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StartseiteKommentare und Themen der WocheRiskant, diesen Ausbruch für kontrollierbar zu halten21.06.2020

COVID-19 bei TönniesRiskant, diesen Ausbruch für kontrollierbar zu halten

Mehr als 1.300 Infizierte beim Fleischverarbeiter Tönnies und immer noch kein Lockdown im Kreis Gütersloh. NRW-Korrespondentin Vivien Leue kommentiert, die Landesregierung wolle zeigen, dass sie alles im Griff habe. Dabei verspielten die Behörden womöglich wertvolle Reaktionszeit.

Von Vivien Leue

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Ein Helfer in Verl, wo viele Tönnies-Mitarbeiter wohnen, die positiv auf das Coronavirus SARS-CoV-2 getestet wurden (picture alliance / dpa / David Inderlied)
Lässt sich der große Ausbruch unter Tönnies-Mitarbeitern wirklich so sicher lokalisieren? Unsere Korrespondentin Vivien Leue ist da skeptisch. (picture alliance / dpa / David Inderlied)
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Die unter den Länderchefs ausgehandelte Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern und sieben Tagen, sie ist im Kreis Gütersloh weit, sehr weit überschritten. Und trotzdem: Kein Lockdown. Denn, so heißt es von der politischen Landesspitze, der Ausbruch sei ja lokalisierbar. Er spiele sich fast ausschließlich unter den Tönnies-Beschäftigten ab.

Das zeige – sagt heute Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) – welche sozialen Probleme es in der Branche gebe: Die Beschäftigten aus Ost- und Südosteuropa, sie würden sich eben nicht mit dem Rest der Bevölkerung mischen. Aktuell stützen die Infektionszahlen diese Argumentation. Aber es ist doch mittlerweile genug über das Virus bekannt, um auch zu wissen: Viele Infektionen verlaufen symptomfrei, und wenn Symptome kommen, dann erst Tage nachdem der Infizierte schon längst ansteckend ist.

Behörden verspielen womöglich wertvolle Zeit

Deshalb: Sollten die aktuell mehr als 1.300 infizierten Tönnies-Mitarbeiter doch einmal im Bus auf dem Weg zur Arbeit anderen Menschen zu nah gekommen sein, und die Maske dabei nicht ganz korrekt über Mund und Nase getragen haben, oder sollten sie mit den Nachbarn einen vielleicht zu engen Plausch gehalten haben – dann dürfte es doch noch zu weiteren Infektionen kommen. Und dann hätten die Behörden bei der Eindämmung dieses Ausbruchs kostbare Zeit verloren.

Ist dieses Risiko wirklich so minimal, dass die NRW-Regierung es eingehen kann? Oder geht es sie ein, um zu zeigen: Alles nicht so schlimm, die Zahlen sind hoch, aber wir kommen damit klar. Denn sie steht unter Rechtfertigungsdruck: Wie kann es sein, dass es nach einem massenhaften Corona-Ausbruch beim Tönnies-Konkurrenten Westfleisch im Mai jetzt schon wieder einen solchen Ausbruch gibt? Gingen die Lockerungen doch zu weit? Waren die Hygiene-Kontrollen beim Fleischproduzenten Tönnies möglicherweise nicht ausreichend streng?

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Strafanzeigen gegen Tönnies

Überhaupt Tönnies: Der Staatsanwaltschaft Bielefeld liegen mehrere Strafanzeigen vor: Der Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz stehen im Raum. Arbeits- und Gesundheitsminister Laumann sagte heute: Er habe schon lange aufgehört, der Fleischindustrie zu vertrauen und auf ihre Freiwilligkeit zu hoffen. Dann fragt sich aber schon, warum die Branche nicht – insbesondere jetzt zu Corona-Pandemiezeiten – viel, viel engmaschiger überwacht wurde.

Fragen über Fragen – und dabei ist noch gar nicht diskutiert worden, wer eigentlich die Kosten dieses Ausbruches trägt. Das Unternehmen Tönnies will den Menschen im Kreis Gütersloh nun freiwillige Coronatests bezahlen, immerhin. Ordnungs- und Gesundheitsämter arbeiten allerdings im Akkord, unterstützt von der Bundeswehr und Polizei. Sie müssen in den nächsten Tagen und Wochen überwachen, ob die Quarantäne-Auflagen eingehalten werden. Bei 1.300 unterschiedlichen Adressen, an denen die knapp 7.000 Mitarbeiter leben – ist das machbar?

Folgen noch kaum absehbar

Es bleibt ein mulmiges Gefühl nach diesem Tag, nach dieser Woche im Kreis Gütersloh und darüber hinaus. Die Folgen des Tönnies-Ausbruches sind wahrscheinlich noch gar nicht alle absehbar – die gesundheitlichen, wirtschaftlichen – und politischen Folgen.

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