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StartseiteCorsoMit Härte gegen den Pop 28.03.2015

Corsogespräch Mit Härte gegen den Pop

In den 90ern zählten The Prodigy zu den Pionieren der britischen Electronica-Szene und standen für laute, harte Beats, minimalistische Texte und eine lupenreine Punkrock-Attitüde. Ihr neues Album "The Day Is My Enemy" ist ein ungenierter Seitenhieb auf die Dance-Musik der Neuzeit - auf Superstar-DJs und Live-Sets aus der Konserve. Eine Entwicklung, für die Mastermind Liam Howlett kein Verständnis hat.

Liam Howlett im Gespräch mit Marcel Anders

Marcel Anders: Herr Howlett, "The Day Is My Enemy" klingt so aggressiv und wütend, das es einer musikalischen Kampfansage gleicht. Wenn ja: An wen oder was?

Liam Howlett: Es ist tatsächlich eine Kampfansage - und eine Reaktion auf unsere Umgebung. Denn es scheint, als wäre die elektronische Musik von der Popmusik entführt worden. Einfach, weil momentan alles ein bisschen zu weich und zu glatt klingt. Und wenn das der Fall ist, muss eine Gegenreaktion stattfinden.

Genau das ist dieses Album. Denn weil es kein anderer tut, bleibt es an uns hängen, mit etwas aufzuwarten, das ein bisschen auf Konfrontation gebürstet ist. Und dem stellen wir uns. Zumal es im Grunde ja nichts anderes als das ist, was wir schon immer gemacht haben - außer, dass die veränderte Musiklandschaft dieses Album noch ein bisschen härter und heftiger erscheinen lässt.

Im Sinne von: Es ist kein Party-Platte wie "Invaders", sondern fokussierter. Einige Leute sagen sogar, es wäre wütender. Ich selbst verwende eher den Begriff "brutal". Denn wir sind keine wütenden Menschen, aber die Musik ist definitiv eine Reaktion.

Anders: Was läuft bei der aktuellen elektronischen Musik falsch - warum klingen die meisten Stücke so beliebig und gleich?

"Wir haben nichts gegen DJs"

Howlett: Es ist seltsam. Denn vor zwei Jahren gab es noch eine aufregende Dubstep-Szene, in der wirklich viel passiert ist. Aber es liegt in der Natur der Zeit, in der wir leben - mit dem schnelllebigen Internet. Da bekommen neue Sachen einfach nicht mehr die Chance, allzu lange präsent zu sein, ehe die Leute auch das letzte bisschen Kreativität aus ihnen herausgesaugt haben.

Und wenn eine neue Band auftaucht, muss sie direkt mit dem ersten Album einen Hit haben. Andernfalls hat sie keine Gelegenheit, es bis Album Nummer drei zu schaffen. Dagegen gab es früher, in den guten alten Zeiten, noch Verträge über bis zu fünf Alben. So etwas existiert nicht mehr. Was eine Schande ist.

Anders: Die aktuelle elektronische Musik wird von Superstar-DJs wie David Guetta oder Calvin Harris dominiert, die die Club-Kultur in die Stadien und somit in den Mainstream transportieren. Ist das eine gesunde Entwicklung?

Howlett: Zunächst einmal haben wir nichts gegen DJs. Wir kommen schließlich auch aus der Kultur - und deswegen bin ich der Meinung, dass wir das Recht haben, da Stellung zu beziehen.

Was wir in den letzten Jahren feststellen mussten, ist eine offenkundige Bequemlichkeit, die gewisse DJs an den Tag legen. Ihnen geht es nur noch darum, mit den Armen durch die Luft zu fuchteln, statt gute Musik zu machen. Was bei unserem Track "Ibiza" für einen extrem giftigen Text gesorgt hat. Und das ist kein Angriff auf die Insel an sich. Wir waren da im letzten Sommer und hatten eine tolle Zeit - aber wir haben auch viel beobachtet, was uns nicht gefallen hat. Als Reaktion darauf haben wir diesen sarkastischen Text verfasst.

Anders: Dem britischen "Guardian" haben Sie ein Interview gegeben, in dem sie zwar keine Namen nennen, aber sehr heftig gegen DJs wettern, die nur noch ein vorproduziertes Programm abspulen. Ist das inzwischen gang und gäbe?

Howlett: Das scheint wirklich normal zu sein. Ich meine, die Geschichte dahinter ist, dass unser Lichtmensch bei einigen DJs aushilft. Ich nenne bewusst keine Namen, aber er hat uns erzählt: "Ich spiele das Set für einen bekannten DJ." Was ich erst nicht glauben konnte - aber es stimmt: Er hat das Licht für diesen DJ gemacht und gleichzeitig dessen Musik abgefahren. Was verrückt ist. Und einfach zu weit geht. Sind wir wirklich an dem Punkt, an dem Leute nichts mehr live machen?

Darüber hatte ich neulich ein sehr interessantes Gespräch mit Sven Väth. Wir waren zusammen auf Australien-Tour, und er ist jemand, den wir sehr respektieren, weil er ein DJ alter Schule ist. Also jemand, der wirklich noch Platten mixt. Und wir stimmen mit ihm überein - auch in Bezug auf den Disput, den er mit David Guetta hatte, und wo es um genau dieses Thema ging. Da ist er wie wir. Und wir mögen ihn. Also Sven Väth - nicht David Guetta.

Anders: Bei so viel Sendebewusstsein: Warum haben Sie sich für die neuen Songs dann fast sechs Jahre Zeit gelassen? Ist das in dieser schnelllebigen Branche nicht viel zu lang und somit geradezu verantwortungslos?

Howlett: Nicht für uns! Denn das Merkwürdige an dieser Band ist, dass wir uns in einer Art Zeitkapsel befinden. Wir bewegen uns von Album-Zyklus zu Album-Zyklus, aber nicht von Jahr zu Jahr - wie jemand, der einem geregelten Job nachgeht.

Ich meine, einige meiner Freunde haben ganz normale Jobs. Und ohne ihnen nahe treten zu wollen: Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich viel jünger bin als sie. Einfach, weil mich die Band jung hält. Es ist schwierig zu erklären, aber es fühlt sich wirklich so an, als würden wir in einer Art Zeitkapsel stecken, die sich langsamer bewegt als meine Kumpel, die Börsenmakler oder was auch immer sind.

Anders: Wenn Sie die Ravekultur der späten 80er - also zu der Zeit, in der Sie angefangen haben - mit dem vergleichen, was 2015 in den Clubs passiert, inwiefern unterscheidet sich das?

"Zu Hause höre ich gar keine Musik"

Howlett: Wir gehen nur noch in Clubs, wenn wir auf Tour sind. Das sind die Momente, in denen wir ausgehen. Wenn ich zu Hause bin, höre ich gar keine Musik mehr. Das tue ich nur noch, wenn ich selbst welche schreibe. Und ich verspüre auch kein Verlangen, auf einen Rave zu gehen. Einfach, weil ich keine Lust mehr darauf habe und weil es mir nichts gibt.

Insofern sparen wir uns das für die Tourneen auf. Dann probieren wir bestimmte Clubs aus. Und es ist wichtig, das zu tun. Einfach, weil du als Produzent up to date sein musst. Gleichzeitig ist es aber auch sehr nützlich, um zu wissen, was du nicht willst.

Anders: Wobei Sie aber auch vornehmlich zu einer Zeit komponieren, in der normale Menschen längst schlafen …

Howlett: Ja …

Anders: Absichtlich?

Howlett: Mit voller Absicht. Ich war schon immer ein Nachtmensch. Und nachdem wir sechs Monate darauf verwendet hatten, den Gesang aufzunehmen, entschied ich mich für die letzten drei oder vier Monate nur noch nachts zu arbeiten. Ich bin dann gegen 18 Uhr im Studio aufgeschlagen und erst gegen fünf Uhr morgens nach Hause gefahren. Was allein deshalb wichtig war, weil unsere Musik erst dann richtig zum Leben erwacht. Sei es, weil wir all unsere Konzerte zu vorgerückter Stunde spielen, und weil mir das als eine ganz normale Umgebung zum Komponieren erscheint.

Wobei ich die Tatsache liebe, dass es sich irgendwie anders anfühlt. Du schaust aus dem Fenster und das inspiriert dich zu etwas, was dir nie um neun Uhr morgens einfallen würde. Einfach, weil das Tageslicht etwas Krasses hat, das dir das Gefühl gibt, du wärest ein Buchhalter oder etwas in der Art. Und wäre ich schon zu der Zeit im Studio, bekäme ich nicht viel auf die Reihe.

Anders: Ist Ihre Nachtaktivität auch die Parallele zu diesem Fuchs, der so etwas wie ein Maskottchen des Albums zu sein scheint, und auch das Coverartwork ziert?

Howlett: Ganz genau. Und Füchse waren schon immer auf Londons Straßen zu Hause. In der City gibt es jede Menge von ihnen. Als ich um vier oder fünf Uhr morgens aus dem Studio kam, war da immer einer, der einfach an mir vorbei gelaufen ist. Er muss also da geschlafen haben, wo mein Auto stand. Und ich fand, dass er ein bisschen was von mir hat, denn er ist sehr umtriebig und macht, was er will. Insofern hielt ich ihn für eine gute Metapher für diese Art von Nachtaktivität. Eben das Leben bei Nacht.

Anders: The Prodigy feiern 2015 ihr 25-jähriges Dienstjubiläum. Macht Sie das zu einer Institution - zu den "Paten des Rave"?

Howlett: Ich bin glücklich mit dem Titel. Im Sinne von: Er ist OK. Und es ist ein bisschen so, als ob wir ihn brauchen, aber auch dagegen kämpfen. Denn wir benötigen immer etwas, gegen das wir angehen können. Wobei es allerdings die Medien sind, die mit solchen Begriffen aufwarten. Man bezeichnet sich ja nicht selbst so.

Es ist einfach so, dass mein Leben darin besteht, Musik zu machen. Und das hat nichts von einem Job, sondern es ist das, was ich liebe - also warum aufhören? Ich meine, ich bin verheiratet, ich habe Kinder, aber ich bin auch ein Teil von The Prodigy. Das sind die Dinge, die mich ausmachen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"The Day Is My Enemy", Cooking Vinyl, LC: 7180, Katalognummer: PROMO

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