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CoronavirusWie sinnvoll sind Massentests für die ganze Bevölkerung?

19.08.2020, Nordrhein-Westfalen, Bielefeld: "Testzentrum" steht auf einem Schild an einer Zufahrt zu einem Drive-In für einen Massentest für Schüler und Lehrer mehrerer Schulen der Stadt.  (dpa)
Coronavirus - Testzentrum (dpa)

Luxemburg und die Slowakei haben im Kampf gegen die Corona-Pandemie auf Massentests der ganzen Bevölkerung gesetzt. Nun plant Österreich einen ähnlichen Schritt.

Die gesamte Bevölkerung durchzutesten und auf einen Schlag Gewissheit über den Infektionsstand im Land zu haben, klingt verlockend. Die Hoffnung ist, dass danach Corona-Maßnahmen ganz gezielt eingesetzt werden können. Soweit die Theorie. Doch in der Praxis gibt es etliche Probleme. Dies zeigen die Erfahrungen der Länder, die bislang Massentests durchgeführt haben. Als Grundformel gilt: Je größer die Bevölkerung, desto größer ist die Herausforderung, diese Massentests umzusetzen. So ist es wenig verwunderlich, dass dies in Europa bislang nur kleinere Staaten machten. Das bevölkerungsreichste Land ist dabei die Slowakei mit 5,5 Millionen Menschen.

Beispiele Luxemburg und Andorra

Luxemburg gehört zu den kleinen Staaten in der EU, er zählt nur rund 600.000 Einwohnerinnen und Einwohner, also ungefähr so viele wie Düsseldorf oder Stuttgart. Aber selbst in Luxemburg musste wegen der großen Anzahl an benötigten Tests die Überprüfung der gesamten Bevölkerung zeitlich gestreckt werden. Mitte Mai hatte man angefangen, Einheimische und Berufspendler auf freiwilliger Basis zu testen. Das zog sich über Wochen hin. Die Hoffnung, mit einem Massentest quasi einen Nullpunkt zu haben, ab dem dann passgenau gehandelt werden kann, ist also sogar im kleinen Luxemburg enttäuscht worden.

Die Massentests in der Slowakei

Auch in der Slowakei wurde ein Großteil der 5,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner zeitlich gestreckt getestet. Eingesetzt wurden dabei Antigen-Schnelltests. In einer ersten Runde waren rund 3,6 Millionen Menschen getestet worden. Dabei wurden über 38.000 positiv getestet. Formell war die Teilnahme freiwillig. Wer aber nach den Testterminen kein negatives Testergebnis vorweisen konnte, fiel unter eine rigorose Ausgangssperre, bei der noch nicht mal der Weg zur Arbeit erlaubt war. Der slowakische Regierungschef Igor Matovic sieht in den Tests eine Alternative zu einem Lockdown, wie er in zahlreichen anderen Ländern Europas umgesetzt wird. Er will den Massentest darum wiederholen.

Als die Slowakei übrigens entschieden hat, die Einreisebestimmungen in der Corona-Pandemie zu verschärfen, hat das Land den Nachweis eines negativen PCR-Tests vorgeschrieben, der nicht älter als 72 Stunden sein darf. Dem beim Massentest eingesetzten Antigen-Schnellverfahren traut man hier nicht.

Die Pläne in Österreich

Bundeskanzler Kurz hat am 15. November im ORF Massentests auf das Coronavirus zumindest in Teilen der Bevölkerung angekündigt. Die Slowakei sei ein Erfolgsbeispiel. Man habe sich in Österreich für einen ähnlichen Schritt entschieden. Über die genauen Pläne wolle die Regierung in der kommenden Woche informieren. Klar sei aber bereits, dass zum Beispiel Lehrerinnen und Lehrer getestet werden sollen, um im Dezember die Schulen nach dem derzeit geltenden Lockdown möglichst sicher wieder öffnen zu können. Außerdem seien weitere Tests vor Weihnachten angedacht. Es sei ein gutes Instrument, um das Infektionsgeschehen positiv zu beeinflussen. In Österreich leben knapp neun Millionen Menschen.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Massentests für die gesamte Bevölkerung werden aktuell nicht diskutiert. Deutschland ist das bevölkerungsreichste Land der EU mit rund 83 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Es gab jedoch bereits gezielte Massentests in einzelnen Regionen oder Einrichtungen - so beispielsweise im Kreis Gütersloh nach dem massenhaften Corona-Ausbruch beim Fleischfabrikanten Tönnies.

Fazit

Für Massentests gilt im Grunde das Gleiche wie für alle anderen Tests auch: Sie sind von begrenzter Aussagekraft. Darauf weist die Infektionsforscherin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum hin. Nach dem Massentest in der Slowakei habe man zwar für den Moment gewusst, wer nicht infiziert ist: "Das heißt aber nicht, dass die nicht am nächsten Tag positiv sein können. Das ist eine Momentaufnahme, um zu sehen, wie es jetzt gerade um uns steht und um die Dunkelziffer zu erfassen." Kritiker von flächendeckenden Massentests haben sogar die Befürchtung geäußert, dass Warteschlangen vor Testzentren im schlimmsten Fall eine Infektionsquelle sein könnten.

Hinzu kommt die Frage, welche Art von Test angewandt wird. Schnelltests können zwar die Labore entlasten, weil sie bereits unmittelbar im Testzentrum ein Ergebnis liefern. Aber sie haben eine deutlich höhere Fehlerquote. Und die sichereren PCR-Tests können nur in begrenztem Maße von den Laboren ausgewertet werden. Immer wieder wird die Forderung geäußert, die wichtigen Labor-Kapazitäten besser für Tests von systemrelevanten Berufsgruppen (Pflege, Schule, Kita) sowie Risiko-Gruppen zu nutzen.

Entscheidend für die Zuverlässigkeit der Testergebnisse ist zudem, wie der dafür benötigte Rachenabstrich gemacht wurde. Norbert Suttorp von der Berliner Charitè sagt zur Wirkung der Schnelltests: "Diesen Rachenabstrich durch die Nase muss einfach ein Profi machen, sonst ist der Test nicht verwertbar." Und je größer die Menge an zu testenden Menschen ist, desto größer ist auch die benötigte Anzahl an Fachpersonal, das die Tests durchführt. Kurzum: Der aussagefähige Massentest einer gesamten Bevölkerung ist eine sehr große Herausforderung.

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Diese Nachricht wurde am 21.11.2020 im Programm Deutschlandfunk gesendet.