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StartseiteCorso"Ich glaube, dass jeder ein guter Instrumentalist werden kann"21.03.2015

Corsogespräch mit Robben Ford"Ich glaube, dass jeder ein guter Instrumentalist werden kann"

22 Soloalben, Liveaufnahmen, unzählige Gastauftritte, Gitarrenlehrvideos – Robben Ford ist eine lebende Legende des Blues und der Fusionmusic. Viele Fans und Gitarristen bewundern seinen Ton und sein Spielgefühl. Im Corso-Gespräch verrät er, was man braucht, um ein guter Musiker zu werden.

Robben Ford im Gespräch mit Tim Schauen

US band 'Renegade Creation' guitarist Robben Ford performs on stage during his 32th Cordoba_s Guitar Festival concert at Axerquia Theatre in Cordoba, southern Spain, 10 July 2012. (picture alliance / dpa /Rafa Alcaide)
Der Gitarrist Robben Ford bei einem Konzert in Spanien (picture alliance / dpa /Rafa Alcaide)

Tim Schauen: Mister Ford, nach dem großen Erfolg ihres Albums "Bringing It Back Home", das ausschließlich von anderen Musikern geschriebene Stücke enthielt, war der Nachfolger "A day in Nashville", nicht so erfolgreich – welche Konsequenzen haben Sie daraus für die Arbeit an ihrem nächsten Album "Into the sun" gezogen?

Robben Ford: Das ist eine interessante Sichtweise! Normalerweise covere ich höchstens mal hier und da ein Lied von Anderen, aber sonst schreibe ich meine Stücke in der Regel selbst. Das war schon eine wirkliche Ausnahme – aber Sie haben Recht: Kommerziell war das Album "Bringing it back home" ein Riesenerfolg, aber auch künstlerisch, denn ich habe für das Album drei Tage mit wirklich herausragenden Musikern arbeiten können. Für die jetzige Produktion "Into the sun" hatte ich aber keinen besonderen Ansatz, ich wollte auch nicht bewusst irgendetwas verändern, außer, dass es wieder Stücke sein sollten, die ich geschrieben habe. Und dafür musste ich mich einfach wieder auf die Muse einlassen, ihr folgen. Man weiß vorher nie so genau, wohin die Reise gehen wird. Also es gab auch bei diesem Album keinen "Ansatz", ich habe einfach Songs geschrieben.

Schauen: "Into the sun" ist ihr 22. Soloalbum, in den allermeisten Fällen werden Sie als Ausnahmegitarrist wahrgenommen und nicht als Songwriter...

Ford: Bestimmt habe ich mich in all den Jahren als Musiker weiterentwickelt, aber ich weiß, dass ich auch als Songschreiber weiter gekommen bin. In den letzten, ich würde sagen, 20 Jahren habe ich mich vor allem um mein Songwriting gekümmert, darum, wie ich ein Stück live mit Band präsentieren will, gerne auch ohne das sonst obligatorische Gitarrensolo. Daher bin ich mit dem neuen Album auch sehr zufrieden. Aber es enthält immer noch genügend Gitarren, und auch eine Menge Gastmusiker, die auch Gitarre spielen: Warren Haynes, Sonny Landreth undsoweiter.

Schauen: Und mit diesen Gitarrenlegenden sind Sie dann zum Titanenkampf auf sechs Saiten angetreten?

Ford: Also Wettstreit ist ja so ziemlich das letzte, was mir vorschwebt – aber ich habe mich sehr gefreut, dass die Kollegen mitmachen wollten. Allerdings waren wir leider nicht zusammen im Studio, sondern haben nur Audiofiles ausgetauscht, weil die Leute ja über den Planeten verteilt sind. Ich habe Audiodateien verschickt und gesagt: Höre es Dir mal an, aber spiele nicht dazu, denk gar nicht an mich, sondern spiel' einfach! Und das habe ich dann später im Studio in mein Stück eingebaut.

Schauen: In Ihrem Gitarrenspiel nehmen Sie sich sehr zurück, lassen dem Song und den anderen Instrumenten und Ihrer Stimme viel Raum. Wie entscheiden Sie, wie viel Gitarre ein von Ihnen geschriebenes Stück benötigt oder verträgt?

Ford: Das ist eben Teil des lebenslangen Prozesses, das zu lernen. Wie soll ich das sagen? Normalerweise versuchen ja gerade vor allem Gitarristen, ihren Sound, ihre Eigenheiten zu entwickeln, um wiedererkannt zu werden. Wenn sie ihren Stil, ihren Signature-Sound gefunden haben, behalten ihn die meisten ein Leben lang. Ich aber suche nach anderen, möchte verschiedene dieser Sound-Siegel haben. Wenn mich ein bestimmter Sound, typische Phrasen nerven, ich müde werde, sie zu hören, dann muss ich etwas ändern. Spiel etwas, dass Du jetzt gerade fühlst!

Schauen: Ihre Musik wird oft als Blues beschrieben, dabei trifft das vor allem auf die Alben früherer Jahre zu. Sie haben sich weiter entwickelt, Fusion gespielt, Soul sogar - doch ihr Gitarrenspiel verrät immer noch die Herkunft. Nochmal: Viele Gitarristen spielen viel zu viele Noten, wie kann man das lernen, nur soviel zu spielen, wie für das Stück nötig ist?

Ford: Durch Entspannung! Du musst es zulassen! Sowas kann man nicht tun, sondern man kann es nur zulassen. Es geht um einen inneren Prozess, der ist unsichtbar, der ist nicht physisch, und für mich gibt es da zwei entscheidende Punkte: Entspannung und Selbstvertrauen. Irgendwann kümmerst Du Dich einfach nicht mehr darum, was andere denken, Du machst einfach wonach Dir ist – auch auf der Gitarre. Aber klar: Dazu sollte man schon die Blues-Pentatonik überall auf dem Griffbrett spielen können. Man braucht also schon etwas Technik und Knowhow, um diesen Zustand zu erreichen. Ich habe über Jahre hinweg immer mal wieder Unterricht gegeben, konnte das sogar irgendwann genießen. Vielleicht kann ich auf einem gewissen Level spielen, aber ich bin wahrlich kein besonders guter Lehrer.

"Jeder kann das machen, was wir Profimusiker machen"

Schauen: Um unverwechselbar zu werden, braucht es ein besonderes Merkmal: Bei Gitarristen ist es der Sound, bei Sängern das Vibrato in der Stimme, auf der Geige, dem Saxofon der Ton – wie kann man "Ausdruck" lernen?

Ford: Gerade haben wir schon über ganz einfaches Blues-Spiel gesprochen, da sind es ja eigentlich bloß sechs Töne, die zur Verfügung stehen, und deswegen ist es mir besonders wichtig, dass Du Dein Herz mit dem Instrument in Verbindung bringst, man sollte sich die Mühe machen, diese beiden Dinge – Herz und Instrument – als eins zu betrachten. Ich habe das oft als Aufgabe gegeben: 'Fühle, wie es ist, innerlich zu sprechen und setze das auf dem Instrument um, dann bekommst Du Ausdruck. Suche die fünf Töne der Pentatonik überall auf dem Griffbrett und lerne so eine Sprache, Deine Gefühle auszudrücken. Spiele so, als wolltest Du etwas sagen. Spiele drei Noten so, als wolltest Du sagen: Ich liebe Dich.' Es macht nur einen klitzekleinen Unterschied aus zwischen: irgendetwas spielen und etwas ausdrücken. Ausdruck entsteht, in dem man diese Verbindung eingeht. Und wenn Du das schaffst, dann bist Du BB King!

Schauen: Das klingt aber so, als bräuchte man dazu einiges an Erfahrung. Viele Gitarristen und Sammler bezahlen gerade mal wieder Unsummen für alte Instrumente. Braucht man für einen guten Ton auch unbedingt ein altes Instrument, weil es dieselbe Erfahrung mitbringt? Oder gar: Mehr Erfahrung, als derjenige, der es spielt? Verhilft eine Vintage-Gitarre also zwangsläufig zu einem guten, ausdrucksstarken Ton?

Ford: Mit elektrischen Gitarren, mit Instrumenten, und wahrscheinlich mit jedem Gegenstand ist es doch so: Du brauchst keine uralte Gitarre, um gut zu spielen und gut zu klingen. Braucht man nicht – und es gibt genügend Leute, die neue Instrumente den alten vorziehen und dabei fantastisch klingen. Dennoch würde ich es so beschreiben: Es ist wie ein altes T-Shirt, dass Du nach vielen Jahren in Deinem Schrank entdeckst. Du hast es früher gemocht, immer getragen, weil Du Dich darin gut gefühlt hast. Und mit Instrumenten ist es dasselbe – es geht dabei viel um ein gutes Gefühl, ein gutes Spielgefühl.

Schauen: Ob mit alter oder neuer Gitarre: Jeder kann für 15 Minuten berühmt werden, war es das was Andy Warhol im Sinn hatte?"

Ford: Ich glaube wirklich ganz fest daran, dass jeder ein guter Instrumentalist werden kann, die Fähigkeit dazu steckt in jedem von uns. Jeder kann das machen, was wir Profimusiker machen. Ich glaube das wirklich! Vielleicht nicht in diesem Leben, aber auf jeden Fall im nächsten. Aber okay: wenn es so lange dauert... Jedenfalls glaube ich daran, dass diejenigen Profi geworden sind, die genau das einfach tun müssen. Manche müssen einfach spielen! Nochmal zum Songwriting: Das Schreiben von Liedern ist reines Handwerk, das man entwickelt, man kann es lernen. In meinen 30ern konnte ich keine guten Stücke schreiben, sie waren vielleicht okay und ich entwickelte schöne Melodien, aber ich habe – ich würde sagen – zehn Jahre hart daran gearbeitet, gute Songs zu schreiben, bis ich für mich eine Art, ja, Durchbruch geschafft hatte. Nochmal zehn Jahre habe ich daran gearbeitet, mich weiter zu verbessern – und nun bin ich bald 65 Jahre alt – und bessere Songs als jetzt habe ich meiner Meinung nach nie geschrieben. Ich bin drangeblieben und habe meinen Weg gefunden. Und das gilt auch für das Gitarrenspiel: ich bin immer drangeblieben, habe nicht aufgehört. Und so geschieht vielleicht etwas.

Schauen: Ich glaube aber schon, dass Virtuosen oder herausragende Musiker besondere Fähigkeiten, eine besondere Gabe mitbringen, die andere nicht haben.

Ford: Ich glaube nicht, dass sie etwas mitbekommen haben: Sie haben es sich erarbeitet, verdient. Sie haben es sich alle hart erarbeitet, sind tapfer dran geblieben, haben sich nicht darum gekümmert, was andere sagten oder erwarteten.

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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