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CoronavirusKommt die zweite Welle?

Eine junge Frau mit Schutzmaske steht am Fenster in einem Zimmer und blickt hinaus. (imago / Sven Simon)
Vor einem halben Jahr wurde in Deutschland der erste Coronafall gemeldet. (imago / Sven Simon)

Nach dem erneuten Anstieg der Fallzahlen in mehreren Ländern und lokalen Corona-Ausbrüchen auch in Deutschland haben etliche Menschen Sorge vor einer sogenannten "zweiten Welle". Sind diese Sorgen begründet? Steigt die Gefahr durch die Urlaubssaison? Und was heißt "zweite Welle" überhaupt? Darüber herrscht unter Expertinnen und Experten keine Einigkeit.

Was sagen Experten in Deutschland?

Angesichts steigender Corona-Infektionszahlen in Deutschland hat das Robert-Koch-Institut vor der Gefahr einer zweiten Infektionswelle gewarnt und die Bevölkerung zur Einhaltung der Hygieneregeln aufgerufen. Man sei mitten in einer sich rasant entwickelnden Pandemie, sagte RKI-Präsident Wieler. Obwohl man die Entwicklung lange im Griff gehabt habe, gehe der Trend deutschlandweit nun nach oben. Er wisse nicht, ob dies der Beginn einer zweiten Welle in Deutschland sei, es könne aber sein.

Zuletzt war die Zahl der neu übermittelten Corona-Fälle in Deutschland mit teilweise mehr als 800 an einzelnen Tagen deutlich höher als in den Vorwochen. Mehr als 60 Prozent der neuen Fälle seien auf Anstiege in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zurückzuführen. Hinzu kämen Fälle unter Reiserückkehrern, hieß es.

Aus Sicht des sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer (CDU) hat eine zweite Corona-Infektionswelle in Deutschland bereits begonnen. "Wir haben jeden Tag neue Infektionsherde, aus denen sehr hohe Zahlen werden könnten", sagte Kretschmer unlängst der "Rheinischen Post". Die Aufgabe bestehe darin, mit den Gesundheitsämtern diese Welle jeden Tag neu zu brechen.

Wird Mallorca das zweite Ischgl?

Anlass zur Sorge bereiten unter anderem Meldungen über die Nicht-Einhaltung von Corona-Beschränkungen in Urlaubsregionen wie auf Mallorca. Man müsse aufpassen, dass der Ballermann nicht zum zweiten Ischgl werde, sagte etwa Bundesgesundheitsminister Spahn. Wo miteinander gefeiert werde, sei das Infektionsrisiko mit dem Coronavirus besonders hoch. Wenn die Urlauber dann die Rückreise anträten, bestehe im Flieger und zu Hause ein Ansteckungsrisiko. Auch andere beliebte Urlaubsländer hatten einen erneuten Anstieg der Fallzahlen vermeldet, darunter Frankreich, Österreich und die Niederlande.

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern hatten deswegen freiwillige Tests für alle Rückkehrer aus dem Ausland beschlossen, die für die Reisenden kostenfrei sein sollen. Darüber hinaus hat Spahn für Rückkehrer aus internationalen Risikogebieten eine Testpflicht angekündigt.

Unabhängig von der Urlaubssaison hatte der Virologe Christian Drosten bereits Ende Juni in seinem NDR-Podcast davor gewarnt, dass Sars-CoV-2 wiederkomme. Dafür gebe es in mehreren Orten, unter anderem in Berlin, eindeutige Anzeichen. Drosten sagte wörtlich: "In zwei Monaten, denke ich, werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten."

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck, Verfasser der Heinsberg-Studie, vermeidet die Bezeichnung "zweite Welle". Es handele sich vielmehr um eine kontinuierliche Welle, eine "Dauerwelle, die immer wieder hoch- und runtergeht", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung".

Was sagt die WHO?

Auch die Weltgesundheitsorganisation sieht bislang davon ab, von einer "zweiten Welle" zu sprechen. Allerdings rechnet die WHO damit, dass das Risiko neuer Infektionen nach dem Ende der Sommerurlaubszeit wieder ansteigt. Bei sinkenden Temperaturen würden sich die Menschen dann wieder mehr in geschlossenen Räumen aufhalten, wo sich das Virus stärker verbreite.

In einer Zwischenbilanz ein halbes Jahr nach Ausbruch der Pandemie wies WHO-Generaldirektor Tedros darauf hin, dass sich die Pandemie weiterhin beschleunige. Allerdings hatte die WHO schon früher angemerkt, dass ein Anstieg der globalen Fallzahlen erst die zweite Spitze der ersten Corona-Welle sei. Länder müssten immer wieder mit dem Aufflackern von Covid-19 rechnen. Weltweit haben sich laut WHO bislang über 16 Millionen Menschen mit dem Corona-Virus infiziert (Stand 29.07.2020).

Die EU-Kommission setzt zur Abwehr einer zweiten Corona-Infektionswelle auf das Vernetzen der Warn-Apps verschiedener Länder, ein frühzeitiges Bekämpfen lokaler Hotspots und eine bessere Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. EU-Kommissionsvize Schinas sagte in Brüssel, es gehe darum, erneute flächendeckende Lockdowns zu verhindern und die wirtschaftliche Erholung sowie die Bevölkerung zu schützen.

Was bedeutet "zweite Welle" überhaupt?


Dlf-Autor Volkart Wildermuth hat in der Sendung "Sprechstunde" versucht, die Frage "Kommt eine zweite Welle?" zu beantworten und das Für und Wider gegeneinander abgewogen. Er wies unter anderem darauf hin, dass es sich bei dem Begriff "zweite Welle" keineswegs um einen wissenschaftlich exakt definierten Begriff handele. Für den einen sei jeder Neuanstieg der Fallzahlen eine zweite Welle. Andere würden erst davon sprechen, wenn es zu einer Überforderung der Gesundheitssysteme komme.

Wildermuth erinnerte außerdem daran, woher die Überlegung stammt: Auch die spanische Grippe hatte im Frühjahr 1918 zu zahlreichen Todesfällen geführt und verschwand dann scheinbar. Im darauffolgenden Herbst brach die Grippe erneut aus - und forderte nochmal deutlich mehr Todesopfer als während der ersten Infektionswelle.

Woher kommen die Sorgen?

In einigen Ländern, in denen das Corona-Virus eigentlich als eingedämmt galt, sind die Fallzahlen zwischenzeitlich wieder angestiegen - wenn auch häufig lokal begrenzt und in unterschiedlichem Ausmaß.

In Südkorea zum Beispiel galt das Coronavirus als unter Kontrolle. Ende Juni stiegen die Fallzahlen dann aber so stark, dass die Regierung in Seoul von einer möglichen "zweiten Welle" sprach. Vor Journalisten sagte ein Sprecher des südkoreanischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention, man glaube, dass mit den Ferien im Mai das Coronavirus begonnen habe, sich erneut auszubreiten.

Im Iran, einem der ersten Hotspots weltweit, geht die Zahl der Ansteckungen ebenso kontinuierlich nach oben. Krankenhäuser befürchten einen Mangel an Betten und medizinischem Personal. Die seit Anfang Juni um sich greifende zweite Welle sei weitaus schwerer als die erste, sagt ein Vertreter des iranischen Coronavirus-Krisenstabs.

Auch in Israel geht man von einer zweiten Welle aus. Die Infektionszahlen sind so stark gestiegen, dass die Corona-Einschränkungen wieder verschärft wurden. Mittlerweile steht das Krisenmanagement der Regierung in der Kritik.

In den USA konnten einige Bundesstaaten vor allem an der Ostküste die Fallzahlen zwischenzeitlich reduzieren. Im Gegenzug stiegen sie in anderen Bundesstaaten kräftig an. Anfang Juli hat es dann im gesamten Land die bislang meisten nachgewiesenen Neuinfektionen mit dem Coronavirus innerhalb eines Tages gegeben - seitdem halten die hohen Werte weiter an.

Und auch in mehreren europäischen Ländern sind die Fallzahlen wieder gestiegen - allerdings vor allem örtlich begrenzt. In Spanien zum Beispiel betrifft das die Regionen Katalonien, Aragón und Navarra. In Frankreich haben die Corona-Infektionen zuletzt vor allem in der Bretagne zugenommen. In Österreich ist der Urlaubsort St. Wolfgang am stärksten betroffen.

Und für Großbritannien warnen 37 renommierte Wissenschaftler vor einer zweiten Coronavirus-Welle mit bis zu 120.000 Toten als "Worst-Case-Szenario". Demnach könnte der Höhepunkt im kommenden Januar und Februar erreicht werden. Die Forschenden warnen, ein zweiter Corona-Ausbruch zwischen kommendem September und Juni 2021 könne durch ein Zusammentreffen mit der Grippewelle deutlich schlimmer ausfallen als der erste.

Und wie sieht es hierzulande aus?

Auch in Deutschland werden bislang vor allem lokale Corona-Ausbrüche verzeichnet, unter anderem in dem Schlachtbetrieb Tönnies im Kreis Gütersloh oder auf einem Gemüsebauernhof in Niederbayern. Die für eine Ausbreitung so entscheidende sogenannte Reproduktionszahl lag zwischenzeitlich bei über 2,8. Internationale Medien wie etwa die US-Zeitung "Politico" spekulierten bereits: "Is Gütersloh where Europe’s battle to prevent a second coronavirus wave starts?" ("Beginnt in Gütersloh Europas Kampf um die Verhinderung einer zweite Coronavirus-Welle?"). Inzwischen liegt der R-Wert wieder bei knapp über 1.

In der Bevölkerung ist die Furcht vor einer zweiten Corona-Infektionswelle nach wie vor verbreitet. Die Hälfte der befragten Deutschen sorgt sich laut ARD-"Deutschlandtrend" davor, dass die Zahl der Infektionen in den kommenden Wochen wieder deutlich steigt. Bei 13 Prozent der Menschen ist diese Sorge demnach sehr groß, bei 37 Prozent groß.

(Stand 29.07.2020)

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