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StartseiteInterviewLauterbach: "Vorsicht mit dem Grippevergleich"03.02.2020

CoronavirusLauterbach: "Vorsicht mit dem Grippevergleich"

Das Coronavirus ist nach Einschätzung des Mediziners und SPD-Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach für Betroffene doch gefährlicher als die Grippe. Die Wahrscheinlichkeit zu sterben oder schwer zu erkranken sei größer, sagte Lauterbach im Dlf. Dafür sei das Virus nicht so ansteckend wie befürchtet.

Karl Lauterbach im Gespräch mit Mario Dobovisek

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Deutschland, Berlin, 06.12.2019: SPD-Bundesparteitag, Karl Lauterbach, MdB (www.imago-images.de /Rüdiger Wölk)
Karl Lauterbach (SPD): "Für den Einzelnen ist die Wahrscheinlichkeit, dass man verstirbt oder schwer erkrankt, noch größer als bei der Grippe" (www.imago-images.de /Rüdiger Wölk)
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Zum Ausbruch des Corona-Virus äußert sich Karl Lauterbach, Gesundheitspolitiker der SPD im Bundestag. Er hat Medizin studiert, ist Professor für Gesundheitsökonomie und Epidemiologie.

Mario Dobovisek: Welchen Eindruck haben Sie vom Umgang mit dem Corona-Virus in Bayern und jetzt auch in der Südpfalz? Funktionieren die Maßnahmen zur Eindämmung?

Karl Lauterbach: Bisher, glaube ich, sind in Deutschland keine Fehler gemacht worden, muss man offen eingestehen. Von dem, was wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt, ist das die richtige Maßnahme, und es hat sich ja jetzt gezeigt, dass die Isolierung der evakuierten Patienten richtig gewesen ist. Die Vorsichtsmaßnahme war richtig. Die zwei Fälle, die wir jetzt kennen, bestätigen, dass das notwendig gewesen ist. Und ich glaube, dass auch in Bayern der Umgang mit dem Unternehmen, die Initiative des Unternehmens selbst, was betroffen ist, auch die Art und Weise, wie die Patienten dann behandelt worden sind, zeigt, dass wir bisher ganz gut vorbereitet sind. Zumindest sind zum jetzigen Zeitpunkt aus meiner Sicht zumindest keine größeren Fehler erkennbar.

Konzeptionelle Darstellung einer Virusinfektion der Lunge mit einem Mers Coronavirus  (imago / Science Photo Library) (imago / Science Photo Library) Wie gefährlich ist das neuartige Coronavirus?
Die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten in China ist weiter angestiegen. In Deutschland wurden mehrere Fälle bestätigt. Die Weltgesundheitsorganisation rief den "internationalen Gesundheitsnotstand" aus.

Dobovisek: Den Höhepunkt des Corona-Ausbruchs haben wir offensichtlich noch nicht erreicht. Die Zahl der Neuinfektionen wird jeden Tag größer, vor allem in China, trotz der drastischen Maßnahmen dort. Wundert Sie das?

Lauterbach: Eigentlich nicht, muss man sagen. Wir haben zwei Nachrichten bekommen in den letzten Wochen. Die eine ist gut, die andere ist nicht so gut. Die gute Nachricht ist zunächst einmal, um damit anzufangen, dass das Virus nicht so tödlich verläuft, wie es hätte sein können. Es ist zwar gefährlicher, wenn man betroffen ist, als die Grippe. Da muss man vorsichtig sein mit dem Grippe-Vergleich.

Dobovisek: Was meinen Sie damit, gefährlicher?

Lauterbach: Für den Einzelnen, der betroffen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man verstirbt oder schwer erkrankt, noch größer als bei der Grippe.

"Es gab keine wirkliche Annahme"

Dobovisek: Ist das Virus am Ende doch aggressiver und gefährlicher, als wir zunächst angenommen hatten?

Lauterbach: In der Hinsicht - - Es gab ja am Anfang keine Annahme. Es gab keine wirkliche Annahme. Es gab eine breite Fläche, wenn man so will, der Annahmen. So ein Virus wird charakterisiert in zweierlei Hinsicht in der Regel, wie gefährlich es ist, wenn man es hat, und wie wahrscheinlich es ist, dass man es bekommt. Die schlechte Nachricht war, dass es doch etwas gefährlicher ist, wenn man es hat, aber nicht so gefährlich. Die gute Nachricht ist, es ist nicht ganz so ansteckend, wie wir befürchtet hatten. Somit liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen und bis zum jetzigen Zeitpunkt musste man davon ausgehen, bei der Ansteckung, die wir jetzt sehen, werden in China sich noch mehr Leute anstecken, weil man dort so eng aufeinander lebt, weil man sich so lange auch begegnet ist, ohne dass man genau wusste, und weil man sich anstecken kann, bevor man Symptome hat. Somit sind die Zahlen hoch, aber nicht wirklich überraschend hoch.

Dobovisek: Trotzdem, haben Sie gerade gesagt, rechnen Sie in Deutschland nicht damit, dass es viel schlimmer wird. Können Sie aber nachvollziehen, dass Menschen Angst vor dem Neuen, vor dem Unbekannten und zugleich Unsichtbaren haben, vor dem Virus?

Lauterbach: Natürlich. Das ist bestens nachvollziehbar. Daher müssen wir ja auch aufklären, wir Politiker, wir Ärzte. Wir müssen sagen, was ist jetzt gefährlich, aber nicht außer Kontrolle. Wir verstehen das auch ganz gut, worum es sich handelt. Wir müssen Verschwörungstheorien entgegenwirken. Es ist eine Lage, die wir zum jetzigen Zeitpunkt unter Kontrolle haben, die nicht schön ist, aber das ist in den Griff zu bekommen und wir müssen aus dieser Seuche wieder lernen, wie übrigens auch mit den Sars- und anderen Seuchen in der Vergangenheit geschehen. Es zeigt sich, in der Vergangenheit hat man größere Fehler gemacht, und aus denen hat man eine Menge gelernt, in China wie auch hier.

"Verborgener Rassismus mit am Werk"

Dobovisek: Jetzt berichten Betreiber von Asia-Supermärkten und Imbissen in Deutschland von unschönen Szenen, von Ausgrenzung, die sie erleben, nach dem Motto, der Chinamann hat bestimmt das Virus. Was macht diese Angst da gerade mit unserer Gesellschaft?

Lauterbach: Das ist sehr bedauernswert, dass es zu diesen Zwischenfällen kommt. Da ist auch manchmal, muss man sagen, ein verborgener Rassismus sicherlich mit am Werk. Das wird jetzt erst einmal tatsächlich verunsichern. Auf der anderen Seite wird es auch eine Gegenbewegung geben. Das ist ja jetzt auch schon zu sehen. Es gibt auch Menschen, die das ganz gezielt nicht tun oder die das auch kritisieren. Traurig ist es, aber nichts desto trotz: Wir können einfach nur appellieren. Es gibt derzeit erstens keine asiatische Seuche, sondern im Wesentlichen ist das ein Ausbruch aus China. Zum Zweiten: Die allermeisten Menschen, die hier leben und aus China kommen, sind nie gefährdet gewesen, sind nicht erkrankt und dürfen nicht diskriminiert werden. Wir müssen darauf achten, dass das jetzt nicht politisch missbraucht wird. Das ist sehr gefährlich. Wenn es politisch missbraucht wird, was ja derzeit im Netz schon passiert, dann nehmen wir größeren Schaden durch diesen Missbrauch als durch die Erkrankung selbst.

Dobovisek: Die Weltgesundheitsorganisation hat vergangene Woche die sogenannte "Gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite" erklärt. Das ist ein sehr seltener Schritt, den die WHO da gegangen ist. Wie müssen Politiker, Mediziner und Wissenschaftler weltweit jetzt zusammenarbeiten?

Lauterbach: Man muss sich zunächst immer gut informieren, was ist Sache. Als Politiker wird man ja gefragt und dann muss man sich auskennen. Daher müssen Politiker weltweit jetzt ungefähr wissen, worum handelt es sich, um selbst Verschwörungstheorien oder solchem entgegenzuwirken, um auch die richtigen Maßnahmen treffen zu können. - Zum zweiten: Ganz wichtig ist, dass wir uns international abstimmen, über Ländergrenzen hinaus.

Misstrauen gegen Zahlen aus China

Dobovisek: Reichen da die internationalen Strukturen für einen effizienten Austausch auf allen Ebenen aus?

Lauterbach: Die Strukturen sind schon gut, muss man sagen. Die Gruppe der Epidemiologen, der Wissenschaftler in dem Bereich, die zusammenarbeiten, ist gewachsen. Die sozialen Medien helfen hier auch, muss man sagen, weil wir Wissenschaftler, aber auch wir Politiker können uns über bestimmte Medien sehr viel schneller austauschen. Es gibt auch eine ganz gute Transparenz. Was nach wie vor unklar ist, ist, wie sehr wir uns auf die Zahlen verlassen können in China selbst. Das liegt aber wahrscheinlich mehr an einem allgemeinen Misstrauen, als dass wir einen konkreten Verdacht hier haben könnten. Das muss man mit Vorsicht verfolgen und man muss daher die Vorsichtsmaßnahmen so treffen, dass diese Unsicherheit eingepreist ist. Aber im Großen und Ganzen brauchen wir keine Strukturdebatte, sondern die Kombination zum Beispiel WHO, aber auch die einzelnen Gesundheitsbehörden und die EU, das ist schon einigermaßen ausreichend für die Art der Zusammenarbeit, die wir jetzt kurzfristig brauchen. Auswerten, ob es noch etwas Zusätzliches braucht, müssen wir danach. Das kann jetzt nicht mehr geschaffen werden.

Dobovisek: Und der Tipp zum Schluss, Herr Lauterbach, den Sie als Mediziner wahrscheinlich unterschreiben können: Immer gründlich Hände waschen und Abstand zu all jenen halten, die husten oder niesen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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