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CoronavirusWie weit ist die Suche nach Medikamenten gegen Covid-19?

Eine Ampulle des Medikaments liegt verpackt in einem Plastikbeutel auf einer Hand. (dpa/Ulrich Perrey)
Remdesivir wird weltweit gegen Covid-19 getestet - hier eine Ampulle an der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf (dpa/Ulrich Perrey)

Die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus wird noch dauern, und so richten sich einige Hoffnungen darauf, die Krankheit Covid-19 künftig wenigstens besser behandeln zu können. Die Weltgesundheitsorganisation sieht bei einer Studie einen "Durchbruch". In Europa soll es eine Zulassung von Remdesivir zur Behandlung von Covid-19-Patienten geben.

Weltweit laufen verschiedenste Versuche, um ein Medikament gegen die Lungenkrankheit zu finden, die in schweren Fällen tödlich verlaufen oder bleibende Schäden hinterlassen kann. Die Weltgesundheitsorganisation begrüßte die vorläufigen Ergebnisse einer britischen Studie zu einem Medikament gegen die Lungenkrankheit Covid-19 als "lebensrettenden Durchbruch".

"Großartige Neuigkeiten"

Bei dem Entzündungshemmer Dexamethason handle es sich um das erste Mittel, das die Sterblichkeit von Covid-19-Patienten verringere, die auf Sauerstoff oder Beatmungsgeräte angewiesen seien, sagte WHO-Chef Tedros einer Mitteilung zufolge. "Das sind großartige Neuigkeiten", hieß es weiter.

Die vorläufigen Ergebnisse der klinischen Studie weisen darauf hin, dass Dexamethason die Sterberate bei schweren Covid-19-Verläufen senken könnte. Bei Patienten, die künstlich beatmet wurden und das Medikament bekamen, sank die Sterberate um ein Drittel, wie die federführenden Wissenschaftler der Universität Oxford mitteilten. Die Ergebnisse sind aber bisher nicht von anderen Experten begutachtet worden.

Sterblichkeit teilweise um ein Drittel gesenkt

In der Studie untersuchen WissenschaftlerInnen die Eignung verschiedener bereits zugelassener Medikamente als Mittel gegen Covid-19. Insgesamt sind den Angaben zufolge mehr als 11.500 Patienten aus über 175 Kliniken in Großbritannien in die Studie aufgenommen. Der Dexamethason-Teil der Studie umfasste demnach 2.104 Patienten, die für zehn Tage einmal täglich 6 Milligramm Dexamethason bekamen. 4.321 Patienten dienten als Kontrollgruppe.

Die Sterblichkeit nach 28 Tagen war unter den künstlich beatmeten Patienten am höchsten. Sie lag ohne Dexamethason-Behandlung bei 41 Prozent. In der Versuchsgruppe sank sie um ein Drittel. Bei den Patienten, die Sauerstoff bekamen, aber nicht künstlich beatmet wurden, sank sie um ein Fünftel. Bei den Patienten, die gar keinen Sauerstoff benötigten, zeigte die Behandlung keine Wirkung.

Basierend auf den Zahlen würde bei der Behandlung von acht schwerkranken Covid-19-Patienten durch Dexamethason ein Todesfall verhindert, hieß es. Das Medikament wird üblicherweise als Entzündungshemmer eingesetzt, etwa bei Entzündungen von Haut und Gelenken.

WHO stoppt Tests

Ein Teil der Forschungsarbeit für ein Medikament gegen Covid-19 wird von der Weltgesundheitsorganisation koordiniert: Vier Medikamente, die als mögliche Kandidaten galten, wurden seit Anfang April in der sogenannten Solidarity-Studie getestet. Mehr als 70 Länder machen mit, auch mehrere deutsche Kliniken sind beteiligt. Weltweit sollen 10.000 Patientinnen und Patienten daran teilnehmen.

Die vier Wirkstoffe, die in dieser Studie weltweit versuchsweise verwendet wurden, sind ursprünglich gegen andere Krankheiten entwickelt worden. Das hat aus Sicht der WHO den Vorteil, dass sie schon verfügbar sind und sich vergleichsweise schnell in großen Mengen herstellen ließen, wenn sie sich denn als wirksam gegen Covid-19 erweisen. Das Mittel Remdesivir wurde ursprünglich gegen Ebola entwickelt. Hydroxychloroquin ist ein Malaria-Mittel und in den anderen beiden Versuchsreihen werden zwei Varianten des HIV-Medikaments Kaletra eingesetzt.

Die Solidarity-Studie ist modular angelegt: Neue Erkenntnisse können dazu führen, dass weitere Medikamente aufgenommen werden, hieß es. Zeige sich hingegen, dass Wirkstoffe den Patienten schadeten, werde dieser Teil der Tests beendet. Beim Mittel Hydroxychloroquin stoppte die WHO die klinischen Tests zur Behandlung der Covid-19-Krankheit. Patienten werden auch nicht mehr mit Lopinavir/Ritonavir behandelt, das gegen HIV entwickelt worden war. Es habe sich gezeigt, dass die Mittel bei den Patienten praktisch keinen Einfluss auf den Verlauf der Krankheit gehabt hätten.

Remdesivir

Im Kampf gegen das Ebola-Virus hatte Remdesivir zwar versagt und wurde nicht zugelassen, es zeigte sich aber zumindest, dass es recht gut verträglich ist. In den USA sprach die Arzneimittelbehörde nach ersten Forschungsergebnissen eine Sonderzulassung des Mittels für Covid-19-Erkrankungen aus. Am 25. Juni zog die Europäische Arzneimittel-Agentur nach und ließ den Wirkstoff zur Behandlung von Coronavirus-Infektionen zu - allerdings unter Auflagen: Zulässig sein soll Remdesivir bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren, die eine Lungenentzündung haben und Sauerstoff benötigen.

In Deutschland war das Mittel bislang schon innerhalb eines Arzneimittel-Härtefallprogrammes zugänglich und wird in klinischen Studien getestet. Hier gab es durchaus positive Signale: Bei einigen Patienten hätten sich schon sehr gute therapeutische Effekte gezeigt, sagte der Chefarzt der München Klinik Schwabing, Wendtner, im Deutschlandfunk. "Wir können sagen: Remdesivir wirkt", sagte der Leiter der Infektiologie an der Uniklinik Köln, Fätkenheuer, dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Es habe sich gezeigt, dass das Medikament bei einer Covid-19-Erkrankung den schweren Verlauf abmildere und verkürze.

Auch die Ergebnisse einer Studie aus den USA verstärken die Hoffnungen auf eine Wirksamkeit vom Remdesivir. Laut der Fachzeitschrift "New England Journal of Medicine" verkürzt das antivirale Mittel die Genesungsdauer von Covid-19-Patienten um rund 30 Prozent. An der Studie des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten nahmen 1.063 Covid-19-Patienten in den USA sowie in neun weiteren Ländern in Europa und Asien teil. In Südkorea wurde am 1. Juli mit der Verabreichung des Mittels an Covid-19-Patienten begonnen.

Nach der Bekanntgabe der US-Regierung, große Teile der weltweiten Remdesivir-Bestände der kommenden Monate gekauft zu haben, gab es auch in Deutschland und Europa Sorge über die Verfügbarkeit. Gesundheitsminister Spahn erklärte, dass es in der Bundesrepublik trotz der US-Aufkäufe ausreichend Reserven des Medikaments gebe.

Malaria-Medikamente eher ungeeignet?

Über die Malaria-Medikamente Chloroquin und Hydroxychloroquin entbrannte eine Debatte. Zunächst wiesen die erhobenen Daten auf ein erhöhtes Sterberisiko bei der Einnahme der Medikamente hin, berichteten Forschende aus den USA und der Schweiz im Fachjournal "The Lancet". Aufgrund von Unklarheiten in den erhobenen Daten räumten die Forscher später jedoch ein, nicht für die Korrektheit der Daten garantieren zu können.

Die Weltgesundheitsorganisation stoppte klinische Tests mit Hydroxychloroquin mittlerweile. Schon zuvor hatte die WHO ausdrücklich davor gewarnt, dieses und andere Medikamente zu empfehlen oder gar außerhalb von Studien selbst einzunehmen. Man sei besorgt über Berichte, dass Menschen eine Selbstmedikation mit Chloroquin vornähmen und sich dadurch ernsthafte Schäden zufügen könnten. Mit dieser Warnung reagiert die WHO unter anderem auf die Erklärung von US-Präsident Trump, er nehme das Mittel "zur Vorbeugung" selbst ein.

Das Rheumamittel Tocilizumab

Eine weltweite Studie testet die Wirkung des Rheumamittels Tocilizumab bei Covid-19-Erkrankungen. In diesem Rahmen sei das Mittel auch drei Patienten an der Uniklinik München verabreicht worden, sagte der Intensivmediziner von Bergwelt im Deutschlandfunk. Den Patienten gehe es besser. Dies könne aber auch ein natürlicher Verlauf sein. Mit ersten Ergebnissen der kompletten Studie rechnet von Bergwelt im Sommer.

Nach aktuellem Stand könne man aber davon ausgehen, dass Covid-19-Patienten mit einem schweren Verlauf der Krankheit von dem Mittel profitieren könnten, betonte von Bergwelt. Trotzdem sei das Mittel keine Wunderwaffe gegen das Coronavirus. Dafür seien zu viele Komponenten noch unerforscht.

Russland führt antivirales Medikament Avifavir ein

Das russische Gesundheitsministerium hat Anfang Juni landesweit das Medikament Avifavir zur Behandlung von Coronavirus-Patienten zugelassen und an Krankenhäuser ausgeliefert. Das Medikament, das bereits in den 1990er Jahren entwickelt wurde, wird vom Pharmakonzern ChemRar hergestellt. Der russische Staatsfonds RDIF ist zu 50 Prozent an dem Unternehmen beteiligt.

Laut RDIF hatten klinische Tests mit 50 freiwilligen Soldaten eine hohe Wirksamkeit von Avifavir gegen Covid-19 bewiesen. Dabei sei die Krankheitsdauer der Infizierten deutlich verkürzt worden. Nach Angaben der russischen Regierung sollen rund 60.000 Menschen pro Monat mit dem Mittel behandelt werden.

Mammutaufgabe Massenproduktion

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass es am Ende wohl mehrere Medikamente sein werden, die in Kombination gegen Covid-19 helfen. Das zeige die gesamte Geschichte der ansteckenden Krankheiten, heißt es in einem Übersichtsartikel der Fachzeitschrift Nature. Die nächste Herausforderung werde dann darin bestehen, die Produktionskapazitäten so zu erhöhen, dass man möglichst bald Hunderte Millionen Einzeldosen verfügbar habe - und zugleich politische Verteilungskämpfe vermeide.

(Stand 25.06.2020)

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