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Countdown für den Klimawandel?

Klimapolitik. – Vor einigen Wochen machte der Zwischenstaatliche Ausschuss der UN für Klimawandel Furore mit seiner jüngsten Bestandsaufnahme zum Klimawandel. Was jetzt noch fehlt, sind Handlungsempfehlungen. Sie sollen erst im Mai veröffentlicht werden, allerdings tröpfeln Einzelheiten bereits in die Öffentlichkeit.

Von Volker Mrasek | 22.02.2007

Zeit zum Zaudern bleibt keine mehr. Um überhaupt noch eine gefährliche Klimaerwärmung vermeiden zu können, sollte das fossile Zeitalter spätestens im Jahr 2020 seinen Zenit überschritten haben. Das lässt sich aus dem Schlussentwurf für den dritten Teil des neuen UN-Klimareports folgern. Nach den Darlegungen des IPCC, des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen, bleiben höchstens noch 10-15 Jahre Zeit. Bis dahin muss die Trendwende bei den Treibhausgasen geschafft sein. Der Ausstoß von Kohlendioxid, Methan und Lachgas darf nicht mehr von Jahr zu Jahr steigen wie heute noch, sondern er muss zurückgehen. Und das deutlich. Grundlage dieser Befunde ist die zurzeit beste Schätzung für die so genannte Klima-Sensitivität. Sie gibt an, welche Temperatursteigerung zu erwarten ist, wenn Treibhausgase in der Atmosphäre weiter zunehmen. Im Berichtsentwurf heißt es hierzu, Zitat:

"Geht man von der besten Schätzung für die Klima-Sensitivität aus, dann ist es erforderlich, dass die Emissionen innerhalb der nächsten zehn Jahre ihren Höhepunkt erreichen. [Nur dann] kann die Zunahme der globalen Mitteltemperatur auf 2 bis 2,4 Grad Celsius begrenzt werden, verglichen mit dem vorindustriellen Niveau."

Zwei Grad plus gelten vielen Klimaforschern als kritische Temperaturschwelle. Wird sie überschritten, könnten unumkehrbare Prozesse im Klimasystem in Gang kommen, wie man heute glaubt. Dann drohen sogar die großen Eisschilde Grönlands und der West-Antarktis komplett abzutauen. Der Meeresspiegel würde dann um mehrere Meter ansteigen, wenn auch auf sehr langen Zeitskalen. In der EU ist es sogar verbrieftes Klimaschutz-Ziel, unter zwei Grad plus zu bleiben. Mit gutem Recht, meint der Chef-Wissenschaftler der britischen Regierung, David King. Denn auch an Europa werde eine so starke Erwärmung nicht spurlos vorübergehen, wie King noch vor kurzem äußerte:

"”Man kann hier auf die Sommer in Mitteleuropa zu sprechen kommen. Ihre Temperaturen sind jetzt schon so hoch wie 1947, das lange als Jahr mit einem Rekordsommer galt. Und wenn wir weiter in die Zukunft schauen, dann könnte es um 2050 herum jedes Jahr so heiß werden wie kürzlich im Extremsommer 2003. Damals starben über 30.000 Menschen.""

Aus der Sicht des UN-Klimarates ist es erforderlich, dass die Energiewirtschaft massiv in "kohlenstoffarme Technologien” investiert, etwa in erneuerbare Energieträger wie Sonne und Wind. Als Optionen werden aber auch neue, moderne Kernkraftwerke genannt und die Abscheidung von Kohlendioxid aus dem Rauchgas künftiger Kohlekraftwerke. Klimaforscher wie der deutsche Regierungsberater Hans-Joachim Schellnhuber dürfen sich jetzt in ihrer Einschätzung bestätigt sehen. Auch der Physiker rät schon länger zu raschem Handeln. Schellnhuber:

"In den nächsten zehn, 15 Jahren müssen diese Investitionsentscheidungen getroffen werden ganz massiv. Und wenn es nicht gelingt, dann können wir Wissenschaftler nicht mehr garantieren dafür, dass das noch beherrschbar sein wird."

Eine klare Absage erteilen die IPCC-Experten dem sogenannten Geo-Engineering. Nach diesen Konzepten sollte der Mensch versuchen, aktiv in den Strahlungshaushalt der Erde einzugreifen. Vorgeschlagen wurde etwa, Unmengen winziger Schwefelpartikel in die Atmosphäre einzubringen, um einfallendes Sonnenlicht zu reflektieren. Die USA machen sich für solche Lösungen stark. Der UN-Klimarat dagegen hält davon offenbar gar nichts. Zitat aus der Zusammenfassung des neuen Reports:

"Methoden, um CO2 direkt aus der Luft zu entfernen oder das Sonnenlicht abzublocken, bleiben weitgehend spekulativ, unkalkulierbar in ihren Kosten und [verbunden] mit einem Potential für unbekannte Nebeneffekte."

Nach dem neuen UN-Klimabericht ist es noch immer möglich, einen gefährlichen Klimawandel zu vermeiden. Dazu bedürfe es allerdings einer zügigen und massiven Energiewende. Die IPCC-Experten schlagen zudem vor, sich nicht allein auf Kohlendioxid zu konzentrieren, sondern auch die anderen Treibhausgase in ihren Emissionen zu reduzieren - etwa Methan und Lachgas aus der Landwirtschaft. Eine solche "Multi-Gas-Strategie" verspreche größere Erfolge im Kampf gegen die Klimaerwärmung.