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Covid-19Auf der Suche nach wirkungsvollen Medikamenten

Forscher in Schutzkleidung arbeiten an einem Medikament gegen Covid-19 (picture alliance / Zoonar.com / Robert Kneschke)
Forscher arbeiten an Medikament gegen Covid-19 (picture alliance / Zoonar.com / Robert Kneschke)

Der Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus ist das wirkungsvollste Mittel, um dessen Ausbreitung und auch die Bildung neuer Virus-Varianten einzudämmen. Hier kommt die Entwicklung von Impfstoffen schnell voran. Was aber hilft, um schwere Verläufe von Covid-19 zu verhindern? Noch immer werden viele Patientinnen und Patienten im Krankenhaus behandelt, täglich sterben zahlreiche Menschen an oder mit einer Corona-Infektion. Ein einzelnes Medikament gegen Covid-19 gibt es bisher nicht. Machtlos sind Ärztinnen und Ärzte dennoch nicht. Ein Überblick.

Was muss ein Medikament gegen Covid-19 können?

Covid-19 verläuft in mehreren Stadien - die bestimmen, ob und wann ein Wirkstoff nützlich ist oder sogar schädlich sein kann. Ein Beispiel: Zu Beginn der Infektion vermehrt sich das Virus in den Körperzellen. Das Immunsystem des Körpers wird aktiv und bekämpft die Infektion. Hier sind Medikamente sinnvoll, die das Immunsystem bei seiner Arbeit unterstützen oder selbst gegen das Virus oder dessen Vermehrung wirken. Verläuft die Infektion schwer und der Patient oder die Patientin muss ins Krankenhaus und bekommt es mit einer überschießenden Immunreaktion zu tun, wäre es schädlich, ein Medikament zu geben, das das Immunsystem zusätzlich anheizt. Außerdem ist eine Gabe von Medikamenten immer mit Nebenwirkungen verbunden.

Welche Ansätze zur Medikamentenentwicklung gibt es?

Die Entwicklung neuer Präparate ist - ähnlich wie bei Impfstoffen - ein aufwändiger und meist zeitraubender Prozess. Darüber hinaus gibt es Projekte, um bereits für andere Erkrankungen zugelassene Medikamente auch für die Behandlung von Covid-19 zu nutzen. Im Fokus stehen Präparate aus einer der folgenden Gruppen:

- Antivirale Medikamente
- Entzündungshemmer
- Herz-Kreislauf-Medikamente
- Antikörper; Rekonvaleszentenplasma

Antivirale Medikamente

Sie sollen direkt gegen die Vermehrung der Viren wirken. Denn Viren können sich nicht etwa teilen, wie es Bakterien oder andere Zellen tun: Sie dringen in Zellen ein und zwingen diese, ihre Aktivität auf die Produktion neuer Viren umzustellen. Um dem entgegenzuwirken, gibt es zwei grobe Strategien: Man hemmt etwa Funktionsmoleküle, die das Virus braucht, um die Zelle zu kapern. Oder man hemmt essenzielle Teile der zellulären Produktionsmaschinerie, die auf Virenproduktion umprogrammiert wurde.

In Deutschland ist Remdesivir als einziges antivirales Präparat zur Behandlung von Covid-19 zugelassen, allerdings nur in ausgewählten Fällen und möglichst für ein frühes Stadium der Erkrankung. Studiendaten belegen eine Verkürzung der Krankheitsdauer um 33 Prozent, allerdings nur in schweren Fällen. Für einen milden bis moderaten Verlauf ist ein Nutzen von Remdesivir nicht belegt.

Diskutiert, aber nicht nachgewiesen wurde ein Nutzen zur Behandlung von Covid-19 mit Präparaten wie Lopinavir und Ritonavir. Beide werden bei der Behandlung von HIV-Infektionen genutzt und wirken auf Enzyme, die das Virus braucht, um funktionsfähige Moleküle herzustellen.

Insbesondere in Lateinamerika wurde häufig mit Ivermectin behandelt, einem Mittel, das in der Tiermedizin gegen bestimmte Wurmparasiten eingesetzt wird. Eine Laborstudie schürte zunächst die Hoffnung, dass sich die hier beobachtete antivirale Wirkung gegen Sars-CoV-2 auch beim Menschen nachweisen ließe. Eine im Fachportal JAMA publizierte Arbeit kommt allerdings auf Grundlage einer randomisierten Patientenstudie zu dem Schluss, dass - zumindest bei mildem Krankheitsverlauf - keine eindeutige Wirkung vorliegt.

Entzündungshemmer

Ein Problem bei schweren Covid-19-Verläufen ist eine überschießende Reaktion des Immunsystems. Mit anderen Worten: Es ist nicht mehr das Virus, das die Hauptprobleme verursacht, sondern die Reaktion des Körpers. Hier kommen Steroide wie Dexamethason ins Spiel. Dexamethason gehört zur Gruppe der Kortisone, die das Immunsystem bremsen. Vorläufige Patientendaten aus Großbritannien zeigen, dass eine Gabe von Dexamethason bei schweren Fällen die Sterblichkeit an Covid-19 verringert. Auch in Deutschland wird Dexamethason in schweren Fällen eingesetzt - das heißt, wenn der Patient oder die Patientin zusätzlich Sauerstoff bekommt.

Auch bei entzündungshemmenden Therapieansätzen wird am Einsatz monoklonaler Antikörper geforscht. Das Prinzip: gezielt eine Schaltstelle der überschießenden Immunreaktion zu hemmen. Dazu konstruiert man die Antikörper so, dass sie gegen Strukturen des Immunsystems gerichtet sind. Hier sind die Medikamente Tocilizumab und Anakinra in den Fokus geraten, die normalerweise gegen Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden. Zur Behandlung schwer erkrankter Covid-19-Patientinnen und -patienten mit Tocilizumab gibt es mehrere Studien, von denen noch keine das Peer-Review-Kontrollverfahren durchlaufen hat. Einige, darunter die umfangreichste aus Großbritannien, legen nahe, dass eine gleichzeitige Behandlung mit Tocilizumab und Dexamethason die Sterblichkeit bei schwer kranken Covid-19-Patientinnen und -patienten verringern kann. Das Robert Koch-Institut stuft Tocilizumab als Medikament mit einem nachgewiesenen Nutzen in der Behandlung von Covid-19 ein. Für Anakinra wurde ein solcher Nutzen bislang nicht nachgewiesen. Beide Präparate sind in Deutschland für eine Behandlung von Covid-19 zurzeit nicht zugelassen.

Herz-Kreislauf-Medikamente

Hier geht es vor allem um eine Anwendung bereits zugelassener Präparate. Im Laufe der Pandemie hat sich herausgestellt, dass die Bildung von Thrombosen, also Blutgerinnseln, eine häufige Komplikation von Covid-19-Patientinnen und -patienten ist, die im Krankenhaus behandelt werden müsssen. Das Risiko dafür ist offenbar besonders bei schwer Erkrankten erhöht. Das Robert Koch-Institut empfiehlt, solche Gerinnungshemmer frühzeitig prophylaktisch einzusetzen.

Antikörper

Zu den antiviralen Medikamenten gehören die Antikörperpräparate REGN-CoV-2 von Regeneron und Bamlanivimab der Firma Eli Lilly, die in Deutschland noch nicht zugelassen sind. Die Bundesregierung hat beide Mittel für die Behandlung von Risikopatienten gekauft. REGN-CoV-2 besteht aus einer Kombination zweier monoklonaler Antikörper, Bamlanivimab beinhaltet eine Sorte monoklonaler Antikörper. Beide wirken wie eine passive Impfung und sollen verhindern, dass Sars-CoV-2 in menschliche Zellen eindringt. Sie wirken, indem sie an charakteristische Strukturen auf der Oberfläche von Sars-CoV-2 binden, genauer gesagt, an das Spike-Protein, mit dem es an Rezeptoren auf der Oberfläche menschlicher Zellen bindet. Die Präparate sind vor allem in einer frühen Phase der Infektion sinnvoll, wenn sich das Virus stark vermehrt. Hier lesen Sie mehr zur Funktionsweise, Vor- und Nachteilen von Antikörper-Medikamenten.

Auch in Rekonvaleszentenplasma - also im Blutplasma genesener Covid-19-Patientinnen und -patienten - sind Antikörper enthalten. Ihre Wirkung ist abhängig von der Schwere der durchgemachten Erkrankung und davon, wie lange diese zurückliegt. Anders als die monoklonalen Antikörper aus dem Labor handelt es sich hier um eine Mischung von Antikörpern gegen verschiedene Virusstrukturen, die der Körper im Verlauf einer Infektion mit Sars-CoV-2 selbst gebildet hat. Man kann ein solches gereinigtes Serum in einer frühen Phase der Erkrankung verabreichen, um vor einem schweren Verlauf zu schützen. Diese Methode wurde auch bei anderen Virusausbrüchen angewandt, etwa in der Ebola-Epidemie 2014 in Westafrika. Für eine Behandlung von Covid-19 ist Rekonvaleszentenplasma in Deutschland bislang nicht zugelassen. Das Robert Koch-Institut hält einen Einsatz in individuellen, schweren Fällen für denkbar.

Forschungsansätze:Ein Nasenspray als Virus-Prophylaxe?

Geforscht wird auch an Medikamenten, die verhindern sollen, dass sich Viren - etwa nach Kontakt mit einem Infizierten - in der Schleimhaut einnisten. Dazu arbeitet ein internationales Wissenschafts-Team etwa an einem Nasenspray, das den Eintritt der Viren in die Zellen der Nasenschleimhaut verhindern soll. Im Tierversuch mit Frettchen hat das funktioniert, wie die Forschenden im Fachmagazin Science schreiben. Die Tiere, die zuvor mit dem Spray behandelt worden waren, erkrankten nach längerem Kontakt mit infizierten Artgenossen nicht. Die Virologin Sandra Ciesek spricht im NDR von einem wichtigen Forschungsansatz, betont aber, der Weg bis zu einem möglichen Prophylaxe-Medikament dieser Art sei "ein langer", der "eher Jahre dauern" werde.

Ein Beispiel für die Forschung an neuen antiviralen Medikamenten ist Molnupiravir: Zunächst für die Behandlung von Grippe entwickelt, dafür aber vor der Zulassung gescheitert. Jetzt meldet der Hersteller, der US-Pharmakonzern Merck & Co, erste Erfolge aus Versuchen mit Frettchen: 24 Stunden nach Beginn der antiviralen Behandlung waren keine infektiösen Partikel mehr in den Abstrichen nachweisbar. Ähnliche Ergebnisse lieferten Studien an Mäusen. Molnupiravir wird derzeit in klinischen Studien für die Anwendung bei Menschen erprobt.

Ein weiteres Beispiel für die Entwicklung neuer antiviraler Medikamente liefert die deutsche Firma Formycon. Sie entwickelt ein Präparat, dessen Wirkstoff-Molekül dem Zell-Rezeptor nachgebildet ist, den das Virus nutzt. Das Unternehmen argumentiert, dadurch sei für das Präparat auch eine gute Wirkung gegen Virus-Varianten zu erwarten. Ein Problem für diese Art Wirkstoff besteht darin, die ursprüngliche Funktion des Zell-Rezeptors im Organismus zu erhalten. Formicon versucht dies zu lösen, indem es sein Wirkstoff-Molekül mit einer weiteren Funktionseinheit ausstattet. Das Präparat befindet sich am Anfang der sogenannten präklinischen Entwicklung, also noch vor den klinischen Studien, deren Erfolg für eine Zulassung notwendig ist. Das Unternehmen strebt nach eigenen Angaben eine Notfallzulassung im kommenden Jahr an.

Das Milken-Institut - ein US-amerikanischer Think Tank, der unter anderem Forschungsergebnisse zu Covid-19 sammelt - pflegt eine Liste der Präparate, die als Impfstoff oder Therapeutikum in der Pandemie untersucht werden.
Einzelheiten zur Forschung an weiteren Medikamenten hat unsere Forschungsredaktion zusammengestellt. Vor allem an Fachleute richtet sich die Leitlinie zur stationären Behandlung von COVID-19-Patienten, die von mehreren Fachgesellschaften zusammengestellt wurde.

(Stand: 8.3.21)

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