welche Konsequenzen das hat, hängt von zwei Faktoren ab: der Impfquote und dem Verhalten der Menschen. Was die Impfungen betrifft, wird im Herbst der Großteil der alten Menschen geschützt sein. Nach Ansicht der Experten reicht es aber nicht, wenn nur die älteren Menschen durchgeimpft sind. Entscheidend ist aus ihrer Sicht die Impfquote bei den 12- bis 60-Jährigen. Um bei ihnen eine Impfquote von mindestens 75 Prozent zu erreichen, darf das aktuelle Impftempo nicht sinken. Nach Berechnungen von Andreas Schuppert von der RWTH Aachen wird sonst etwa die Hälfte der künftigen Covid-Intensivpatienten unter 60 Jahre alt sein.

Die Impfungen sind aber nur ein Faktor, um weitere schwere Infektionen zu verhindern. Einen noch größeren Einfluss hat das Verhalten. Wenn sich alle auch bei steigenden Zahlen weiter ohne Maske in Innenräumen treffen, dann sind Inzidenzen über 400 zu erwarten mit ungefähr so vielen Intensivpatienten wie in der vergangenen Welle. Wenn sich die Menschen aber vorsichtiger verhalten, dann steigt die Inzidenz in den Modellrechnungen der Experten nur in den Bereich von 150 und die Intensivbetten wären deutlich weniger belastet.

Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen der TU Berlin, geht nicht davon aus, dass das Gesundheitssystem im Winter 2021 wieder an die Grenzen kommt. Aber er verweist auf andere unkalkulierbare Folgen: etwa Long Covid, das auch junge Menschen trifft. Deshalb ist nach seiner Ansicht jede verhinderte Infektion wichtig. 

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An welchen Werten – außer der Inzidenz - kann sich die Politik orientieren?

Die Inzidenz ist unverzichtbar, weil sie die Entwicklung der Pandemie am schnellsten abbildet. Dann der R-Wert für die Tendenz. Die Impfquote für den Schutz der Bevölkerung und die Belegung der Krankenhäuser als Maß für die Belastung des medizinischen Systems. Leider sind die Zahlen für die Belegung der Krankenhäuser in Deutschland noch nicht so aussagekräftig wie etwa in der Schweiz. Dort gehen die Meldungen aus den Klinken nur etwa zwei Tage nach den Meldungen zu Testergebnissen ein, wie Christian Althaus vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern berichtet.

In Deutschland war es bisher schwieriger, Zahlen für die Belegung der Krankenhäuser zu erheben. Das berichten die Experten Schuppert und Busse. Grund dafür ist, dass bislang nur die Intensivstationen ihre Zahlen an das RKI melden mussten. Aus den Krankenhäusern allgemein gab es zwar Zahlen, aber nicht verpflichtend und damit nicht verlässlich. Seit dem 13.7.2021 ist das aufgrund einer Verordnung von Gesundheitsminister Jens Spahn anders. Die Kliniken sollen umfangreiche Daten mitteilen, unter anderem auch das Datum der Entlassung. Allerdings ist noch unklar, wie schnell die Daten eintreffen werden: Wenn der komplette Datensatz erst am Ende übermittelt wird, wäre das aber ein erheblicher Verzug. Das Robert-Koch-Institut arbeitet gerade an einer neuen Formel für die Schwere der Pandemie.

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