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StartseiteKommentare und Themen der WocheGegenmittel Lockdown möglichst unverdünnt22.02.2021

Coronavirus-MutationenGegenmittel Lockdown möglichst unverdünnt

Die Mutation B 1.1.7. ist deutlich ansteckender als das ursprüngliche Corona-Virus. Werde jetzt gelockert, erlebe Deutschland, was die Briten durchmachen mussten: den Verlust jeglicher Kontrolle in der Pandemie, kommentiert Christine Heuer. Das Gegenmittel sei möglichst unverdünnt zu verabreichen.

Von Christine Heuer

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Blick am Sonnabend 06.02.2021 in Waren Müritz Landkreis Mecklenburgische Seenplatte vor einer Bäckerei die auch Außengastronomie anbietet auf zusammengestellte Tische und Stühle. (imago / Bildfunk MV)
Seit Monaten ist alles geschlossen, Menschen warten sehnsüchtig auf Lockerungen - Christine Heuer hält das für verfrüht (imago / Bildfunk MV)
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Die Briten sind einen schweren Weg gegangen. Schwerer und opferreicher als jedes andere Land in Europa. Sie haben Fehler gemacht, die die Deutschen vermieden haben. Aber sie haben daraus gelernt. Umgekehrt können wir jetzt von den Briten lernen. Denn was in Deutschland gerade erst beginnt - die Ausbreitung gefährlicher Corona-Mutationen - das haben sie auf der Insel schon hinter sich. Der Winter im Königreich ist wohl eine Vorschau auf den deutschen Sommer. Es kann sehr schlimm werden. Wie schlimm, das liegt an uns.

Steigende Temperaturen werden uns nicht helfen

B 1.1.7. ist deutlich ansteckender als das ursprüngliche Corona-Virus. Die Wissenschaftler in Großbritannien kamen ihm auf die Spur, als sie genau das beobachteten, was gerade in Deutschland beobachtet wird: Die Infektionszahlen stagnierten zuerst, dann stiegen sie exponentiell an, obwohl das Land runtergefahren war. Auf dem Höhepunkt wurden in England 68.000 neue Infektionen an nur einem Tag gezählt. Wenig später starben, auch an einem Tag, mehr als 1.800 Menschen an COVID. Die Krankenhäuser waren am Anschlag.

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Nun kann man zu Recht sagen, dass das englische Gesundheitssystem nicht so gut gerüstet ist wie das deutsche. Womit man aber nicht rechnen sollte, ist, dass es in Deutschland schon nicht so schlimm kommen wird. Dass das Virus im Sommer den Rückzug antritt. Dass es wird wie letztes Jahr. In Südafrika war die letzten Monate Hochsommer. Trotzdem stieg die Corona-Kurve wegen der Südafrika-Mutante dramatisch an. Anders als 2020 werden steigende Temperaturen uns diesmal nicht aus der Patsche helfen. Im Gegenteil: Wenn jetzt gelockert wird, erlebt Deutschland, was das Königreich im Winter durchmachen musste: Den drohenden Verlust jeglicher Kontrolle in der Pandemie. Und was dann?

Lieber zu viel als zu wenig Vorsicht

Die Briten hatten zwei Mittel, sich der Entwicklung entgegenzustemmen: Einen strengen Lockdown. Und Impfstoff. Davon gibt es in Deutschland bekanntlich zu wenig. Und das Wenige wird nur zäh verimpft. Umso wichtiger ist es, wenigstens das zweite Gegenmittel möglichst unverdünnt zu verabreichen: Den Lockdown. Im Moment bedeutet das, nicht zu öffnen. Es ist besser, über ausgefallene Ferienreisen zu murren als Angehörige und Freunde zu betrauern, die noch am Leben sein könnten, wenn die Politik verantwortlicher gehandelt hätte.

Die Briten haben die dramatischsten Zahlen erstmal hinter sich. Sie können es sich leisten, ab März zur Normalität zurückzukehren. Die Lockerungen kommen allerdings langsam, nach und nach, mit langen Pausen, um die Kontrolle zu behalten. Alles steht unter dem Vorbehalt, dass sofort Schluss ist mit lustig, wenn sich die Lage wieder dramatisch verändert. Selbst der notorisch leichtfüßige Premierminister in London hat seine Lektion gelernt und lässt lieber zu viel als zu wenig Vorsicht walten. Es genauso zu machen, sollte den vernünftigen, zielorientierten Deutschen nicht allzu zu schwer fallen.

Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) Christine Heuer, geboren 1967 in Bonn, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Anglistik. Sie war für den Deutschlandfunk freie Korrespondenten im Bonner und Berliner Hauptstadtstudio, Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen und in der Kölner Chefredaktion Chefin vom Dienst. Heuer war zuletzt Redakteurin in der Abteilung Aktuelles und moderierte viele Jahre lang die Sendung "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Seit 2020 berichtet sie als Korrespondentin aus Großbritannien und Irland.   

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