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StartseiteKommentare und Themen der WocheWichtig ist nicht der Hersteller, sondern die Impfung an sich17.02.2021

CoronavirusWichtig ist nicht der Hersteller, sondern die Impfung an sich

Die Debatte um den Corona-Impfstoff von AstraZeneca sei von vielen Missverständnissen geprägt, kommentiert Martin Mair. Denn er schütze sehr gut - auch vor einem schweren Krankheitsverlauf. Ihn bei einer Impfung abzulehnen, sei irrational und letztendlich für den gesamten Erfolg der Impfkampagne gefährlich.

Ein Kommentar von Martin Mair

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Der Impfstoff von AstraZeneca im Einsatz (ZUMA Wire)
AstraZeneca-Impfstoff: Zu Unrecht in der Kritik, findet Martin Mair (ZUMA Wire)
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Es ist schon verrückt: Erst waren Impfstoffe gegen Covid-19 heißbegehrte Mangelware, jetzt ist die lebensrettende Spritze mancherorts ein Ladenhüter. Genauer gesagt: Das Mittel von AstraZeneca. Es wirkt nur zu 60 Prozent, während die anderen beiden Impfstoffe zu über 90 Prozent schützen – so ist es überall zu lesen. Prompt gilt AstraZeneca als Mittel zweiter Wahl. Das ist ebenso wie falsch wie gefährlich.

Die Wirksamkeit von AstraZeneca

Falsch, weil es auf einem Missverständnis beruht. 60 Prozent Wirksamkeit setzen viele gleich mit: Von zehn Geimpften sind nur sechs geschützt, vier dagegen bekommen trotz Spritze Covid-19. Doch so ist es nicht. Denn mit Wirksamkeit ist bei Impfstoffen etwas Anderes gemeint. Die Prozentzahl verrät, wie viel kleiner das Risiko für eine Erkrankung bei Geimpften ist im Vergleich zu Ungeimpften. 60 Prozent ist da für einen Impfstoff ein guter Wert. Zum Vergleich: Viele Grippe-Impfstoffe haben bei Älteren eine Wirksamkeit von gerade einmal 50 Prozent und retten trotzdem jährlich hunderttausende.

Weitaus wichtiger ist ohnehin eine andere Frage, nämlich: Kann ein Mittel einen schweren Krankheitsverlauf verhindern? Genau das ist bei AstraZeneca der Fall. Der Impfstoff schützt davor, beatmet auf einer Intensivstation zu landen oder gar an Covid-19 zu sterben.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Gefährlich ist dieses Missverständnis, weil es zur Verunsicherung beiträgt. Sie ist ohnehin vorhanden – angeheizt durch den unerträglich lauten Sound der Impfgegner.

Montgomery und Astrazeneca

Besonders tragisch ist das Missverständnis, wenn es Berufsverbände, Gewerkschaften oder gar Mediziner verbreiten. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery ist absolut unverdächtig, Teil der Impfverschwörungstheoretiker zu sein und macht trotzdem eine unglückliche Figur. Ausgerechnet er hat erklärt: Medizinisches Personal und Pflegekräfte sollten nicht mit dem Mittel von AstraZeneca geimpft werden, sondern sich den Hersteller selbst aussuchen.

Impfstoffwahl ist irrational und deshalb unnötig

Es würde vermutlich vielen Impfwilligen ein gutes Gefühl geben, wenn sie ihren Impfstoff selbst wählen könnten - bloß können wir uns diesen Luxus nicht leisten, weil der Impfstoff noch Wochen knapp bleiben wird. Und wer nicht emotional, sondern rational die verschiedenen zugelassenen Wirkstoffe betrachtet, kommt unweigerlich zum Schluss: Wichtig ist nicht der Hersteller, sondern die Impfung an sich. Nur mit ihr hört der Pandemie-Alptraum halbwegs schnell auf.

Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet. (imago / Future Image) (imago / Future Image)Corona-Impfstoffe in der Übersicht
Im Wettlauf um die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs melden immer weitere Unternehmen vielversprechende Ergebnisse. Die EU-Behörde EMA hat bisher drei Stoffe zugelassen. Wie sie wirken und welche Impfstoff-Kandidaten es noch gibt.

Damit nun nicht ein anderes Missverständnis aufkommt: Eine Wahlmöglichkeit für oder gegen eine Impfung ist in einem freien Land wie Deutschland gut und richtig. Eine Wahlmöglichkeit für oder gegen einen bestimmten Impfstoff ist dagegen irrational und deshalb unnötig.

Diesen Vorwurf muss übrigens jeder aushalten, der einen Impftermin ablehnt, weil ihm das Mittel nicht passt. Wer eine Impfung ausschlägt, darf sich über den Lockdown nicht beschweren. Wer lieber wartet auf ein vermeintlich besseres Mittel, gefährdet letztlich den Impferfolg. Wer all das wissentlich tut, während die sozialen und ökonomischen Folgen der Pandemie immer größer werden, der missachtet das, was wir letztlich am meisten in dieser Krise brauchen: Solidarität.

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